Zweites Standbein

75 Jahre MV Agusta

MV Agusta ist legendär. Von den späten 50er- bis Mitte der 70er-Jahre dominierte der italienische Hersteller die Weltmeisterschaft und baute atemberaubende Serienmotorräder. Nach einer Insolvenz kam die Marke mit exklusiven Sportmotorrädern zurück. 2020 feiert man in Varese das 75. Firmenjubiläum.

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Zwar hatten bereits kurz nach dem Tod des Flugpioniers und Firmengründers Graf Giovanni Agusta 1927 seine Erben ein kleines Zweitakt-Motorrad entwickeln lassen, um sich ein zweites Standbein neben der Flugzeug-Produktion zu schaffen. Als eigenständige Firma, die sich ausschließlich mit dem Bau von Motorrädern beschäftigte, gründete Graf Domenico Agusta aber erst 1945 die Meccanica Verghera Agusta – abgekürzt MV Agusta.

Keine Vespa, aber dennoch ein Erfolg

Das erste Motorrad der Marke sollte eigentlich „Vespa 98“ heißen, aber da Piaggio sich bereits den Namen für seinen Motorroller gesichert hatte, blieb es bei der Modellbezeichnung „98“, was auch der Hubraumgröße in Kubikzentimetern entsprach. Ausgeliefert wurden die ersten Exemplare 1946, das Jahr in dem MV Agusta auch in den Rennsport einstieg und prompt seinen ersten Sieg beim Langstrecken-Rennen von La Spezia erringen konnte. Im November 1946 gelang es der jungen Marke sogar beim Rennen in Monza die ersten drei Plätze zu belegen – ein kleiner Vorgeschmack auf die Dominanz der MV Agustas in den kommenden drei Jahrzehnten.

Im Rennsport dominant

Schon 1952 holte der Brite Cecil Sandford in der 125er-Klasse den ersten WM-Titel für MV Agusta. Die Marke sammelte insgesamt 38 Weltmeisterschaften und stellte mit 17 aufeinanderfolgenden WM-Titeln in der 500er Klasse einen Rekord für die Ewigkeit auf. Die besten Fahrer der Welt rissen sich um die Werksverträge mit der italienischen Marke, darunter John Surtees, Mike Hailwood und Phil Read.

Doch der erfolgreichste sollte ein Italiener namens Giacomo Agostini werden. „Ago“, wie ihn seine Fans bis heute liebevoll nennen, war mit der MV Agusta derartig überlegen, dass sich sogar Honda in den späten 1960er Jahren vorübergehend aus der 500er-Klasse zurückzog. Zwischen 1966 und 1975 gewann Agostini insgesamt 15 WM-Titel, 13 davon auf MV Agusta, und ist bis heute Rekord-Weltmeister. Zusätzlich holte er für MV Agusta 18 italienische Meisterschaften und gewann zehnmal bei der berüchtigten TT Isle of Man.

Die Produktion wuchs rasch

1947 sorgte MV Agusta auf der Messe in Mailand für einen Paukenschlag, als sie nicht nur eine Luxusversion der 98 vorstellten, sondern auch noch einen 125er-Zweizylinder-Zweitakter und einen 250er-Einzylinder-Viertakter präsentierten. In den 1950er Jahren wuchsen mit der Anzahl der Rennsiege auch die Verkaufszahlen. MV Agusta bot auch durchaus alltagstaugliche Motorräder an, aber die meistbeachtesten waren natürlich die Sportmodelle wie die 125 Motore Lungo. Im Jahr 1953 produzierte MV Agusta bereits sein 20.000ste Motorrad, der Verkauf wurde vor allem durch die 126 Pullman angekurbelt, die es im Laufe von fünf Jahren auf 27.000 Stück brachte und damit bis heute die meistverkaufte MV Agusta ist. Als das Unternehmen die Lizenz für den Nachbau von Bell-Hubschraubern erwarb – Agusta baute seit 1908 Flugzeuge –, reiften dadurch auch neue Technologien für den Motorradbau.