Unsichere Untote

Aufgedröselt: ICCT-Studie zu Abgastoten

Der Statistikör hat's schwör: Seine Betrachtung der Welt hilft uns viel besser, anhand der richtigen Wahrscheinlichkeiten zu entscheiden, braucht aber einige Vorbildung zum Verständnis. Die Organisation ICCT untersuchte statistisch den Einfluss von Verkehrsabgasen

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(Bild: Bosch)

Von
  • Clemens Gleich
Inhaltsverzeichnis

Die gemeinnützige Organisation „International Council on Clean Transportation“ (ICCT) hat eine Studie zu den Auswirkungen von Verkehrsabgasen auf die Gesundheit veröffentlicht. Berichte darüber finden Sie derzeit in kurzer Form in vielen Publikationen. Wir halten die Arbeit für interessant genug, uns etwas länger mit ihr zu beschäftigen, damit einige Hintergründe klarer werden.

Was wurde untersucht?

Das ICCT untersuchte die Auswirkungen von Ozon, Feinstaub (PM 2,5) generell und Kohlenstoff-Feinstaub aus der Verbrennung von Kohlenstoff-Verbindungen (“Black Carbon“) im Besonderen im Vergleichszeitraum 2010 zu 2015. Die in letzter Zeit viel diskutierten Stickoxide kamen in der Untersuchung nur indirekt vor: Sie reagieren in der Atmosphäre zu Nitraten und Sulfaten, die PM-2,5-Partikel bilden und damit in die Untersuchung gelangten. Weitere Studien, die Stickoxide direkt mit einbeziehen, könnten also zu anderen, eher höheren Ergebnissen für die Schädlichkeit von Verkehrsabgasen kommen.

Wie wurde das untersucht?

Das ICCT verwendete das 3D-Rastermodell GEOS-Chem, um die Schadstoff-Belastungen örtlich zuzuordnen. In der Studie finden sich daher genaue Daten zu Ballungszentren genauso wie weltweite Heat Maps der untersuchten Werte. Die Daten für das Modell entstammen Messungen, Hochrechnungen und untergeordneten Modellen. Aus der Gesamt-Luftverschmutzung menschlichen Ursprungs errechnete das ICCT den Anteil, der auf den Verkehr entfällt. Aufgrund der Datenlage müssen solche Rechnungen Schätzungen bleiben. Die Forscher modellierten also die Fahrzeugflotte und errechneten aus diesem Modell den Verkehrsanteil der oben genannten Schadstoffe. Das Modell enthält nur die drei untersuchten Schadstoffe aus dem Abgasstrom. Es enthält explizit nicht die anderen Faktoren von Verkehr wie Lärm, Staubaufwirbelung, Bremsabrieb, Pendlerbelastungen, Stress und Verkehrstote.

Genauso nur als Schätzung möglich ist die Beziehung von Luftschadstoffen zu entsprechenden Krankheiten. Krankheiten sind multikausal. Einzelne kausale Faktoren können deshalb nur ungefähr in ihrem typischen Einfluss angegeben werden. Meistens reicht das aus, weil viele der starken unter ihnen gut untersucht sind. Man denke nur an Zigarettenrauch. Forscher versuchen hier, möglichst schlau zu schätzen und Fremdfaktoren herauszurechnen (noch einmal als Beispiel Zigarettenrauch). Die schlauen Schätzungen heißen dann „Modelle“. Sie werden mit neuen Erkenntnissen immer weiter verfeinert.

In einem ersten Durchgang dieser Studie gelangte das ICCT zum Beispiel zu einem Ergebnis von 3,9 Millionen vorzeitigen Todesfällen durch Feinstaub (in diesem Artikel geht es immer um die untersuchte Partikelklammer PM 2,5). Dieses Ergebnis wich aber erheblich von einer neueren Studie aus 2017 ab, die auch schlechte Wohnungsluft berücksichtigte. Nach der Korrektur auf diese neuen Erkenntnisse sank die Feinstaub-Rate auf 2,9 Millionen vorzeitige Tode. Diese Schätzungen unterliegen also immer teils erheblichen Fehlerspannen. Sauber geführte Studien (wie diese) geben die Fehlerspannen ihrer Vorannahmen daher im Studientext an.

Was waren die Ergebnisse?

Die Studie bestätigt viele Dinge, die man vorher ahnen konnte. Es hilft aber, solche Ahnungen wirklich zu prüfen, weil sich unter ihnen immer wieder menschliche Fehlahnungen finden. Bestätigte Ahnungen aus der Studie sind zum Beispiel: Wo strenge Luftreinhaltegesetze gelten, ist auch die Luft sauberer. Wo mehr gefahren wird, ist der Anteil des Straßenverkehrs an den Gesamtschadstoffen höher. Verkehrswachstum kann Fortschritte in der Emissionsgesetzgebung auffressen. Der weltweit überwiegende Anteil von Verkehrsabgasen stammt aus G20-Staaten, weil die den meisten Verkehr haben.

Städte mit viel Verkehr weisen hohe Abgasbelastungen auf. Die Top Ten waren hier (in absteigender Sortierung): Mailand, Turin, Stuttgart, Kiew, Köln, Haarlem, Berlin, Rotterdam, London und Leeds. Viele Städte vor allem in Asien leiden zwar häufig unter erheblich dreckigerer Luft, der Anteil des Verkehrs liegt dann dort aber niedriger gegenüber anderen Emittern wie Kohlekraftwerken oder Feststoffverbrenner-Öfen (Holz oder Kohle) in den Haushalten.