Flossen hoch

Cadillac: In zehn Schritten zur Legende

So entsteht eine amerikanische Legende. Auf Spurensuche in der Heldensaga der Marke Cadillac haben wir zehn Knackpunkte gefunden, die aus einer simplen Automarke den Inbegriff Amerikas gemacht haben

Lesezeit: 5 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 2 Beiträge
9 Bilder
Von
  • Bernd Kirchhahn
Inhaltsverzeichnis

Bei Cadillac muss das große Fass aufgemacht werden. Das ganz große. Die Marke ist nichts weniger als der Inbegriff Amerikas. Würde Ronald McDonald die Freiheitsstatue in einem Hochzeitskleid aus Weißkopfseeadlerfedern heiraten und dabei Coladosen aus einer Stars-and-Stripes-Bazooka feuern ... wäre das ein Fiebertraum, der nur um Nuancen amerikanischer wäre als der Name Cadillac. Die Antwort auf die Frage, wie es zu dieser identitätsstiftenden Funktion kommen konnte, soll an dieser Stelle aus zehn Meilensteinen zusammengepuzzelt werden.

1) Entstehung der Marke

Diese Geschichte ist der vielleicht finanzstärkste Treppenwitz der Geschichte. Milliarden stecken dahinter. Im Jahr 1899 gründete Henry Ford die Detroit Automobile Company. Nur zwei Jahre später war die Firma pleite und Ford benannte sie in Henry Ford Company um. Noch ein Jahr später flog Ford aus dieser Firma raus. An dieser Stelle muss kurz durchgeatmet werden. Denn innerhalb von nur drei Jahren hatte ein Mann (Henry Ford) das wirtschaftliche Geschick eines ganzen Landes für die kommenden 100 und mehr Jahre vorbestimmt. Denn erstens hatte er als einer der ersten Firmengründer überhaupt Detroit zu einer Autostadt gemacht. Der Rest ist Geschichte. Zweitens sollte er nach dem Debakel mit seinen ersten beiden Firmen die Ford Motor Company gründen, die ebenfalls Geschichte schreiben sollte. Und drittens gab es da noch seinen Nachfolger: Henry Martyn Leland. Der benannte die Henry Ford Company in Cadillac um. Damit bezog er sich auf Antoine Laumet de la Mothe, der 1701 die Stadt Detroit gegründet hatte. Ein Bauernsohn aus Frankreich, der sich einen adeligen Anstrich verpassen wollte, indem er an seinen ausstaffierten Namen gerne noch ein Sieur de Cadillac hing. Also „Monsieur aus Cadillac“ – seine winzige Heimatgemeinde an der Gironde.

2) Cadillac Thirty

Bevor Cadillac richtig durchstarten konnte, musste Geld in die Kasse. Vom Start weg litt Cadillac unter Produktionsengpässen und Qualitätsproblemen. Auch das Model D von 1905, der erste Vierzylinder der Marke, konnte diese Probleme nicht lösen. Bis zu dessen Weiterentwicklung zum Cadillac Thirty im August 1908. Änderungen im Produktionsprozess steigerten Menge und Qualität derart signifikant, dass das wesentlich bessere Auto um den halben Preis – also rund 1400 Dollar – angeboten werden konnte. Ab 1912 wurde sogar ein elektrischer Anlasser serienmäßig verbaut. In Summe wurden bis ins Jahr 1914 mehr als 65.000 Stück verkauft. Der Cashflow machte Cadillac wertvoll ...

3) General Motors

... was sich bereits 1909 auszahlen sollte. Denn zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte ein Goldrausch die Automobilbranche erfasst. Jeder der wusste, wie ein Schraubenschlüssel gehalten wird, gründete eine eigene Marke oder zumindest einen Zulieferbetrieb. Erfolg hatten die Wenigsten – gut für den Investor William Crapo Durant. Der hatte bereits 1904 Buick gekauft und die Marke hinter Ford zum zweitgrößten Hersteller des Landes gemacht. Was damals freilich noch nicht viel hieß. Jetzt, als das sprichwörtliche Blut durch die Straßen floss, ging er auf Shoppingtour. Günstig gliederte er Olds, Oakland und eine Reihe Winz-Hersteller und -Zulieferer ein, womit „General Motors“ geboren war. Die gekauften Marken waren zwar allesamt mehr oder weniger erfolglos, brachten aber Know-How, Händler und Bekanntheit. Für drei Millionen Dollar wollte Durant auch Cadillac kaufen. Doch die Marke reüssierte dank des Thirty gerade und die Verhandlungen zogen sich hin. Am 29. Juli 1909 fiel der Hammer dann zwischen 4,5 und 5,6 Millionen Dollar (die Quellen gehen hier auseinander) und „General Motors“ war (vorerst) vollständig.

4) Der Achtzylinder

Die vielleicht wichtigste Weiche zur Legende stellte Cadillac 1914, als die Marke den ersten Achtzylinder der Automobilgeschichte präsentierte, der in Großserie gebaut wurde. Dieser Schritt ist deswegen so wichtig, weil damit die Fahrgewohnheiten und das Lebensgefühl der weltweit größten Autonation geprägt werden sollten. „Erfunden“ hatten ihn zwar die französischen Firmen Darracq und De Dion Bouton, seinen Siegeszug jedoch trat er unzweifelhaft in den USA an. Schon die erste Version des Aggregats holte aus 5,1 Litern Hubraum 70 PS. Die letzte Version kam 1924 auf den Markt, leistete 83 PS, überzeugte aber vor allem mit einer noch nie dagewesenen Laufruhe. Innerhalb von zehn Jahren produzierte Cadillac 200.000 Achtzylinder. 2000 Stück davon dienten im ersten Weltkrieg als Offizierswagen in der US-Armee.

5) Henry und Wilfred

William Durant, Besitzer von General Motors, und Henry Ford – also ausgerechnet die beiden größten Autohersteller der USA – waren Pazifisten und weigerten sich, ihre Betriebe in die Kriegsmaschinerie der USA einzugliedern. Für den Patrioten Henry Leland, also den Mann, der die Henry Ford Company einst in Cadillac umbenannt hatte, grenzte das an Vaterlandsverrat. Er verließ 1917 im Alter von bereits 74 Jahren zusammen mit seinem Sohn Wilfred General Motors und gründete die Lincoln Motor Company. Zunächst nur zu dem Zweck Flugzeugmotoren für das Militär zu fertigen.