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Deutsche Mobility-Start-ups: Motor AI

Selbstfahrende, autonome Autos könnten zur nächsten Cash-Cow der Autohersteller werden. Mittendrin im Goldrush: Motor AI aus Berlin

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Jeder versteht etwas anderes unter einem autonomen Auto. Und weil das so ist, haben sich Europa und die USA auf einheitliche Definitionen verschiedener Stufen des autonomen Fahrens geeinigt. Sechs durchnummerierte Stufen gibt es. In der „Autonomiestufe 0“ übernimmt der Fahrer alle Aufgaben, die klassischerweise zum Autofahren gehören. Assistenzsysteme wie ein Abstandsregeltempomat kommen in „Autonomiestufe 1“ hinzu.

Aktuell arbeitet die Industrie daran, „Autonomiestufe 3“ in den Alltag zu bringen. Hier kann das Auto beispielsweise selbstständig den Blinker setzen und die Spur wechseln. Der Fahrer darf nebenbei andere Dinge tun, muss aber, eine bestimmte Vorwarnzeit vorausgesetzt, wieder lenken können.

„If-Then-Else-Autos“ – in Europa nicht zertifizierbar

Motor AI aber arbeitet an der Königsdisziplin. An den Autonomiestufen 4 (= Hochautomatisierung) und 5 (Vollautomatisierung). Bei beiden wird die Führung des Fahrzeugs dauerhaft vom System übernommen. Ziel der höchsten Stufe ist es, dass kein Fahrer mehr nötig ist. Ein Ziel wird eingegeben, das Auto fährt los.

Konkurrenz gibt es theoretisch viel – Waymo, Momenta, Aurora, Argo … praktisch besteht zu denen jedoch ein enormer Unterschied. Deren Systeme basieren darauf, dass dem System Einzelfall für Einzelfall, Fahrsituation für Fahrsituation beigebracht wird. Trifft das Auto auf ein Verkehrsszenario, das nicht in der Datenbank hinterlegt ist, wird es daran scheitern. Einerseits.

Andererseits ist das Verhalten dieser Systeme nicht nachvollziehbar. Es basiert, stark vereinfacht gesagt, auf einer If-Then-Else-Programmierung, deren fahrerischer Output in einer uneinsehbaren Blackbox geregelt wird. Das wäre, so Roy Uhlmann, einer der Gründer von Motor AI, in Europa nicht einmal zertifizierbar.

Und hier kommt Motor AI ins Spiel. Das Unternehmen möchte für seine Technologie eine europaweit gültige ISO-Zertifizierung durch den TÜV. Die Grundlage dafür sind zusätzliche Lidar-Sensoren und künstliche Intelligenz. Lidar-Sensoren, weil Kameras allein zu unpräzise sind. Und eine künstliche Intelligenz, weil deren Entscheidungen nachvollziehbar und reproduzierbar sein sollen. Dem System wird nicht stumpf eingepaukt, was alles passieren könnte, vielmehr darf es auf Grundlage der Sensoren selbst entscheiden.

Natürlich ist auch die künstliche Intelligenz nicht unumstritten. Nicht zuletzt gilt Elon Musk als großer Gegner. Wie auch Stephen Hawking sieht er in einer zu intelligenten KI eine Bedrohung für die Menschheit. Sein Unternehmen OpenAI beschäftigt sich mit Forschungen zu genau diesen Sorgen.

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Doch auch in dieser Hinsicht ist Roy Uhlmann engagiert. Er berät in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Bundesverbandes Deutsche Startups auch die Enquete-Kommission Künstliche Intelligenz.

Interview mit Roy Uhlmann, Mitgründer und CEO von Motor Ai

Können Sie uns Ihre Geschäftsidee in drei Sätzen erläutern?
Motor Ai entwickelt die Intelligenz für autonome Fahrzeuge der Level 4 und 5, sprich Fahrzeuge die keinerlei menschliche Intervention oder Aufsicht benötigen. Motor Ai ist das einzige deutsche Startup für Autonomes Fahren und hat sich auf die Einhaltung der Sicherheits- und gesetzlichen Anforderungen der Europäischen Union, im besonderen der Zertifizierung nach EU Regeln, spezialisiert. Das auf kognitiver Intelligenz basierende System ist in der Lage, Entscheidungen im komplexen Stadtverkehr zu treffen.

Wer ist Ihre Kundschaft?
Autohersteller sowie Personenverkehr-, Transport- und Logistikunternehmen.

Wer sind Ihre Konkurrenten und was haben Sie denen voraus?
Unsere wohl größten Konkurrenten sind Waymo aus den USA und Momenta Ai aus China. Die meisten Unternehmen im Bereich des Autonomen Fahren beziehen die sich auf einen anderen Ansatz zur Künstlichen Intelligenz (KI) als wir; hauptsächlich basieren solche auf Machine Learning und sind allesamt in Deutschland und Europaweit nicht zertifizierbar. Da wir kognitive KI anwenden, die im Gegensatz zu der KI unserer Konkurrenten einsehbar und nachvollziehbar ist, hält unser System sich an die Rechtslage der EU. Darüber hinaus ist unser System weitaus kosteneffizienter, da es nicht auf Millionen von gefahrenen Meilen und Szenarien trainiert werden muss. Während ausländische Unternehmen sich von der Änderung unserer europäischen Gesetze Erfolg versprechen, hat Motor Ai mit dem Zertifizierungsprozess bereits begonnen.

Welche konkreten und praktischen Vorteile haben Ihre Kunden durch Ihr Produkt?
Unsere Technologie ist zwar für Endkunden als sicheres autonomes Fahrprogramm erfahrbar, jedoch sind unsere direkten Kunden eher die Hersteller von Fahrzeugen und anderen Transportmitteln. Durch die starke KI, die wir entwickelt haben, können sich Transportwege effizienter, kostengünstiger, sicherer und pünktlicher gestalten. Darüber hinaus werden sich vollkommen neue Geschäftsmodelle entwickeln.

Wie weit sind Sie mit der Verwirklichung und wo stehen Sie in fünf Jahren?
Wir testen unser System bereits in komplexen Verkehrssituationen im Straßenverkehr. Außerdem schließen wir Partnerschaften mit etablierten Unternehmen und bieten kundenspezifische Endprodukte an. In fünf Jahren werden wir ein TÜV-geprüftes und versichertes autonomes Fahrzeug auf deutschen Straßen sehen.

(Bernd Kirchhahn) / (fpi)