Wir Deutsche wissen, was nicht geht. Amis bauen es trotzdem

Die Ethikbremse schleift

In erfrischender Hemdsärmeligkeit bringt ein kleines kalifornisches Startup der Robotik-Experten ein Nachrüst-System auf den Markt, das auf der Autobahn selbständig fährt und lenkt. Das ginge bei uns einfach nicht

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Der Sensorcluster verwendet preiswerte Standardteile: Stereokamera, Radare, GPS-Antenne, Bewegungssensoren. 5 Bilder
Von
  • Clemens Gleich
Inhaltsverzeichnis

In den USA arbeitet ein kleines Startup daran, einen erweiterten Tempomaten in den Verkauf zu bringen, der funktional nahe verwandt ist mit Daimlers System, das die S- oder bald die C-Klasse automatisch mit Lenken durch den Stau fährt. Das „Cruise RP1“ besteht aus einem Rechner, einigen Servos und einem Sensorcluster. Damit der Preis nicht zu hoch wird, verwendet der Sensorcluster Hardware, die nicht die Welt kostet: Stereokamera, Radar, mikromechanische Gyrometer, GPS. Auch hier weitgehende Übereinstimmung mit dem Mercedes-System.

Der erste große Unterschied: Das RP1 ist ein Nachrüstsystem, das zunächst für den Audi A4 und den S4 angeboten wird. Es kostet rund 10.000 Dollar und wird zuerst 50 Kunden in Kalifornien angeboten. Der zweite große Unterschied: Das RP1 ist ein richtiger, erweiterter Abstandstempomat, vergleichbar mit GMs angekündigtem „Supercruise“, während Daimler bei 60 km/h deaktiviert und außerdem verlangt, dass der Fahrer immer die Hände am Lenkrad lässt. Mit minimalen Modifikationen könnte eine S-Klasse wahrscheinlich dasselbe wie der umgebaute A4: Eine Erleichterung auf der Autobahn sein, bei jeder Tempomaten-Geschwindigkeit. Sie tut es aber nicht. Wahrscheinlich ist das Absicht.

Am spannendsten sind nämlich die Unterschiede in der Technik-Kultur zwischen den USA und uns. Dort gibt es freudige Akzeptanz eines neuen Systems: Oh, was kann das, was könnte es mir bringen, was kostet das, wann kann ich es haben? Kyle Vogt steht der kleinen neuen Firma vor und nennt das RP1 absichtlich einen „Highway Autopilot“, vermeidet also das Schlagwort „autonom“. Vogt ist ein bodenständiger Pragmatiker. Statt teure Karten einzukaufen, mappt sein Team selber Straßen, woraus der kleine erste Einsatzbereich resultiert. Statt einem teuren Laserscanner verwendet das Team preiswerte Standard-KFZ-Komponenten. Im technikverliebten Kalifornien werden sich die ersten 50 Käufer dafür in kürzester Zeit finden. Bei uns dagegen stößt schon die Nachricht, dass es so etwas eine halbe Welt entfernt bald gibt, auf Ablehnung.

Autonome Pferde

Mein automobiles Steckenpferd-Thema sind die Selbstfahrer, die in der letzten Zeit auf so interessante Weise Fahrt aufgenommen haben. Ich würde mich jederzeit in ein Auto setzen, das alleine fährt, temporär oder ständig. Das interessante, sehr häufige Argument dagegen ist schon in sich entlarvend: „Aberaber ich habe das ja dann nicht unter Kontrolle.“ Diese Kontrolle ist eine Illusion. Dieselben Leute setzen sich zu völlig abgelenkten Menschen ins Auto, in einen Bus, oder sie nehmen an einem Straßenverkehr teil, in dem sie realistisch betrachtet praktisch keine Kontrolle haben, weil sie die anderen Teilnehmer ja nicht kontrollieren. Dennoch fühlen Sie sich sicherer, wenn Sie am Rad drehen. Das ist eine menschliche Eigenart. Sie wird mit der Gewöhnung abnehmen. Wir haben auch gelernt, dem Autopiloten von Pferden zu trauen.