NIU Kid on the Block

Fahrbericht Elektroroller NIU N1S

Der aus China kommende Elektroroller NIU N1S heimste ob seiner guten Ausstattung viele Vorschusslorbeeren ein. Unser Fahrzeug im Test zeigte aber, dass man vielleicht noch warten sollte mit dem Kauf

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Ich wollte diesen Roller tatsächlich kaufen, damals, als ich meinen Honda Zoomer gerade verloren geben wollte. Deshalb war ich sehr erfreut, als ich den Elektroroller NIU N1S endlich testen konnte. Leider sind die vielversprechenden Ansätze noch nicht zufriedenstellend ausgearbeitet.

Zunächst zum Technischen: Der N1S läuft unter der EG-Fahrzeugklasse L1e: zweirädriges Kraftfahrzeug mit bauartbedingter Höchstgeschwindigkeit bis 45 km/h, Hubraum bei Hubmotoren bis 50 ccm und für alle Motorenarten inklusive Elektromotoren mit einer Motorleistung bis 4 kW. Man darf alle Fahrzeuge der EG-Klasse L inklusive L1e mit den Führerscheinen A, A1, A2, B (Autoführerschein) und T fahren oder als 16-Jähriger (meiste BRD) beziehungsweise 15-Jähriger (Bundesländer Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen) als AM gesondert erwerben. Ich schreibe das, weil ein bisschen in Vergessenheit zu geraten scheint, dass die meisten mündigen Bundesbürger eine Fahrerlaubnis für Roller bei sich tragen.

NIUs Roller erhielt einige Vorschusslorbeeren und einige glühende Testberichte. Sie sind recht einfach nachvollziehbar: Der N1S steht top da: Alu-Zweiarmschwinge, Alu-Gabelbrücken, Alu-Beifahrerfußrasten, LED-Blinker, LED-Rücklichter, LED-Tagfahrlicht, LED-Lampe, hydraulische Scheibenbremsen vorne und hinten, 200 kg Zuladung, Bosch-Antrieb, gefälliges Design, eigene Smartphone-App mit Statistiken und bei einer GSM-Verbindung auch Fahrzeuglokalisierung und aktueller Akkustand. Dazu kommt ein niedriges Fahrzeuggewicht mit niedrigem Schwerpunkt, einer Batterie im Boden zwischen den Achsen statt wie anderswo im Heck, einem daher verfügbaren Stauraum unter dem Sitz und einem Trittbrett, das wie beim Zoomer breit genug ist, um darauf schwereres Transportgut wie diese schmalen 1,5-l-Wasserkästen abzustellen. Die Batterie kann man herausnehmen und in der Wohnung laden. Klar wollte ich das kaufen für Stuttgarts Stadtverkehr.

Am Gasgriff hört die Freude auf

Zu meinem Bedauern funktioniert jedoch etwas sehr Zentrales überhaupt noch nicht gut, und das ist ausgerechnet der Gasgriff. Auf den Modi 1 und 2 ist er so lala bedienbar, wenn auch auffällt, dass der Leistungseinstellbereich sehr klein ist. Diese Modi sind jedoch nutzlos im Alltag, weil der Roller in Modus 1 15 km/h fährt, in Modus 2 30 km/h. Erst Modus 3 erlaubt dir die ohnehin schon nervenden 45 km/h, die zulassungstechnisch erlaubt sind.

Dieser Modus 3 schaltet die volle Leistung von bis zu 2,4 kW innerhalb von unter 2 mm Drehgriffbewegung auf, was sich anfühlt, als gäbe es keinen Drehgriff, sondern einen Schalter. Nach meinen zwei Wochen Test kann ich das etwas besser bedienen, und es ist tatsächlich kein Schalter, sondern nur ein sehr schlechtes Gasgriffmapping. Es erschwert jede Art von Fahren unterhalb von Vollstrom (Stau!) unnötig, es verlangt den Wechsel in die anderen Modi oder das Geruckel in Modus 3, und der Grund für so ein Verhalten ist mir schleierhaft.

Es kann nur an einem von zwei Dingen liegen: Entweder, sie haben es nicht besser hingekriegt oder dieses Ansprechverhalten entsteht mal wieder aus einem völlig fehlverstandenen Verständnis für Fahrdynamik, diesem blöden "alles muss Sport sein". Warum darf der NIU nicht einfach die Furzgurke sein, die er ist? Furzgurken kommen mit ihren eigenen Tugenden, als Mindestmaß mit guten Staudurchfahrungs-Eigenschaften. Der NIU ist schwieriger zu bedienen am Gas als das butterweich ansprechende elektrische Superbike Energica Ego mit 100 kW, um die Ausrede "aber die Leistung!" auszuhebeln, und das ohne aus den Komponenten erkennbare Not. Ich habe den Hersteller darauf angesprochen, und ein Sprecher sagte, er selber verwende Modus 3 eher auf freier Strecke, wenn er nicht an Kreuzungen oder im Verkehr stoppen und wieder anfahren muss. Das sagt alles aus, was man über das Gasgriffmapping wissen muss. Da müssen sie nochmal bei, wie man im Süden sagt.

Der Teufel in den Details

Die Fahreigenschaften des Chassis sind gut, die Bremsen sogar sehr gut, die Reifen besser als erwartet, der Federkomfort so naja. Die Fahreigenschaften werden jedoch auf der linken Seite sehr früh begrenzt vom aufsetzenden Seitenständer, den ich abgesehen davon sehr praktisch finde und überwiegend statt des Mittelständers verwendet habe.