Beauty und Biest

Fahrbericht Harley-Davidson Livewire

Die Harley-Davidson Livewire, weltweit erstes Elektro-Motorrad eines traditionellen Motorradherstellers, sieht nicht nur attraktiv aus. Ihr Antrieb lässt sie bei Bedarf binnen Sekundenbruchteilen brutal nach vorne stürmen, sie überzeugt aber auch dank eines guten Fahrwerks und reifer Elektronik

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Die Harley-Davidson Livewire, weltweit erstes Elektro-Motorrad eines traditionellen Motorradherstellers, ist ein insgesamt sehr ansehnliches Ding geworden. Nach unserer ersten Probefahrt mit einem noch etwas rauhen Prototypen 2015 konnten wir nun die für September verkaufsfertige Maschine fahren. Ihr Antrieb lässt sie bei Bedarf binnen Sekundenbruchteilen brutal nach vorne stürmen oder ganz kultiviert ihre Bahnen ziehen. Fahrwerk und Elektronik machen einen sehr reifen Eindruck.

„Wir haben allergrößten Wert auf das Styling, das Aussehen gelegt“, sagt Ben McGinley, verantwortlicher „Manager EV Styling“ bei Harley-Davidson. EV ist die Abteilung „Electric Vehicles“, deren Bedeutung innerhalb der 1903 in Milwaukee gegründeten und dort noch immer ansässigen Motor Company in den nächsten Jahren stark wachsen wird. Fünf Jahre haben sie dort gefeilt, am Tank, am Rahmen, am Kennzeichenhalter, am höchst ungewöhnlichen Rücklicht und an allen anderen Teilen.

Bock mit Block

Die viele Detailarbeit hat nach Meinung der Testfahrergruppe aus Deutschland insgesamt gefruchtet: Von vorn und von der Seite ist die Livewire ansehnlich wohlproportioniert trotz ihres 104 Kilogramm wiegenden Akku-Blocks, der voller Lithium-Ionen-Zellen steckt. Die Livewire – das zeigt die erste Testfahrt – ist aber zugleich ein echtes Sportsbike geworden, das sich auf Land- und Bergstraßen zumindest gefühlt vor einer BMW S 1000 R (Test) mit ihren 165 PS oder der 175 PS leistenden KTM 1290 Super Duke R (Test) nicht zu verstecken braucht; ein realer Vergleich war gleich am Tag eins der Livewire-Existenz selbstverständlich nicht möglich. Die jüngste Harley hat also zwei Seiten: Beauty ist sie immer, aber sie kann auch Biest. Nicht nur akustisch sieht der amerikanische Hersteller sie als Düsenjet.

Zwei Marken versuchen bereits seit Jahren, einen Markt für E-Motorräder aufzubauen, beide sind Start-ups. Am längsten aktiv ist Zero aus Kalifornien. Schon vor zehn Jahren erschien das erste elektrische Straßenmotorrad. Fünf Jahre später rückte Energica aus Modena/Italien nach. Einen Durchbruch in Europa erreichten beide Marken bisher nicht, auch wenn sie ihre Produkte von Jahr zu Jahr weiterzuentwickeln vermochten und mittlerweile ein hohes technisches Niveau erreicht haben. Vergangenes Jahr erschien die Zero SR/F (Test) schon etwas länger ist bei Energica die Energica Eva (Test) im Programm.

Voraus ging das „Projekt Livewire“

Andere rennommierte Marken wie BMW oder Honda haben die Entwicklung elektrischer Straßenmotorräder weit vorangetrieben, machen aber derzeit keine Anstalten einer baldigen Serieneinführung. Vor diesem Hintergrund wirkt Harley-Davidsons neues E-Krad ausgesprochen mutig. Ermuntert fühlen sich die Amerikaner durch ihre umfangreichen Kundenbefragungen: Nicht weniger als 12.000 Personen haben sie in den letzten Jahren zum Thema Elektromotorrad gelöchert – und zudem das weltweite „Projekt Livewire“ gestartet. Dafür sind 43 funktionsfähige Prototypen gebaut worden.