Försterkombis II: Geliebter Langeweiler

Fahrbericht Mercedes E 220 d All-Terrain

Bei der E-Klasse ist der wichtigste Entwicklungspunkt, dass nichts nervt. Sonst wird der Taxifahrer nach den ersten 100.000 km verrückt. Das gibt es auch mit Plastikschonern und minimal mehr Bodenfreiheit

Lesezeit: 6 Min.
In Pocket speichern
Druckansicht Kommentare lesen 12 Beiträge
39 Bilder

(Bild: Clemens Gleich)

Von
Inhaltsverzeichnis

Dieser Vergleichstest besteht aus drei Teilen.

Teil 1: VW Golf Variant Alltrack (Test)

Teil 3: Opel Insignia Country Tourer (Test)

Försterkombis, die außer Familien und Straßen auch gelegentlich Dinge wie matschige Waldwege bewältigen, gibt es in allen Größen von vielen Herstellern. Mercedes bietet so etwas in Form der E-Klasse "All-Terrain" an. Als ich diesen Wagen in Möhringen abholte, dachte ich: Na, Prost! In wunderbar weichem hellen Leder ausgeschlagener Innenraum wie das Cockpit einer Riva Aquarama, mit offenporigem Holz und schwarzen Klavierlack-Oberflächen auf der Mittelkonsole. Und damit jetzt in Stiefeln durch die Kuhscheiße der Alpen ...

Jetzt, wo ich es gereinigt zurückgegeben habe, bin ich erleichtert: Der Innenraum reinigt sich leichter, als man denkt. Der Förster oder Vater wird dennoch kein weißes Leder kaufen, vor allem aber keinen weißen Velours. Und anders als eng pedalierte Italiener fährt sich die E-Klasse (Automatik) selbst mit Gummistiefeln noch super.

Während Sebastian den Golf über die schönen Fahr-Pässe prügelte, nahm ich aus Zeitgründen einen direkteren Weg ans Ziel, einmal durch die Schweiz, Autobahn. Und obwohl wir alle beeindruckt waren, wie viel Technik VW schon in der Kompaktklasse anbietet: Es gibt kaum Autos, die besser gediegen reisen als eine aktuelle E-Klasse. Wo es noch ruhiger, sanfter, nervenschonender zugeht, da steht meist ein S drauf, aber auch "Mercedes".

Das Orchester auf der Überholspur

Es fängt beim Geräuschpegel an. Beim Dahingleiten hörst du den Dieselmotor nicht, und ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber mir gibt der Klang eines Reihenvierzylinder-Diesels sowieso nichts. Es ist so leise im Innenraum, dass dir die Niederquerschnittsreifen unangenehm auffallen, weil es sonst keine nennenswerten Lärmquellen gibt, am wenigsten den Wind. In der Leistungsabgabe merkst du das Getriebe, aber der Motor könnte auch ein Elektromotor sein. Ein größeres Kompliment könnte man einem Heizölturbotuckerer kaum machen. In diese Stille hinein schallt dann eine Burmester-Anlage, die einfach alles so spielt, als säßen die Musiker irgendwo vor einem auf der Autobahn. Im Konkurrenzumfeld gern stark verzerrender Wiedergabe eine große Freude, nicht nur für mich, sondern für viele Audio-Liebhaber. Man hört im Auto eben viel Musik.

Böse Rechnung folgt - nicht

In der Schweiz schaltete ich außer Musik auch alle Fahrhilfen ein. Der Tempomat liest Verkehrsschilder und stellt danach den Tempomat ein. Die Spurführung hält den Wagen in der Mitte der Spur. Betätige ich den Blinker, schaut sie, ob frei ist und wechselt dann die Spur, damit ich nicht mit derart niederen Tätigkeiten belästigt werde. Die Fehlerrate liegt so niedrig, dass das System mich nicht nervt - und ich bin sehr schnell genervt. Ich ließ mir also die gesamte Schweiz wegautomatisieren, und zum ersten Mal fürchte ich nicht, dass da noch eine böse Rechnung folgt. Ich würde mich als Fahrertyp eher zu BMW sortieren. Aber in der E-Klasse verstehe ich den Mercedes-Fahrertyp: entspannt dahingleiten. Müsste ich 100.000 km im Jahr Taxi fahren, ich würde mir auch so einen E-Diesel holen, mit Automatik.

Wenn ich die vorigen Absätze lese, sind sie mir fast peinlich. Wie oft habe ich schließlich geschrieben, dass die Presse die PR der Autohersteller macht? Aber ich stehe dazu: Die aktuelle E-Klasse ist ein sehr gutes Auto, eins der besten zum Reisen, weil nichts nervt. Wenn was super ist, muss mans auch sagen können. Es glaubt einem nur niemand mehr. Sicherlich langen fast 60.000 Euro für sehr viel Spannenderes aus der Autowelt. Aber mir fällt nicht viel Entspannenderes ein. Es gilt natürlich dasselbe wie für Volkswagen: Mercedes lässt sich das alles fürstlich bezahlen. Aber wer so reisen will: Wo könnte er das für egal wie viel Geld besser kaufen?

Fette, die Sport machen

Aus Langeweile rief ich Sebastian an. Wir würden in etwa zur selben Zeit ankommen. Deshalb verabredeten wir uns oben auf dem Mont Cenis für eine gemeinsame Abfahrt zum Campingplatz und die ersten Fotos im Abendlicht. "Der Golf ist der Dynamiker im Trio", sagte Sebastian später. Tatsächlich fuhr er mir in seiner roten Volkswarze immer etwas davon. Sebastian ist hauptsächlich ein guter Fahrer. Er hatte außerdem recht: Der Golf ist kürzer, wendiger, hat ein besseres Leistungsgewicht und obwohl das DSG beim Brennen etwas störrisch sein kann: Er sollte einmal die Mercedes-Automatik fahren. Die schaltet mit Beamtenmentalität stur vor sich hin und deine Schaltwippen-Eingaben, tja, da kannst halt wie auf dem Amt gelegentlich Glück haben oder du wartest bis zum Sanktnimmerleinstag.