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Försterkombis II: Geliebter Langeweiler

Fahrbericht Mercedes E 220 d All-Terrain

Fahrberichte
Mercedes E-Klasse

(Bild: Clemens Gleich)

Bei der E-Klasse ist der wichtigste Entwicklungspunkt, dass nichts nervt. Sonst wird der Taxifahrer nach den ersten 100.000 km verrückt. Das gibt es auch mit Plastikschonern und minimal mehr Bodenfreiheit

Dieser Vergleichstest besteht aus drei Teilen.

Teil 1: VW Golf Variant Alltrack (Test) [1]

Teil 3: Opel Insignia Country Tourer (Test) [2]

Försterkombis, die außer Familien und Straßen auch gelegentlich Dinge wie matschige Waldwege bewältigen, gibt es in allen Größen von vielen Herstellern. Mercedes bietet so etwas in Form der E-Klasse "All-Terrain" an. Als ich diesen Wagen in Möhringen abholte, dachte ich: Na, Prost! In wunderbar weichem hellen Leder ausgeschlagener Innenraum wie das Cockpit einer Riva Aquarama [3], mit offenporigem Holz und schwarzen Klavierlack-Oberflächen auf der Mittelkonsole. Und damit jetzt in Stiefeln durch die Kuhscheiße der Alpen ...

Jetzt, wo ich es gereinigt zurückgegeben habe, bin ich erleichtert: Der Innenraum reinigt sich leichter, als man denkt. Der Förster oder Vater wird dennoch kein weißes Leder kaufen, vor allem aber keinen weißen Velours. Und anders als eng pedalierte Italiener fährt sich die E-Klasse (Automatik) selbst mit Gummistiefeln noch super.

Während Sebastian den Golf über die schönen Fahr-Pässe prügelte, nahm ich aus Zeitgründen einen direkteren Weg ans Ziel, einmal durch die Schweiz, Autobahn. Und obwohl wir alle beeindruckt waren, wie viel Technik VW schon in der Kompaktklasse anbietet: Es gibt kaum Autos, die besser gediegen reisen als eine aktuelle E-Klasse. Wo es noch ruhiger, sanfter, nervenschonender zugeht, da steht meist ein S drauf, aber auch "Mercedes".

Das Orchester auf der Überholspur

Es fängt beim Geräuschpegel an. Beim Dahingleiten hörst du den Dieselmotor nicht, und ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber mir gibt der Klang eines Reihenvierzylinder-Diesels sowieso nichts. Es ist so leise im Innenraum, dass dir die Niederquerschnittsreifen unangenehm auffallen, weil es sonst keine nennenswerten Lärmquellen gibt, am wenigsten den Wind. In der Leistungsabgabe merkst du das Getriebe, aber der Motor könnte auch ein Elektromotor sein. Ein größeres Kompliment könnte man einem Heizölturbotuckerer kaum machen. In diese Stille hinein schallt dann eine Burmester-Anlage, die einfach alles so spielt, als säßen die Musiker irgendwo vor einem auf der Autobahn. Im Konkurrenzumfeld gern stark verzerrender Wiedergabe eine große Freude, nicht nur für mich, sondern für viele Audio-Liebhaber. Man hört im Auto eben viel Musik.

Böse Rechnung folgt - nicht

In der Schweiz schaltete ich außer Musik auch alle Fahrhilfen ein. Der Tempomat liest Verkehrsschilder und stellt danach den Tempomat ein. Die Spurführung hält den Wagen in der Mitte der Spur. Betätige ich den Blinker, schaut sie, ob frei ist und wechselt dann die Spur, damit ich nicht mit derart niederen Tätigkeiten belästigt werde. Die Fehlerrate liegt so niedrig, dass das System mich nicht nervt - und ich bin sehr schnell genervt. Ich ließ mir also die gesamte Schweiz wegautomatisieren, und zum ersten Mal fürchte ich nicht, dass da noch eine böse Rechnung folgt. Ich würde mich als Fahrertyp eher zu BMW sortieren. Aber in der E-Klasse verstehe ich den Mercedes-Fahrertyp: entspannt dahingleiten. Müsste ich 100.000 km im Jahr Taxi fahren, ich würde mir auch so einen E-Diesel holen, mit Automatik.

Wenn ich die vorigen Absätze lese, sind sie mir fast peinlich. Wie oft habe ich schließlich geschrieben, dass die Presse die PR der Autohersteller macht? Aber ich stehe dazu: Die aktuelle E-Klasse ist ein sehr gutes Auto, eins der besten zum Reisen, weil nichts nervt. Wenn was super ist, muss mans auch sagen können. Es glaubt einem nur niemand mehr. Sicherlich langen fast 60.000 Euro für sehr viel Spannenderes aus der Autowelt. Aber mir fällt nicht viel Entspannenderes ein. Es gilt natürlich dasselbe wie für Volkswagen: Mercedes lässt sich das alles fürstlich bezahlen. Aber wer so reisen will: Wo könnte er das für egal wie viel Geld besser kaufen?

Fette, die Sport machen

Aus Langeweile rief ich Sebastian an. Wir würden in etwa zur selben Zeit ankommen. Deshalb verabredeten wir uns oben auf dem Mont Cenis für eine gemeinsame Abfahrt zum Campingplatz und die ersten Fotos im Abendlicht. "Der Golf ist der Dynamiker im Trio", sagte Sebastian später. Tatsächlich fuhr er mir in seiner roten Volkswarze immer etwas davon. Sebastian ist hauptsächlich ein guter Fahrer. Er hatte außerdem recht: Der Golf ist kürzer, wendiger, hat ein besseres Leistungsgewicht und obwohl das DSG beim Brennen etwas störrisch sein kann: Er sollte einmal die Mercedes-Automatik fahren. Die schaltet mit Beamtenmentalität stur vor sich hin und deine Schaltwippen-Eingaben, tja, da kannst halt wie auf dem Amt gelegentlich Glück haben oder du wartest bis zum Sanktnimmerleinstag.


Umso erstaunlicher ist, dass die E-Klasse einen deutlichen Sprung nach vorne gemacht hat in Sachen Straßenlage gegenüber der Vorgängergeneration. Wer es schafft, nicht gegen die Automatik zu arbeiten, sondern ihren Vorstellungen entsprechend zu fahren, kann sehr schnell unterwegs sein. Er muss nur Schwung mitnehmen, denn 1920 kg beschleunigen dauert immer ein bisschen, wenn du zu viel Schwung auf der Bremse vernichtet hast.

Schwankt, ist aber souverän

Doch selbst wenn die Bremse überstrapaziert wird: Hier hat Mercedes massiv nachgelegt. Die Winzscheiben sind Vergangenheit, die verbaute Bremse stinkt nach einer "Ich-wär-Walther-Röhrl!"-Passabfahrt zwar, bleibt aber standhaft. Obwohl Sebastian über Funk beobachtend sagte "Das schwankt aber ziemlich", ging es im Inneren sehr unaufgeregt zu, souverän.

Was stört, ist Mercedes' bedientechnisches Zusammenmanschen von Traktionskontrolle und ESP. Selbst auf "Sport" greift die Traktionskontrolle gelegentlich noch störend stark ein, wenn du sie in die falsche Richtung kämmst. Im Menu unter Fahrzeugeinstellungen/ESP kannst du "ESP aus" wählen. Das ESP ist aber dann nicht aus. Es ist nur im, sagen wir: Jetzt-aber-echt-Sport-Modus. Die Traktionskontrolle scheint mir hier stark zurückgefahren.

ESP aus?

Nun wird den meisten E-Klasse-Kunden der Sportmodus auf der Straße reichen, aber wenn der Untergrund lose wird, geht es bei zwei Rädern in der Luft häufig erst mit "ESP aus" weiter, trotz Modus "All-Terrain". Das ist verwirrend, weil ohne ESP-Eingriffe der Daimler-Allradantrieb nicht funktionieren würde. Es ist außerdem unnötig umständlich. Wenn es Platz gab für einen dedizierten Knopf "Spurhalte-Assi", dann gibt es Platz für einen Knopf "Traktionskontrolle aus", wie in unserer alten C-Klasse [4] auch. Dessen Handbuch erklärt den Knopf als nötig für Umstände mit sehr wenig Traktion. In diese Umstände wollten wir am nächsten Tag hineinfahren.

Aus Gründen des Prestiges, des Spaßes und der Fotomöglichkeiten hatte ich die beliebte Stichstraße auf den Col de Sommeiller vorgeschlagen. Der Weg dorthin besteht unten aus Dreck und oben aus Geröll, ist aber wie alle dieser alten Alpenpisten nicht sonderlich schwer – genau richtig für unsere Nicht-wirklich-Gelände-Fahrzeuge. Wir nahmen Lukas im Insignia in die Mitte, weil er die geringste Alpenerfahrung mitbrachte. In der Lumpensammler-Position ließ ich das Auto im Modus Komfort. Wo die lange Nase des Insignia drüberkommt, gibts mit der kurzen Daimler-Nase gar keine Probleme.

Vor allem bei der Abfahrt stellte sich jedoch das größte Problem der E-Klasse heraus: Trotz Schlechtwegevariante mangelt es an Federweg, vor allem Negativfederweg. "Komfort" federt komfortabel, schlägt aber schnell durch auf die Puffer. "All-Terrain" hebt das Auto um 2 cm an. Damit hast du dann das letzte Fitzelchen Negativfederweg aufgegeben. Das Luftfahrwerk fährt sich so aufgepumpt wie ein Spielzeugauto auf LKW-Federn, und wer diesen barocken Vergleich nicht auflösen möchte: schlecht. Deshalb limitiert Mercedes die Funktion auf maximal 35 km/h. Es gibt also tatsächlich Momente, in denen auf Schotter "Sport" dein letzter Freund ist – einfach, damit per strafferer Dämpfung das Fahrwerk nicht so schnell durchschlägt.

Über den Wolken

Oben im Geröll schaltete ich den "All-Terrain"-Modus an, der den "Sport+"-Modus der E-Klasse ohne Plastikradkästenschoner ersetzt. Er hält die Drehzahlen höher, fährt das Fahrwerk 2 cm hoch für mehr Bodenfreiheit und stellt vielleicht auch die Traktionskontrolle anders ein, aber leider auch nicht so, dass du mit zwei Rädern in der Luft anfahren könntest. Dazu musste ich wieder durchs Menu auf "ESP aus". Dann stiefelt dieser Antrieb jedoch so souverän voran, wie man es vorher ob des Datenblatts kaum glauben mag.


Schon im GLE Coupe wunderten wir uns [5] über die Konstruktion dieses Antriebs: offene Achsdifferenziale, dazu ein offenes Mittendifferenzial hinter dem Automatikgetriebe. Jede Drehmomentverteilung passiert also über ESP-Eingriffe. Die finden jedoch so früh, so exakt statt, dass der Förster die E-Klasse ohne die sonst erforderliche Gaspedalgewalt feinmotorisch über die Felsen dirigieren kann. Wohl zu Unterhaltungszwecken wollte Sebastian den Antrieb scheitern sehen, wurde jedoch enttäuscht. Mit einem "Der Mercedes macht mir das zu gut" zog er wieder ab.

Trotz der nötigen ESP-Eingriffe blieben die Bremsen kühl, und der Wandler der Automatik steckte die Langsamfahrt problemlos weg, wo der Golf leicht aus seinen Kupplungen rauchte. Wenn der Förster damit nicht zum Ansitz kommt, liegt es an zu tiefen Spurrinnen oder für Straßenreifen hoffnungslosen Matschmengen. Der Mercedes gewinnt damit die Geländewertung. VW fährt zu sehr auf Material mit der ständig schleifenden Kupplung und Opels lange Überhänge verhindern einen Rüsselsheimer Sieg, den es aufgrund der genialen Hinterachse sonst gegeben hätte.

Unser ganz eigener Raumtest

Auf der Hochebene vor dem letzten Anstieg schlugen wir das Nachtlager auf. Keine Zelte. Die Luftmatratzen lagen in den umgelegten Laderäumen. Sebastian gefiel Daimlers schöne Ambiente-Beleuchtung. Der Förster in mir sagt: "Ambiente ist wurscht. Der Mercedes ist das einzige Auto der drei mit einer vernünftigen Laderaumbeleuchtung!" Von mehreren Seiten strahlen weiße LED-Einheiten alles aus. VW spendiert den Standard einer kleinen zentralen Leuchte. Opel hängt sie an die Seite, wo Gepäck sie verdeckt.

Enttäuschung dennoch: Die Sitze der riesigen E-Klasse fallen nicht vollkommen eben, wie sie auch im BMW 5er (Test) [6] nicht ganz eben fallen, nicht im Golf, nicht im Insignia. Ist das wirklich nur mir wichtig? Mit 1820 Litern Laderaum umgeklappt rechtfertigt die E-Klasse ihre Größe für alle, die ihren Vorgänger nicht kannten. In den passten 1950 Liter (jeweils T-Modell). Dennoch bietet Mercedes eine Menge Lasteseligkeit: 2,1 Tonnen Zugfähigkeit, 100 kg Dachlast, Turboladung für die Höhenluft, ein Verbrauch von exakt 5 Litern pro 100 km beim gemächlich legal durch die Schweiz dieseln und einen optionalen 66-Liter-Tank (60 Euro Aufpreis). Schwach: Ein Reserverad bietet Mercedes nicht an, obwohl Wolfsburg selbst im Golf Platz dafür fand. Mit "TireFit" will ich nicht im Geröll verenden ...

Liebe die Langeweile

Auf der Rückfahrt tat ich es Sebastians Anfahrt gleich: lseran, drei St-Bernhards-Pässe, Mt. Cenis eh noch einmal. Ich habe mich nämlich ein bisschen verliebt in die schiere, piefige Langweiligkeit dieser Diesel-E-Klasse, die irgendwie alles kann. Das ist mir ein bisschen peinlich. Lasten wir es meinem fortschreitenden Alter an. Langweilig oder nicht: Die E-Klasse ist ein sehr gutes Auto. Die kleinen Änderungen zur Variante "All-Terrain" (hauptsächlich minimal mehr Bodenfreiheit) werden den meisten Förstern zu wenig weit gehen, trotz brauchbarem Allradantrieb. Vor allem aber muss man sich einen E-Klasse-Kombi überhaupt leisten können. Über 58.000 Euro Grundpreis! Dafür muss Vati lange ansitzen. Doch wenn der Volkswagen zu klein sein sollte und der Mercedes zu teuer, bleibt ihm mit dem Opel Insignia Country Tourer [7]ein kleiner Geheimtipp.


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[1] https://www.heise.de/autos/artikel/Foerster-Kombis-im-Vergleich-VW-Golf-Variant-Alltrack-4176669.html
[2] https://www.heise.de/autos/artikel/Foersterkombis-III-Fahrbericht-Opel-Insignia-Country-Tourer-4180554.html
[3] https://en.wikipedia.org/wiki/Riva_Aquarama
[4] https://www.heise.de/autos/artikel/Klartext-Hure-gewuerdigt-3780876.html
[5] https://www.heise.de/autos/artikel/Mercedes-GLE-Coupe-400-vs-Jaguar-F-Pace-30d-3726655.html
[6] https://www.heise.de/autos/artikel/Im-Test-BMW-520d-Touring-3765507.html
[7] https://www.heise.de/autos/artikel/Foersterkombis-III-Fahrbericht-Opel-Insignia-Country-Tourer-4180554.html