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Volumenstrom

Fahrbericht: Seat Tarraco 2.0 TDI

Fahrberichte
Seat Tarraco

Die SUV-Ausschüttung von Volkswagen nimmt kein Ende. Neu: Der Kodiaq- und Tiguan Allspace-Ableger Seat Tarraco, der uns für eine erste Ausfahrt zur Verfügung stand. Überraschend ist, wie wenig überraschend ist

Ein atemberaubendes Design, mit dem keiner gerechnet hat, sensationelle Highlights im Bereich Multimedia und eine innovative Motorenpalette, an der die Konkurrenz sich orientieren muss – es ist auf den ersten Blick überraschend, auf was Volkswagen beim dritten Aufguss des größten SUV auf der MQB-Plattform alles verzichtet. Der Seat Tarraco ist stattdessen ein sehr ordentlich gemachter Ableger von VW Tiguan Allspace und Skoda Kodiaq. Man kann dem Konzern durchaus eine gewisse Mutlosigkeit vorwerfen, doch mit dieser Strategie ist Volkswagen derzeit enorm erfolgreich. 2017 war ein Rekordjahr, 2018 wäre wohl nochmals besser verlaufen, wäre den Verantwortlichen nicht so furchtbar plötzlich die Umstellung auf den WLTP [1] dazwischengekommen. Macht nichts, 2019 dürfte die Bestmarke aus dem vergangenen Jahr sicher übertroffen werden – Modellen wie dem VW Golf 8 und nicht zuletzt dem Seat Tarraco sei Dank. Letzterer stand uns für eine erste Ausfahrt zur Verfügung.

Konservativismus

Seat mochte sich vom 2012 eingeschlagenen Design-Weg nicht gänzlich lösen. Die eher ruhige Formgebung wird sicher niemand als Aufbruch in eine neue Ära bezeichnen, doch der gestalterische Konservativismus findet aktuell eben sehr viele Käufer. Immerhin altert diese Optik nicht so schnell wie manch betont modischer Entwurf. Das gilt auch für den Innenraum, der funktional eingerichtet ist und schon im Vorserienmodell sauber verarbeitet wirkt. Eine schmale Holzfurnierapplikation bemüht sich um etwas Noblesse.

Wenigstens haben sie den Fehler, das Display für das Infotainmentsystem auf Höhe der Knie zu versenken, hier nicht wiederholt. Zudem hatten die Verantwortlichen offenbar die Kritik am knopflosen Navi satt: Wie früher gibt es nun wieder Drehregler für Lautstärke und Kartenzoom. Fortschritt bedeutet manchmal eben auch, sich einen Schritt zurück zu wagen. Die Bedienung im täglichen Umgang profitiert davon.

Vertraut

Ob sich das vom Kombiinstrument, das viele zur Abgrenzung des gewohnten fälschlicherweise als digitales oder gar virtuelles bezeichnen, gleichermaßen behaupten lässt? Positiv zu vermerken ist, dass die Gestalter langsam auf den Geschmack kommen und es in immer mehr Autos immer mehr mögliche Darstellungen gibt. Nicht zwangsläufig steigt damit auch die Zahl der sinnvollen Konfigurationen: Der Halbkreis-Tacho ist, auch durch seine unterschiedliche Skalierung, nicht besonders gut ablesbar. Aber Volkswagen zwingt dazu niemanden: Es gibt auch Rundinstrumente, die gut ablesbar sind. Die rechts und links beigelegten Anzeigen für Tankinhalt und Temperatur sind mit ihrer groben Auflösung weder funktional noch optisch ein Gewinn. An einigen Stellen würden wir uns zudem etwas mehr Frische in der Gestaltung wünschen. Ob nun Lenkrad, Fensterbetätigung, Klimabedienung, Wählhebel, Lichtschalter oder auch Lenksäulenhebel – für ein flammneues Auto wirkt vieles doch arg vertraut.

Riesig

Funktional gibt es daran nichts auszusetzen. Hier muss man nicht erst in ein Menü, um die Innenraumtemperatur zu verändern oder die Sitzheizung zu aktivieren. Die Tasten auf dem Lenkrad funktionieren genau so, wie man es sich wünscht, und nicht erst nach dem dritten Wisch über eine Touchfläche. Die Sitze sind groß, weit verstellbar und bequem. Das Platzangebot ist riesig, vor allem vor dem Hintergrund, dass hier ein Auto mit der Verkehrsfläche eines Audi A4 Avant steht. Auch groß gewachsene Menschen können im Tarraco bequem hintereinander sitzen. Auf der dritten Sitzbank, die es nur gegen Aufpreis geben wird, ist das Platzangebot dagegen bescheiden – aber wer würde das einem Auto dieses Formats ernsthaft vorwerfen? Kurz und gut: Wer einen Ersatz für einen Van sucht, sich mit diesem aber nicht mehr anfreunden mag, könnte hier einen passenden Mitspieler finden. Der Kofferraum fasst zwischen 760 und 1920 Litern. Damit dürfte der Tarraco für alle gängigen Transportaufgaben einer Familie bestens gerüstet sein.


Auch unterwegs bleiben Überraschungen weitgehend aus. Unser Testwagen war mit dem 190-PS-Diesel ausgestattet, den es zumindest vorerst nur in Verbund mit Allradantrieb und Doppelkupplungsgetriebe gibt. Wie schon im Skoda Kodiaq (Test) [2] ist die Maschine auch hier kein Held der Arbeit: 190 PS und 400 Nm haben mit dem minimal 1816 Kilogramm schweren SUV ordentlich zu tun. Seat verspricht 5,6 Liter im WLTP, 8 Sekunden im Standardsprint und 210 km/h Höchstgeschwindigkeit. Interessant für alle, die schwere Lasten hinter sich wissen: Der 190 PS-TDI darf 2,3 Tonnen ziehen, der 150-PS-Diesel zwei und der 1.5 TSI mit 150 PS 1,8.

Mehr Pfeffer

Verbessern lässt sich auf jeden Fall noch das Zusammenspiel von Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe und Motor. Bei spontanen Beschleunigungen passiert erst wenig, ehe es dann, im Rahmen der Möglichkeiten, ordentlich vorangeht. Es braucht nicht zwingend mehr Leistung, doch für ein Topmodell dürfte es gern noch etwas mehr Pfeffer sein.

Dessen ist man sich natürlich auch bei Seat bewusst, ebenso wie der Tatsache, dass eine alleinige Konzentration auf Benzin und Diesel schon mittelfristig vermutlich nur noch schwer auf dem Markt zu vermitteln ist. Es darf also zusätzlich zu den erwartbaren Benzinern mit deutlich mehr als 200 PS auch mit alternativen Antrieben gerechnet werden. Eilig hat es Volkswagen damit freilich nicht. 2020 soll ein Plug-in-Hybrid mit 154 kW in den Tarraco einziehen, der bis zu 50 Kilometer rein elektrischen fahren können soll. Auch ein Erdgas-Antriebsstrang ist denkbar, wobei sich Seat dazu noch nicht äußert.

Aufgabe: Druck verteilen

Das Basismodell kostet 29.980 Euro. Eine offizielle Preisliste gibt es noch nicht. Ausstattungsbereinigt wird sich der Tarraco vermutlich zwischen dem Kodiaq und dem Tiguan Allspace [3] einsortieren. Da sich beide so gut verkaufen, dass es zum Teil erhebliche Lieferzeiten gibt, fällt dem Nachkömmling auch die Aufgabe zu, den Nachfragedruck etwas geschickter zu verteilen. Das allein wäre natürlich nicht im Sinne des Herstellers, denn das SUV soll mit seiner „frischen Optik neuen Schwung in den Markt bringen“, wie Seat schreibt. Nüchtern betrachtet ist es vermutlich genau die Abwesenheit von allzu viel optischer Frische, die den Tarraco populär machen wird.


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Links in diesem Artikel:
[1] https://www.heise.de/autos/artikel/Einfuehrung-von-WLTP-und-Euro-6c-4152569.html
[2] https://www.heise.de/autos/artikel/Im-Test-Skoda-Kodiaq-2-0-TDI-3891046.html
[3] https://www.heise.de/autos/artikel/Fahrbericht-VW-Tiguan-2-0-TSI-Allspace-3753580.html