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Spätzünder

Fahrbericht Triumph Speed Twin

Motorrad
Triumph Speed Twin

Es war ein Vergnügen, die neue Triumph Speed Twin ausgiebig zu fahren. Das Naked Bike im Retro-Look ist eine ausgesprochen runde Sache, das hohe Drehmoment von 112 Nm in Kombination mit dem agilen Handling bringt ausgesprochen hohen Fahrspaß

Die Speed Twin kommt spät, aber gewaltig. Normalerweise stellt Triumph erst das Basismodell vor, um dann sukzessive die teureren Varianten nachzuschieben. Bei den 1200ern der Modern-Classics-Baureihe gingen die Briten den umgekehrten Weg.

Zuerst erschien vor drei Jahren die Bonneville T120 (Test) [1] als Reinkarnation eines 60er-Jahre-Bikes und die Thruxton als nostalgischer Café Racer, dann rückte ein Jahr später die Bobber mit ihrem Single-Sitz (Test) [2] in den Focus, ergänzt von der zweisitzigen Speed Master, und letzten Herbst wurde die bildschöne Scrambler [3] präsentiert. Doch es fehlte noch ein günstiges Naked Bike als Einstiegsmodell. Das hat Triumph nun endlich nachgeholt mit der Speed Twin, benannt nach einem wegweisenden Modell von 1938.

Die Optik der Speed Twin darf als sehr gelungen gelten und besticht durch ihre einfache, aber klare Linienführung. Sie verkörpert die authentische Fahrmaschine ohne überflüssigen Schnickschnack und erfreut dennoch mit hübschen Details. Instrumenten-Einfassung, Drosselklappengehäuse und Fersenschutz bestehen aus gebürstetem Aluminium. Die Scheinwerferhalterung und die beiden Kotflügel bestehen ebenfalls aus dem Leichtmetall. Dazu kommen noch filigrane Fußrasten und Lenkerendenspiegel.

Mächtiger Schub

Angetrieben wird die Speed Twin von der High-Power-Variante des 1200-cm3-Reihenzweizylinders wie er schon in der Thruxton (Test) [4] seinen Dienst versieht. Er unterscheidet sich vom 1200er-High-Torque-Motor durch mehr Leistung, es sind 97 PS bei 6750/min, sein maximales Drehmoment von 112 Nm liegt dafür erst später an, nämlich bei 4950/min – absolut betrachtet aber immer noch recht früh.

Genau von diesem mächtigen Punch aus dem Drehzahlkeller lebt die Speed Twin. Die 1200er braucht keine hohen Drehzahlen, sondern stampft los wie eine Englische Bulldogge auf Steroiden. Ab 2000 Touren stehen bereits über 100 Nm an, aber sie scheut auch keine Drehzahlorgien – im Gegenteil: Die beiden Kolben stürmen locker bis zum roten Bereich bei 7000 Umdrehungen pro Minute. Die Speed Twin schiebt selbst mit zwei Personen im Sattel noch heftig an, da macht ihr kaum eine Konkurrentin etwas vor. Dabei legt die Triumph durchaus feine britische Manieren an den Tag, Vibrationen sind ihr weitgehen fremd, das Ansprechverhalten der Einspritzung ist tadellos.

Ihr Getriebe schaltet sich butterweich und exakt, auch an der Anti-Hopping-Kupplung samt des einstellbaren Kupplungshebels ist nichts auszusetzen. Der Auftritt wird untermalt vom Poltern aus den zwei mattschwarzen Schalldämpfern, das aber nie aufdringlich wird.

Federleichtes Einlenken

Am meisten verblüfft aber das federleichte Einlenken der Speed Twin. Selten ist ein großes Naked Bike so agil ums Eck geflitzt. Hier kommt der 1200er ihr geringes Gewicht entgegen. Triumph hat am Motor der Thruxton gleich zweieinhalb Kilo abgezwackt, indem an der Kupplung Material eingespart wurde und die Nockenwellendeckel aus Magnesium bestehen. Außerdem hat sie eine leichtere Batterie und steht, statt auf relativ schweren Drahtspeichenfelgen, auf Aluminium-Gussfelgen. Insgesamt purzelten so sieben Kilogramm, die Speed Twin bringt es auf ein Leergewicht von 214 kg.


Im Fahrbetrieb fühlt sich die Engländerin sogar noch leichter an. Glücklicherweise hat Triumph bewusst auf einen zu breiten Hinterreifen verzichtet und belässt es bei der Dimension 160/60ZR17, was deutlich zur Handlichkeit beiträgt. Die aufgezogenen Diablo Rosso III-Pneus harmonieren gut mit der Speed Twin, sie sind nicht zu kippelig und bieten viel Grip, allerdings müssen sie bei kalten Witterungsbedingungen erst kurz auf Temperatur gebracht werden. Die breite und relativ hoch platzierte, konifizierte Lenkstange vereinfacht das Einlenken zusätzlich.

Dank einer vorzüglich arbeitenden Schlupfregelung hält die Triumph auch beim schlagartigen Gasaufreißen am Kurvenausgang die Spur. Die drei Fahrmodi Rain, Road und Sport erweisen sich als völlig ausreichend – die Wahl zwischen zahllosen Einstellungsstufen wie an anderen Modellen, überfordert den Fahrer oft genug. Im Modus Sport spricht die Gasannahme spürbar spontaner an, hat aber die gleiche Höchstleistung wie im Fahrprogramm Road, während im Modus Rain einige PS gekappt werden.

Lammfromm und unerschütterlich auf Linie

Die Speed Twin macht ihrem Namen alle Ehre und rennt, wenn es sein muss, immerhin 217 km/h, was allerdings bei einem unverkleideten Naked Bike kein reines Vergnügen ist. Bei hoher Geschwindigkeit bleibt die Speed Twin gelassen, Nervosität oder gar Pendeln sind für sie Fremdwörter. Die Cartridge-Telegabel von KYB ist nicht einstellbar, was bei der gelungenen Abstimmung aber auch überflüssig ist. Sie bietet ein gutes Feedback, steckt Wellen und kleine Löcher im Asphalt unbeeindruckt weg.

Die beiden Feder-Dämpferbeine an der Schwinge lassen sich nur in der Vorspannung variieren, doch auch hier haben die Ingenieure ein glückliches Händchen bewiesen, ein Durchschlagen oder Aufschaukeln des Hecks in Schräglage kennt die Speed Twin nicht. Die Triumph zieht die anvisierte Linie in der Kurve unerschütterlich durch, leichtem Nachkorrigieren in Schräglage folgt sie willig, das Vertrauen in sie wächst mit jedem Kilometer. Dazu tragen auch die Bremsen bei. Vorn verzögern zwei Vierkolben-Bremszangen von Brembo mit einem klaren Druckpunkt des Bremshebels, hinten kommt eine Zweikolben-Bremszange von Nissin zum Einsatz. Das ABS spricht fein an und hat die Speed Twin jederzeit im Griff.

Komfortable Haltung, gut gepolstert

Selbst längere Ausritte ermüden den Fahrer kaum. Das liegt zum einen an der entspannten Sitzposition – die Fußrasten sind 38 Millimeter weiter vorne und etwas tiefer als an der Thruxton angebracht – und zum anderen an der gut gepolsterten Sitzbank, auch die Sozia hat keinen Grund zur Klage. Die Sitzhöhe mit 810 Millimeter passt für erstaunlich viele Staturen, Fahrer zwischen 1,68 und 1,90 Meter fühlen sich wohl auf der Speed Twin.


Der Scheinwerfer, das schmale Rücklicht und die Blinker sind mit LEDs bestückt. Beide wunderschönen, analogen Rundinstrumente lassen sich problemlos ablesen, zumindest was die Geschwindigkeit und die Drehzahl angeht. Bei den kleinen digitalen Fenstern in den Rundinstrumenten muss schon etwas genauer hingeguckt werden, um die gewünschte Information zu bekommen. Sie lassen sich per Daumendruck auf die Info-Taste am linken Lenkerende durchklicken. Wenigstens der Füllstand des 14,5 Liter Tanks ist auf Anhieb im Display erkennbar. Der klassisch geformte Spritbehälter ermöglicht eine Reichweite von knapp 300 Kilometer.

Außer leichtem Fading kaum Kritik

Es fällt bei der Speed Twin schwer, Kritikpunkte zu finden. Höchstens, dass nach mehrfachem Bremsen kurz hintereinander der Druckpunkt wandert und härter wird. Oder dass die Lenkerendenspiegel zwar sehr stylisch aussehen, aber das Motorrad auch verbreitern, was das Durchfädeln im Verkehr schwieriger macht. Die Gepäckunterbringung ist zurzeit noch nicht befriedigend gelöst, außer einem Tankrucksack gibt es bei Triumph nichts im Zubehör, selbst das Verzurren einer Gepäckrolle ist nicht möglich, da keine Fixierpunkte für die Gurte vorhanden sind. Hilfe kommt von Hepco & Becker, der Spezialist hat für die baugleiche Thruxton sowohl einen Gepäckträger, als auch Seitenträger für Taschen im Programm.


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[1] https://www.heise.de/autos/artikel/Fahrbericht-Triumph-Bonneville-T120-3194034.html
[2] https://www.heise.de/autos/artikel/Triumph-Bonneville-Bobber-Test-3655023.html
[3] https://www.heise.de/autos/artikel/Vorstellung-Triumph-Scrambler-1200-XC-XE-4206054.html
[4] https://www.heise.de/autos/artikel/Probefahrt-mit-der-gelungenen-Triumph-Thruxton-R-3134937.html