Die BMW R 1200 GS Adventure kostet den Verstand

GS im Abenteuerland

Wenn Walter Mitty Motorrad führe, es wäre wahrscheinlich eine BMW R 1200 GS Adventure. Bei keiner anderen Maschine klaffen Fahrzeugauslegung und surreal existierender Fahrzeugalltag weiter auseinander

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  • Clemens Gleich
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Entschuldigung, ich muss es Ihnen antun: "Komm mit mir ins Abenteuerland! Der Eintritt kostet den Verstand." <- Diesen sich tief ins Hirnfleisch grabenden Ohrwurm habe ich jedes Mal, wenn ich eine BMW R 1200 GS Adventure sehe, die beschwerte Variante des Topsellers GS. Denn die Adventure verkauft für einen erklecklichen Batzen Euros noch viel mehr einen Traum, als das jede Harley tut.

Anlässlich Mademoiselle Ninette stieg ich auf die neueste Inkarnation des Abenteuerlandwirtschaftsfahrzeugs. Es hat den neuen Wasserboxer, der für Viele der bessere Boxer ist, weil er weniger wie ein Boxer ist. Er hat mehr der typischen Motorraddinge: Nasskupplung und eine gewisse Lebendigkeit. Die Lebendigkeit passt weniger zum Trumm Adventure, denn sie soll sich ja traktorengleich durchs Gelände wühlen können. Deshalb bauten BMWs Ingenieure einen Schlag mehr Schwungmasse an den Motor, was ihm wohl ganz gut steht, wie Kollegen bezeugen, wobei ich so ohne direkten Vergleich keinen Unterschied in meiner Erinnerung zum Standard-Wasserboxer in der Standard-GS entdeckt hätte.

Was wohl auch niemanden verwundert: Das Teil fährt sehr gut. Es fährt trotz 30-Liter-Fass besser als die meisten Konkurrenten, was auch daran liegt, dass besser ungenannt bleibende Konkurrenten ohne so ein Fass trotzdem schwerer sind. DIN-Leergewicht der Adventure mit 90 Prozent Tankfüllung ohne Koffer sind 263 kg. Auf der Testmaschine waren Straßenreifen montiert. Da sind wir auch schon am Punkt. Niemand kauft eine Adventure, um sie dann mit Straßenreifen zu fahren, nur weil er auf der Straße fährt. Das ist eine Art Sakrileg unter Bewohnern des Abenteuerlands. Nein, da müssen Stollenreifen wie die Marianeninseln drauf: verstreutes Positivprofil mit unauslotbarem Negativprofil. Und dann darf damit ausschließlich auf Asphalt gefahren werden, denn die komischen Fahreigenschaften der unpassenden Paarung Gummi-Straßenbelag gehören zum Erlebnis. Das traumartige Erlebnis ist alles. Sonst könnte man einfach Geld sparen und die normale GS kaufen, die besser fährt.

Walter Mitty fährt GS Adventure

Ein Blick auf die Kundschaft zeigt, warum die Adventure so treue Fans hat: Es sind meistens Menschen, die in einem trostlosen Ballungszentrum leben und zur Arbeit pendeln müssen, schlimmstenfalls im Stau. Da liegt es nahe, dass die Fahrer sich wie Walter Mitty in ihr eigenes Abenteuerland verabschieden. Die Blechlawine ist zum Beispiel gar nicht mehr so schlimm, wenn man sich vorstellt, man stehe auf einem verstopften Zubringer kurz vor Macao, um dort Hand für GS-Stellplatz ins Südchinesische Meer hinauszustechen, wo unerkannt aus dem Nebel ein Schwarm kleiner Piratenboote ... und plötzlich ist man am Büro.