Mehr Design als Schein

Husqvarna Vitpilen 701

Egal, wie man zu der jüngst auf der EICMA präsentierten Husqvarna Vitpilen 701 steht, in Sachen Design gehört sie zur Avantgarde. Natürlich wird sie nicht jedermanns Geschmack treffen, aber KTM- und Husqvarna-Chefdesigner Gerald Kiska hat mal wieder den Beweis geliefert, wie viel er sich traut

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Egal, wie man zu der jüngst auf der EICMA präsentierten Husqvarna Vitpilen 701 steht, in Sachen Design gehört sie zur Avantgarde. Natürlich wird sie nicht jedermanns Geschmack treffen, aber KTM- und Husqvarna-Chefdesigner Gerald Kiska hat mit der Vitpilen 701 mal wieder den Beweis geliefert, dass er sich viel traut.

Schon die von ihm 1994 entworfene KTM 620 Duke polarisierte mit ihrer insektenhaften Front und wurde dafür von konservativen Gemütern heftig gescholten, weil es so etwas noch nicht gegeben hatte – heute gilt die erste Duke als Klassiker. KTM-Modelle zeigen oft ein kantiges Design, bei der neuen Husqvarna-Generation – die einst schwedische Marke gehört seit 2013 zum österreichischen KTM-Konzern – geht Kiska in die Gegenrichtung.

„Simple.Progressive“

Vorläufiger Höhepunkt sind die Vitpilen und Svartpilen (zu deutsch: „Weißer Pfeil“ und „Schwarzer Pfeil“), die es als 401 und 701 geben wird. Die Vitpilen 401 und Svartpilen 401 basieren auf der KTM 390 Duke, während die Vitpilen 701 vom mächtigen Single aus der KTM 690 Duke befeuert wird. Es gibt Stimmen, die die Vitpilen und Svartpilen als Retro-Design bezeichnen, aber das ist falsch, die markanten Bikes zeigen puren Minimalismus, Husqvarna nennt es „Simple.Progressive“-Design. Das zurzeit angesagte Retro-Design à la Ducati Scrambler, Triumph Bonneville oder BMW R NineT versucht den Stil der 1960er und 1970er Jahren nachzuahmen, die Vitpilen und Svartpilen wollen hingegen eine einfache Formensprache ohne überflüssigen Firlefanz darstellen.

Die nun in ihrer endgültigen Form präsentierte Husqvarna Vitpilen 701 will ein modernes Bike sein, reduziert auf den Wortsinn „Motorrad“ – ein Motor auf zwei Rädern. Der 693-cm3-Antrieb stammt aus der KTM 690 Duke, gilt als ausgereift und ist mit 75 PS und 72 Nm Drehmoment der stärkste Einzylinder im Serien-Motorradbau. Auch der Gitterrohrrahmen und die Schwinge wurden von der Duke übernommen, damit erschöpfen sich die Übereinstimmungen aber schon weitestgehend.

Die Sitzfläche bricht direkt hinter dem Beifahrer ab

Kiska wollte etwas völlig Neues aus der bekannten Basis erschaffen und packte sie in wenige glatte Flächen und klare Linien, die Technik blieb so offen wie möglich für das Auge des Betrachters. Als der Prototyp der Vitpilen 701 letztes Jahr der Öffentlichkeit gezeigt wurde, prophezeiten viele, dass zumindest das ultraknappe Heck so nicht in Serie gehen würde. Sie hatten nicht mit dem Mut von Husqvarna gerechnet. Zugegeben, man wird sich vermutlich nicht sehr wohl fühlen auf der winzigen Sitzfläche, die direkt hinter einem abbricht. Auch das Lederimitat-Sitzkissen des Fahrers ist nicht gerade üppig gepolstert. Insofern ist die Vitpilen 701 ganz klar für Individualisten gedacht, die das pure Fahrerlebnis über den Komfort stellen.

Die Lenkerstummel unterstreichen den sportlichen Anspruch. Sie sind interessanterweise weder ober- noch unterhalb der Gabelbrücke angebracht, sondern die Lenkerklemmung ist in die Gabelbrücke integriert. Das gleiche gilt auch für das Zündschloss, das ebenfalls in die Gabelbrücke eingelassen wurde. Sehr praktisch ist die Einstellung der Zug- und Druckstufe der Upside-down-Gabel: Sie lässt sich in Sekundenschnelle mittels zweier Flügelschrauben auf den Gabelrohren variieren.

Das Wichtigste im inneren Kreis

Der gelungene Minimalismus an der Vitpilen 701 zeigt sich kaum irgendwo prägnanter als im Cockpit. Es besteht aus einem einzigen Rundinstrument mit einer Plexiglasabdeckung. Im äußeren schwarzen Ring befinden sich diverse Leuchtanzeigen und drei Tasten zur Menüführung. Der innere Kreis besteht aus einem Digital-Display, das die wichtigsten Infos wie Tempo, Drehzahl und den Gang permanent anzeigt, weitere Daten können per Knopfdruck abgerufen werden. Das Rundinstrument ist sehr kompakt, funktionell und dennoch kann man ihm seine Eleganz nicht absprechen. Die Idee setzt sich im Rundscheinwerfer fort. Seitlich betrachtet ist er sehr flach gehalten, vorne ist ein Querbalken mit dem Husqvarna-Logo eingesetzt. Ein umlaufendes LED-Tagfahrlicht sorgt für Helligkeit. Selbstredend, dass die Blinker mit Klarglasabdeckungen auch aus LEDs bestehen, ebenso wie das in das Heck integrierte Rücklicht.

„The Split“ in Kontrastfarbe

Der Tank folgt einem sehr interessanten Design. Seine eigentlich glatten Flächen werden seitlich herausgezogen und der Abschluss trägt den 701-Schriftzug. Das hat auch durchaus praktische Vorteile, denn zum einen bietet der Spritbehälter so einen engen Knieschluss, wie ihn Sportfahrer schätzen, zum anderen vergrößert sich so das Volumen auf immerhin zwölf Liter. Der Tankverschluss ist fast schon ein kleines Kunstwerk, erhebt sich der Verschlusshebel doch einen Fingerbreit über den Ring hinaus und trägt ein graviertes Husqvarna-Logo.