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Aufstiegshilfe

Im Test: Seat Ibiza 1.0 EcoTSI Style

Fahrberichte
Seat Ibiza 1.0 EcoTSI Style

Nach 14 Jahren Fiat Uno markierte ein Seat Ibiza 6L in meinem Autofahrerleben den bisher größten Aufstieg. Wird das Wiedersehen mit dem aktuellen Ibiza mit Dreizylinderbenziner jetzt eine Enttäuschung?

Man verzeihe mir, wenn mein Zugang zum Test-Ibiza, einem fünftürigen 1.0 EcoTSI mit 95 PS starkem Dreizylinderbenziner in der mittleren Ausstattungslinie Style, vielleicht befremdlich leidenschaftlich ist. Denn nach 14 Jahren Fiat Uno [1] markierte ein Seat Ibiza 1.9 TDI Sport in meinem Autofahrerleben den bisher größten Aufstieg. Klimaautomatik, beheizte Außenspiegel, brauchbares Abblendlicht, Bordcomputer – es war, als hätte ich im Lotto gewonnen.

„Triste Kiste“

Gleich nach dem Einsteigen fühle ich mich wieder zu Hause und auch daran erinnert, dass mir, der Mensch ist ja leider nie lange wirklich zufrieden, nach ein paar Jahren im eiförmigen Ibiza (intern: 6L) die etwas triste Plastiklandschaft des Cockpits ein wenig auf den Keks ging. Kollege Martin notiert auch beim aktuellen Ibiza unter der Überschrift Interieur-Gestaltung „Triste Kiste“ im Fahrtenbuch. Insbesondere die Vollplastiktürtafeln sind uns ein wenig zu nüchtern. Bei den teuren Ausstattungen Xcellence und FR klebt Seat immerhin noch einen kleinen Stofffetzen drauf. Auch an den Sitzen ließ Martin kein gutes Haar und attestierte ihnen wenig Seitenhalt und zu wenig Unterstützung im Lendenwirbelbereich. Er ist in dieser Hinsicht anspruchsvoller und sitzt dann schon schlecht, wenn ich mich noch bestens aufgehoben fühle. Der Kollege Pillau monierte zudem, dass die Sitzflächenneigung die Sitzhöhenverstellung nicht im nötigen Maße mitgeht. Die Sitze sind also nicht das Sahnestück des Ibiza, allerdings zeigte der aktuelle Ford Fiesta im Test [2], dass es noch erheblich schlechter geht.

Gute Ergonomie

Bedienung und Ergonomie geben ansonsten weder Rätsel auf noch Anlass für Kritik. Der aufpreispflichtige erweiterte Bordcomputer, informiert einen übersichtlich und in einem viel größerem Umfang wie etwa in einem BMW 2er [3]. Das Infotainment-System, das als zweitgrößtes System aus Golf und Co. bekannt ist, arbeitet sehr zuverlässig und verfügt noch über zwei praktische Drehknöpfe. Allerdings könnte der zentrale Touchscreen noch ein wenig höher eingebaut sein, um noch besser im Blickfeld des Fahrers zu liegen. Beides ist im Businesspaket für die Ausstattungslinie Style zusammengefasst (490 Euro Aufpreis). Ein Blödsinn ist die Tempolimitanzeige im Zentralbildschirm. Sie ist rein datenbankbasiert, also in der Praxis unbrauchbar.

Der Dreizylinder startet per Knopfdruck, zumindest im Testwagen, denn denn der ist mit dem schlüssellosen Zugangs- und Startsystem für 300 Euro ausgestattet, das ich in meiner Wunschkonfiguration umgehend als Streichposten ausweise. Und da ist es wieder dieses leicht schnarrende Motorgeräusch mit maskulinem Timbre, das Dreizylinder-Freunde als sympathisch und die Anderen als unkultiviert empfinden. Exakt, angenehm und butterweich lässt sich der Schalthebel in den ersten Gang führen und die 95 PS setzen den Ibiza ansatzlos und flott in Bewegung. Schon nach wenigen Metern wird einem klar, dass der Ibiza zum Besten gehört, was derzeit im B-Segment zu haben ist. Gut, sagen Sie, hätte man vielleicht, einen Objektiveren als einen vergangenheitsbesoffenen Uno-Traumatisierten ans Steuer lassen sollen.

„Rundes Ding“

Doch auch meine Kollegen, die von jeglicher Seat-Romantik befreit sind, waren positiv überrascht, was für ein „rundes Ding“ der eckig-kantige Klein-Katalane beim Fahren abgibt. Mit dem 95 PS starken Triebwerk kommt nur selten der Wunsch nach mehr Leistung auf. Die 175 Nm Drehmoment liegen schon bei 1500/min an.


Wie schon angedeutet, ist keinerlei Turboloch spürbar. 10,9 Sekunden für die Standardbeschleunigung auf 100 km/h und 189 km/h Höchstgeschwindigkeit klingen jetzt zwar nicht nach einem Inferno. Die Art ihrer Darbietung macht aber wirklich Spaß. Und das ist Spaß ohne Reue: Denn mit einem Testverbrauch von 5,4 Litern auf 100 km kann man auch sehr zufrieden sein.

Niedriges Geräuschniveau

Das Anfahrschnarren des Dreizylinders, das man als leichte Unkultiviertheit verbuchen könnte, versendet sich bei höheren Drehzahlen zudem. Das Geräuschniveau auf schnellen Autobahnetappen würde auch in deutlich höheren Fahrzeugklassen zum Lob gereichen. Das Soundsystem von der Lifestyle-Marke Beats Audio legt einem seinen Wunschtitel eh in ordentlicher Qualität drüber bzw. drunter. Es ist alternativ zum eher mau klingenden Seat-Soundsystem jetzt auch im Leon [4] erhältlich.
Komplett überzeugend fanden wir auch das Fahrwerk, dem es gelingt, ebenso kurvenfreudige Agilität im Handling wie komfortables Schluckvermögen zu bieten. Harte Kanten kommen zwar spürbar durch. Toll ist es aber, wie der kleine Katalane Bodenwellen glattbügelt. Die 120 Euro für den Fahrprofilschalter sollte man indes besser versaufen oder als Benzingeld reservieren. Die Spreizung war weder für mich wirklich spürbar noch hilfreich.

Hohe Langstreckenqualität

Ich würde mit dem Ibiza sofort nach Siena fahren, um ihn dann am nächsten Tag genüsslich und länglich durch die vielen, vielen wunderbaren Kurven des Orciatals zu werfen. Das ginge sogar mit vier Personen ziemlich gut. Denn auf dem Rücksitz habe ich mit meinen knapp unter 1,80 m Körpergröße hinter dem auf mich eingestellten Fahrersitz, wunderbar Platz. Die Rückbanklehne hat einen angenehmen Winkel, die Schenkelauflage ist ausreichend, meine Knie wetzen nicht an der Fahrersitzlehne.

Liebloser Kofferraum

Eine kleine Enttäuschung ist dagegen das Gepäckabteil und dessen Variabilität. Während die reine Größe mit 355 bis 1165 Litern sogar sehr gut klingt, macht das Layout mit der hohen Ladekante und der unschönen Stufe nach Klappung der Rücklehnen einen lieblosen Eindruck. Bei meinem alten Ibiza konnte man die Sitzflächen nach vorne aufstellen, so dass sich dahinter ein ebener Ladeboden ergab. Das geht beim Neuen nicht mehr. Stattdessen soll man 195 Euro in einen variablen Gepäckraum investieren (erst ab Ausstattungslinie Style erhältlich). Das ist weder die einzige noch die größte Unverschämtheit in der Preisliste, deren Studium vom potenziellen Kunden ein gerüttelt Maß stoischen Gleichmut verlangt. Denn in der Reference-Ausstattung sind nicht einmal geteilt umklappbare Rücksitzlehnen enthalten. Dafür werden 150 Euro Aufpreis verlangt.


Doch der schlechteste Witz der Preisliste ist das nicht. Denn für die Grundversion des Ibiza mit 65 PS starkem Einstiegsdreizylinder, die für 12.490 Euro in der Preisliste seht, kann man die geteilte Rücksitzlehne ebensowenig haben wie irgendeine andere Sonderausstattung, nach der diese Fake-Version geradezu schreit. Das Recht, Sonderausstattungen zu kaufen, erwirbt man erst mit dem „Reference“-Modell für 1750 Euro Aufpreis. Wohlgemerkt: Da ist kein einziges Ausstattungsdetail mehr enthalten, aber hier darf man zu teuren Preisen aufstocken.

Preisgestaltung

Als durchsichtiges Feigenblatt spendiert Seat dem Einstiegsbenziner in der Linie Reference zehn PS mehr. Ich weiß nicht, was sich die Konzernstrategen und/oder Buchhalter dabei denken. Aber wir halten es nicht für klug, den Kunden mit solch unverfrorenen Respektlosigkeiten zu verärgern. Fakt ist also, es gibt in Wahrheit kein Einstiegsmodell mit 65 PS, der Seat Ibiza beginnt als 75-PS-Version für 14.240 Euro. Wir raten gleich zur Style-Ausstattung zu greifen, die für knapp 2000 Euro mit Radio, Klimaanlage, geteilt umklappbaren Rücksitzlehnen, Lederlenkrad und Leichtmetallfelgen die Dinge enthält, auf die heute die Wenigsten verzichten wollen. Wobei Kollege Martin zum Lederlenkrad notierte: „Wenn das Ziel war, das Leder wie Plastik anfühlen zu lassen, ist das hervorragend gelungen.“

Die 1000 Euro Aufpreis für den 95-PS-Turbomotor sind hervorragend investiertes Geld. 17.190 Euro würden wir also mindestens für einen Ibiza anlegen. Unser sehr gut ausgestatteter Testwagen kam auf 22.290 Euro mit Sound- sowie Navigationssystem, Assistenzpaket, Rückfahrkamera, Voll-LED-Scheinwerfern und vielem mehr. Bei der Preisgestaltung für das LED-Licht ohrfeigt Seat seine Kunden übrigens auch, aber diesmal diejenigen die den teureren Leon kaufen. Das exakt gleiche Scheinwerfer-System kostet im katalanischen Golf 1020 Euro, im Ibiza auf Polo-Plattform aber nur 595 Euro. Der Grund dafür ist ein ganz schlichter: Im Leon werden die Scheinwerfer nahezu von jedem Kunden bestellt und ohne zu Murren teuer bezahlt, im preissensiblen B-Segment, sind die Kunden aber nicht bereit, dafür so viel Geld auszugeben.

Rundum gelungen

Letztendlich erhält man mit dem Ibiza mit Dreizylinder-Turbo und 95 PS ein rundum gelungenes Fahrzeug, das für das Gebotene noch nicht einmal überzogen teuer ist. Arrogante Taschenspielertricks in der Preisliste könnte sich Seat also wirklich sparen. Schade, dass sie darauf nicht selbst kommen. Das Auto selbst ist nämlich ein Sympathieträger. Mehr Auto braucht man sehr selten. Und so markiert der Ibiza den Aufstieg vom Kleinwagenhaften zur Mittelklassequalität – wie damals bei mir.

Die Kosten für die Überführung hat Seat übernommen, jene für Kraftstoff der Autor.


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Links in diesem Artikel:
[1] https://www.heise.de/autos/artikel/Der-vergessene-Bestseller-1859403.html
[2] https://www.heise.de/autos/artikel/Im-Test-Ford-Fiesta-EcoBoost-1-0-Titanium-3890885.html
[3] https://www.heise.de/autos/artikel/BMW-216d-Gran-Tourer-im-Test-2832324.html
[4] https://www.heise.de/autos/artikel/Test-Seat-Leon-1-4-TSI-ACT-Xcellence-3704036.html