„Nur Software“

Klartext

„Das ist doch nur Software!“, rief der Mann erregt, sein Weinglas schwenkend. Als er diesen Satz das dritte Mal sagte, musste ich etwas Unerwartetes tun: Eingreifen und Daimlers Ingenieure vehement verteidigen.

Lesezeit: 3 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 6 Beiträge
4 Bilder
Von
  • Clemens Gleich
Inhaltsverzeichnis

Kurz vor Xaver saß ich im wunderbaren Hamburg in einer interessanten Gesprächsrunde und fand mich in einer sehr ungewöhnlichen argumentativen Position: Ich verteidigte Daimlers Ingenieure – vehement. Es ging um autonome Fahrzeuge, Roboterautos also, die sich ohne einen menschlichen Fahrer zum Ziel bewegen. Der Spruch, der immer immer wieder kam: "Aber dann ist das ja nur Software!" Nur Software! Irgendwann musste ich meinen Nebensitzer unterbrechen: "Bitte sag nicht immer 'nur Software'. Ich gebe sehr viel Geld für Software aus und wir haben viel zu wenig gute Software. Wenn sich ein Roboter 'nur in Software' von einem anderen unterscheidet, verhält er sich komplett anders. Bei einem Auto geht es also nicht mehr allein um passives Fahrverhalten aus den menschlichen Fahrereingaben, sondern ein aktives, eigenes Verhalten. Das ist der größte Unterschied überhaupt." Natürlich fällt einem der beste Spruch erst hinterher ein: "Dein Ego und beinahe gesamtes Verhalten ist auch 'nur Software'."

Jeder, der in der Software-Entwicklung arbeitet, kennt solche Sprüche. Software hat dieselben Probleme wie alles, was kompliziert und zu großen Teilen unsichtbar ist. Der gesamte unsichtbare Teil des elektromagnetischen Spektrums zum Beispiel erfährt eine ähnliche Behandlung. Was die Leute über Alpha-, Beta-, Gammastrahlung oder die elektromagnetischen Felder ihrer Alltagselektronik glauben, hat große Ähnlichkeit mit mittelalterlichem Geisterglauben. Oder mit der Volksmeinung über Software. Beliebt ist auch die Postulierung einer unabhängigen Existenz von Software. Die gibt es nicht. Software hängt immer sehr direkt von der Hardware ab. Das letztendliche Verhalten der Maschine ist ein Resultat des Zusammenspiels aller Komponenten, sichtbar oder nicht. Dieselbe Software auf eine andere Hardware-Plattform gespielt resultiert fast immer in gar keiner Funktion mehr. Nur bei sehr großer Hardware-Ähnlichkeit kommt überhaupt noch ansatzweise eine Funktion heraus.

Bei Lebewesen ist die Volksmeinung ein Stückchen weiter. Die vorwissenschaftliche Annahme einer von jedem Körper getrennten Existenz des Geistes gibt es dort nur noch in mittelalterlichen Glaubenssystemen. Die sind aber nur zum Wohlfühlen da. Die taugen nicht als Grundlage eines aufgeklärten Weltbilds. Es wäre schön, wenn die allgemeinen Ansichten übers Ingenieurswesen ebenfalls aufgeklärt würden.

Ein Software-Ingenieur, wie der US-Sprachraum seine Programmierer so passend taufte, leistet einen genauso wichtigen Beitrag zum Bau eines Fahrzeugs wie andere Ingenieursbereiche auch. "Ich brauche bei mir keine Maschinenbauer mehr", sagt Dr. Ralf Herrtwich, der bei Daimler einem 200-köpfigen Expertenteam vorsteht, das die Probleme des automatisierten Fahrens lösen soll. Da braucht es keine besseren Servos mehr zur Lenkradansteuerung, da braucht es robustes und sinnvolles Verhalten dieser Lenkradansteuerung. Das Team besteht deshalb fast nur aus Software-Entwicklern.