Die Schotterpässe der Alpen sind fahrerisch banal.

Klartext: Abenteuer in Banalien

Die 4x4-Fahrer lieben die Alpen mit ihren Schotterpisten, und zwar nicht, weil sie anspruchsvoll wären, sondern eben, weil sie es gerade nicht sind. Hier probiert man in tollem Panorame losen Untergrund aus

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  • Clemens Gleich
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Ein Camping-Platz mitten in den Westalpen. Neben den üblichen Aktivurlaubern in VW-Bussen steht dort eine bemerkenswerte Überzahl klobiger Offroader vom Kaliber Land Rover Defender mit khakifarbenen Dachzelten. Ohne Asphalt fahren erlebt offenbar gerade einen Boom. Auf den (asphaltierten) Straßen trifft man hunderte Meter lange Geländewagen-Konvois, die ihrem Hobby gemeinsam frönen wollen. Viele Schotterpässe haben die Zeichen der Zeit erkannt und fordern (wieder) Maut von ihren Gästen. Das funktioniert, weil es dort oben meistens wunderschön ist, aber banal zu fahren.

“Banal“ verwendet der Schreiber meistens zur Abwertung. Ich verwende es zur Abwertung der daheim erzählten Schwierigkeit dieser Schotterpisten in den Alpen. Die sind nämlich praktisch ausnahmslos nicht schwer zu fahren, auch wenn dein Kumpel dir nach seiner Rückkehr Geschichten erzählt, als sei er durch das Darién-Hindernis gefahren. Ich bin dort gerne und öfter und bleibe dabei: Die Schwierigkeit bei Trockenheit liegt so niedrig, dass Anfänger dort problemlos ihre ersten Erfahrungen mit losem Untergrund sammeln können, was sie stets gerne tun. Nur alleine sollte man nicht sein, damit einem jemand bei etwaigen Reifenpannen zur Seite steht.

Kaum einer mag schwieriges Gelände

Die Einfachheit arbeitet für diese Strecken. Wenn Autofahrer wirklich schwierige Geländestücke bewältigen sollen, dann fallen sofort fast 100 Prozent von ihnen in den Bereich „Das gefällt mir jetzt eher nicht“. Da spielt ja auch das Geld mit: Wirklich materialschonend kann man einen Kiessteilhang halt nicht hochfahren. Nur ein kleiner Rest wird süchtig danach. Bei Motorradfahrern ist es noch ärger. Wer im Auto einen Fehler macht, der bezahlt meistens nur mit dem Geldbeutel. Selbst ein aufs-Dach-legen tut erst weh, wenn der Hügel sehr hoch und steil war, rein durch die materialzermürbende Wiederholung des aufs-Dach-legens in der Hügelhinab-Rollbewegung entlang der Fahrzeuglängsachse. Beim Motorrad reicht schon eine dumme Landung der Maschine auf dem Bein zum Verlust sämtlicher Sehnen und Bänder rund um das Knie – vor allem bei den beliebten fetten Reiseeimern im Gelände.

Gib derselben Kontrollgruppe jedoch einen Feldweg, und Glück wird sich in den Mundwinkeln breitmachen. DAS haben sie sich vorgestellt: In recht gefahrlosem Umfeld mit einer Fahrbahnoberfläche experimentieren, die tendenziell wenig, stark fluktuierenden Grip bietet. Das könnte der Mensch natürlich sehr schön auch in einem alten BMW 3er erfahren, doch als Werkzeugträger lieben wir es, uns auszurüsten. Und deshalb stehen wir dann am Fuße der banalen Schotterpässe, als wären wir mitten in Mali. Stollenreifen. Treibstoffkanister. Ölkanister. Wasserkanister. Sandbleche. Zwei Meter hoher Ansaugschnorchel mit Zyklon-Abscheider. Bundeswehr-Klappspaten. Selfie-Stick. Klar macht das Spaß.

Die Spaßverderber

Aber dann, auf dem Pass: rote Fiat Puntos fahren vollbesetzt am Expeditions-Tross vorbei, auf dem Weg zum Familienpicknick. Vespa-Piloten in Schlappen winken freundlich. Das erodiert doch das aufgebaute Abenteuer-Gefühl. Im Wagen vor mir fragt Sebastian, warum die selbst auf den ebensten Geradeaus-Passagen angestrengt stehenden GS-Fahrer ihn so düster anblicken, gestikulieren gar. Erst wusste ich es auch nicht. Dann fielen mir die Blicke ein, die mir eine Gruppe neoprenverpackter, angeschirrter Jochen-Schweizer-Abenteurer zuwarf, als sie mich in einer Kaltwasser-Höhle auf der Alb sah.