Wisch & weg

Klartext: Contra Berührungsbedienung

Für mich heißt die Frage nicht, wie gut die Technik des Touchscreens funktioniert oder wie logisch die Menüstruktur der Benutzerschnittstelle aufgebaut ist. Das Problem ist grundlegender – es besteht bereits in der Anwesenheit eines Berührungsbildschirms

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  • Florian Pillau
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Lieber Grell, das ist ohne Frage ganz treffend herausgearbeitet, geht mir aber leider etwas am Thema vorbei. Für mich heißt die Frage nicht, wie gut die Technik deines Touchscreens in japanisch-gallischen Dörfern schon Äonen vor dem Smartphone funktioniert hat oder wie logisch die Menüstruktur der Benutzerschnittstelle aufgebaut ist. Oder wie (un)gern man wischt und tippt.

Das Problem ist grundlegender – es ist die Anwesenheit eines wie auch immer gearteten Berührungsbildschirms, einer Überfülle an Funktionen und einer fürs Fahren ungeeigneten Bedienung. Das ist nicht meine persönliche Einschätzung: Alle Bediensysteme weisen ihre Benutzer beim Einschalten auf die damit verbundenen Gefahren hin.

Sei mir nicht bös, wenn ich damit nun auch noch vergleichsweise moralinsauer rüberkomme. Mich hätte 1983 beinahe einmal ein Freund getötet, nachdem ich ihn von der Rückbank aus gebeten hatte, das Radio in einem Fiat 500 (Baujahr 1973) leiser zu drehen. Der Unfall wies auf schreckliche Art darauf hin, dass schon ein derart einfacher zusätzlicher Bedienvorgang dein letzter sein kann: Das Radio hatte lediglich zwei und dazu bestens ertastbare Knöpfe. Das Armaturenbrett war schmal wie das Auto.

Nahezu unbegrenzte Vielfalt

Das Smartphone hat innerhalb nur weniger Jahre die Welt erobert. Es ist nicht zuletzt ein ungeheurer Erfolg, weil es seinen Träger durch eine unbegrenzte Vielfalt der Möglichkeiten verschiedenster Programme unterstützt. Die PR-Spezialisten wissen genau um den angenehmen Kitzel des Allmachtsgefühls und setzen es nach Kräften ein. Auch in der Autoindustrie, die ihre PR von „fahrenden Smartphones“ (Daimler) und der Verschmelzung des Hosentaschencomputers mit dem Auto schwadronieren lässt, weil es mittlerweile die gewohnte Bedienwelt ihrer angepeilten Hauptkundschaft ist.

So übertragen sie ihrer Klientel zuliebe das Wischen und Tippen in die Bedienung ihrer Produkte und beziehen immer neue Funktionen mit ein, um mit möglichst vielen Wahlmöglichkeiten in immer tieferen Menüs Eindruck zu schinden. Dass nichts davon zum Autofahren nötig ist, dürften weit über 100 Jahre ohne Bediensysteme nachhaltig bewiesen haben.

Dumm nur, dass wir Menschen uns in unserer Fähigkeit überschätzen, mehrere Aufgaben gleichzeitig zu bewältigen. Dass wir vom Omnipotenzkitzler in dieser Fehleinschätzung bestärkt werden, ist an sich meist nicht weiter schlimm. Es sei denn, es geht um das Lenken eines Autos.

Es gibt keinen besseren Weg als einen Touchscreen ...

Dass die Autohersteller das Problem der Vielfalt wie beim Smartphone lösen, liegt daran, dass es keinen besseren Weg gibt: Wollte man etwa alle Funktionen moderner Autos auf physische Bedieneinheiten legen, verlöre der Fahrer komplett den Überblick: entweder wäre das gesamte Armaturenbrett voller Knöpfe oder es wären zwar etwas weniger, doch wären die dann hoffnungslos mit Mehrfach-Funktionen überfrachtet. Die Fahrerablenkung wäre perfekt.

Mit einem Touch-Bediensystem hingegen kann man jede Funktion auf der aktiven Oberfläche auf einen Blick erkenn- und bedienbar machen. Noch ist das, trotz neuer Entwicklungen wie etwa bei der Sprachbedienung, konkurrenzlos. Übrigens auch in den Produktionskosten.

... doch im Auto wird sein Vorteil zum Nachteil

Im Auto jedoch verkehrt sich der vermeintliche Vorteil zum Nachteil. „Auf einen Blick erkennbar“ bedeutet jedes Mal eine Abwendung vom Verkehrsgeschehen. Dazu kommt die Akkommodation des Auges auf den Bildschirm von rund einer Sekunde (und je einer weiteren zurück, entsprechend 30 gefahrenen Metern bei 50 km/h). Dann gilt es, die richtige Schaltfläche zu finden und anzutippen. Sobald sich der Wagen in Bewegung befindet, wird das deutlich schwieriger, als einen Knopf zu betätigen. Die Hand-Auge-Koordination kommt an ihre Grenzen, zudem befindet sich dann auch nur mehr eine Hand am Volant. Es ist eine Art der Ablenkung, die in ihren Folgen dem berüchtigten Tunnelblick eines betrunkenen Fahrers erschreckend nah kommt.

Die Ablenkung beginnt messbar bereits ab der geistigen Beschäftigung mit einer möglichen Eingabe, spätestens jedoch, mit einer Meldung aus dem System. Sei das ein einfacher Navigationshinweis oder ein Anruf. Selbst wenn man das Telefonat nicht führt oder die Hilfestellung ignoriert, so lösen sie doch mentale Vorgänge im Hintergrund aus, die Rechenleistung im Fahrerhirn kosten. Wie gesagt, Multitasking ist eine realitätsferne Allmachtsphantasie.

Auf Kosten der Rechenleistung im Fahrerhirn

Die Industrie weiß außer von ihren Entwicklern auch durch die Zahlen der Versicherer von dieser Problematik. Die Allianz hat für 2016 ermittelt, dass von 3206 im Straßenverkehr Getöteten etwa 320 Opfer abgelenkter Fahrer wurden – etwa jeder Zehnte. Todesopfer durch Alkohol am Steuer gab es laut Deutschem Verkehrssicherheitsrat (DVR) im gleichen Zeitraum dagegen 225. Etwas über tausend starben aufgrund überhöhter Geschwindigkeit.