Über das Auto in einer urbanen Zukunft

Klartext: Das Elektroauto wird uns nicht retten

Das Auto als Mittel der Mobilität zeigt immer mehr Konflikte mit der Welt, wie sie gerade wird. Parkplätze verschwenden wertvollen Platz in der Stadt, die Straßen sind immer dicht und dein Elektromotor ändert nichts daran

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… und mit „uns“ meine ich konkreter: unsere Gewohnheiten. Seit die Elektroauto-Verkäufe durch Dieselkrise, Gesellschaftsströmung, Politik und Avantgarde ein bisschen angezogen haben, stelle ich Erleichterung fest in den Reihen der Autofahrer: „Geschafft! Wir sind auf dem Weg in die Zukunft.“ Als wir das Thema „Zukünftige Mobilität“ bei der Heiseshow auf der Cebit diskutierten, fragte mich Newsroom-Kapitän Jürgen Kuri auch zum Einstieg: „Fahren wir bald alle elektrisch?“ Dabei war meine Ansicht, dass schon lange vor dem ersten neueren E-Auto anno 2010 klar war: Alles wie immer machen, nur mit Elektromotor, das ist keine Lösung, sondern Herumfrisieren am Problem. Dieses Problem lautet ausgeschrieben: „Jeder Mensch ein Auto“ passt immer schlechter zu unseren Lebensumständen.

Wie kamen wir überhaupt an diesen Punkt? Manche begründen das alles mit „Dummheit“. Das glaube ich nicht. Das Auto als Idee war keineswegs dumm. Das Auto war eine disruptive Technik, die alles umwarf, was damals normal war. Es sorgte für neue Geschäftsmodelle und irgendwann für eine ganz neue Art zu leben. Der Haupttreiber dieser Entwicklung dürften die USA gewesen sein, denn sie lebten zu den Hochzeiten ihrer Republik einen Traum vor, dem der Rest der Welt nacheifern wollte. Selbst einfachere Bürger konnten sich ein Auto leisten. Das Auto wurde bald zum Grundstein des bürgerlichen Lebens dort.

Die Stadt für Autos

Das Auto war Grundlage der Städte, die ab den 30er-Jahren gebaut wurden. Planer unterteilten sie in Funktionsbereiche: wohnen, einkaufen, Unterhaltung, arbeiten. Zwischen den Funktionsbereichen sollten die Menschen mit ihren Autos fahren. Dazu bauten die Städte gigantische Straßenkonstruktionen durch ihre Ballungszentren. Das funktionierte ganz gut, denn damals lebten die meisten Menschen auf dem Land. Vor allem in den USA mit ihren weiten Flächen war das bezahlbare Auto der Nährboden für eine neue Zeit persönlicher Mobilität. Doch auch im vergleichsweise dicht besiedelten Deutschland fuhr die Bevölkerung mit der Moderne vermehrt Kraftfahrzeuge: erst viel Krafträder, dann, mit dem bezahlbaren Käfer, folgte auch bei uns der Auto-Boom, aus prinzipiell denselben Gründen wie in Amerika.

Die autofreundlichen Bedingungen veränderten sich jedoch mit der Zeit: In den Fünfzigern lebten etwa 2,5 Milliarden Menschen auf der Erde, also etwa ein Drittel der heutigen Bevölkerung. Dazwischen passierte mit Wachstumsraten von teils über 2 Prozent eine regelrechte Bevölkerungsexplosion. Das überdeckte sich mit einer anderen Entwicklung: Die Menschen zogen mehr und mehr in die Städte. In den Fünfzigern lebte weniger als ein Drittel der Weltbevölkerung in Städten. 2007 war es schon die Hälfte. Die Prognose für 2050 sind 70 Prozent, und die ist nicht aus der Luft gegriffen. Das Problem mit dem Auto ist also gar nicht, dass es eine dumme Idee gewesen wäre, im Gegenteil: Zu Zeiten großen Aufschwungs im Rausch des Erdöls war es eine ganz gute Idee. Nur haben sich seitdem eben die Rahmenbedingungen geändert. „Lebensqualität für alle“ beißt sich zunehmend mit „Auto für alle“.