Wie die IT-Welt über die Autoindustrie denkt

Klartext: Dinosaurierhass ohne Dinosaurier

Wir sind ein Verlag, der Kanäle sowohl für IT-Technik als auch diesen Autokanal betreibt. Das ist recht selten, weil sich diese beiden Dinge in der menschlichen Gefühlswelt gar nicht so gut vertragen, kommentiert Clemens Gleich

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(Bild: Daimler)

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Wir operieren in einer merkwürdigen Nische: ein Autokanal, betrieben von einem IT-Verlag. Solche Konstellationen passieren sehr selten, weil die IT-Welt typischerweise die Autoindustrie nicht besonders mag. Das bezieht sich gar nicht konkret auf die Maschinen. Viele Kollegen fahren gern Auto, selbst wenn sie kein eigenes besitzen. Es bezieht sich auf die Industrie, die diese Maschinen herstellt.

Schuss nicht gehört

Die größte emotionale Strömung der IT-Welt betreffend Autos fühlt in etwa so: Die Autoindustrie ist von gestern, vorgestern, ein Dinosaurier, überholt. Folglich haben alle Ingenieure, die dort arbeiten, den Schuss einfach noch nicht gehört. Folglich herrscht in der Industrie eine krasse Ignoranz dessen, was wirklich wichtig ist in der Welt, nämlich elektronisch digitale Kommunikations- und Rechengeräte. Dem nächsten logischen „folglich“ verweigert sich die IT-Welt bereits: Das Auto ist längst selbst zum größeren Teil so ein Gerät.

Das führt dazu, dass die Autoindustrie auch fachlich vollkommen falsch eingeschätzt wird. Ich erinnere mich, wie mich die Verlags-Kollegen auf dem Web Summit fragten, was die Autohersteller denn hier wollten. Ich war kurz fassungslos. Konnte das ein Fachredakteur wirklich nicht wissen? Weil sie größtenteils von Digitaltechnik leben, wie Apple auch! Dann kurzes Nicken: sofortiges logisches Verständnis. Aber emotional akzeptiert wird der Umstand danach nicht.

BMW vs. Microsoft

Wenn ich für Tech-Publikationen über Autos schreibe, muss ich gegen Redaktionsgefühle arbeiten, die in jeden Artikel einbringen wollen, was die Autoindustrie, speziell selbstkasteiend die deutsche Autoindustrie wieder alles verschlafen hat, weil die Mitarbeiter dort so dumm sind, weil sie nicht so schlau sind wie wir Redakteure, die ja wissen, wie man ein Auto bauen muss. Ich würde schmunzeln, wenn wir diese Leier nicht seit den 1970er-Jahren hören müssten. Die BMW AG verschläft über gleiche Beobachtungszeiträume weder mehr noch weniger Dinge als die Microsoft Corporation. Jedes große Unternehmen wird durch seine Masse träge.

Es fällt mir leicht, das zu beobachten, weil ich mich sowohl in der IT- als auch der KFZ-Welt bewege. Es fällt mir weniger leicht, konkrete Gründe für diese Gefühle festzunageln. An der Industrie selber kann es nicht liegen; das sehen wir an Tesla. Tesla existiert seit 15 Jahren und gehört längst zu den etablierten Autoherstellern, was alle, die diesen schwierigen Markt kennen, als respektable Leistung anerkennen. Die ITler dagegen sehen Tesla immer noch als das kleine Startup, den Underdog, dem alles verziehen wird. Tesla ist aber im Heimatmarkt seit langem Marktführer bei Luxuslimousinen und seit die Kompaktautos Model 3 endlich in Stückzahlen kommen, schlägt der Hersteller viele Importmarken in den USA generell, zuletzt BMW. Tesla ist kein Startup mehr. Tesla gehört zum Establishment.

Verschlafen ist normal

Tesla verschläft Dinge wie jede größere Firma. Vergessen wir einmal die Verluste. Opel hat in den vergangenen 20 Jahren auch hauptsächlich Verluste gemacht. Dennoch würde niemand behaupten, Opel sei kein richtiger Autohersteller. Tesla hat das Model 3 mit einem Software-Fehler ausgeliefert, das dem Auto schlechtere Bremswege als einem Pickup-Truck bescherte (mittlerweile behoben). Die Leistungselektronik am ersten Model S war thermisch fehlkonstruiert (sie überhitzte unter Dauerlast).