Warum müssen Assistenten derart nerven?

Hassistenzsysteme

Wen der Spurverlassenwarner oder die Außenspiegel 500 Kilometer lang angeblinkt haben, der entwickelt bald einen Hass auf Assistenzsysteme. Der hat weniger mit Elektronik zu tun als viel mehr mit Featureitis.

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  • Clemens Gleich
Inhaltsverzeichnis

Viele Autofahrer hassen Assistenzsysteme, weil sie alle Elektronik hassen. Es gibt jedoch noch einen viel besseren Grund, sie zu hassen: weil sie Scheiße sind. Ich möchte argumentieren von der Position des Technikfreundes. Elektronik im Auto ist etwas grundsätzlich Gutes. Sie hat das heutige Niveau an Zuverlässigkeit und Robustheit erst möglich gemacht. Warum rüsten denn so viele Oldtimer-Besitzer von elektromechanischer auf elektronische Zündung um? Weil es länger läuft. Und wahrscheinlich wäre der Ruf der Elektronik generell besser, wenn Elektronik nicht so ein beliebtes Einfallstor für das eigentliche Problem wäre: Featureitis.

Herstellern, Presse, Autohändlern und Endkunden ist gemein, dass sie bequemlichkeitshalber am liebsten in Checklisten denken. Hat das Ding ein Notbremssystem? Ja? Gut, dann nehm ich die Karre. Aber nur, wenn sie auch Gliehma hat. Ob das Notbremssystem ständig Phantome sieht oder die Klimaanlage im Sommer gerade ausreicht, die Hände am Lenkrad zu kühlen, verschweigt uns die Feature-Liste aus gutem Grund. Denn die Funktion der Feature-Liste ist die des Marktschreiers. Sie verspricht alles, was Einheiten verkauft. Sie hält nur, was sie muss: "Was denn, hast doch eine Klimaanlage. Zu warm im Sommer? Habe ich je Kühle im heißesten Sommer versprochen? Nein. Das war dein Kopf."

Diese Systeme, die man ohne Feature-Liste überhaupt nicht verkaufen könnte, leben vom Ruf der Besten. Es gibt ja zum Beispiel Verkehrsschild-Erkenner, die Verkehrsschilder erkennen. Es gibt aber auch Verkehrsschild-Erkenner, die Geschwindigkeits-Aufkleber von LKW-Ärschen lesen. Beide stehen als "Verkehrsschilderkennung" in der Aufpreisliste. Sie sind jedoch unterschiedlich nützlich. Diese fiese Falle der Feature-Liste hat uns die ABS-Pflicht für Motorräder beschert. Da steht nämlich nicht drin, was ein ABS am Motorrad konkret leisten soll, obwohl das eine Menge wichtiger Dinge ist, darunter zum Beispiel die nontriviale Vermeidung eines Purzelbaums nach vornüber in mehreren kritischen Bremszuständen. Nein, da steht nur drin, dass ein ABS vorhanden sein muss, Funktionsqualität egal. Ich stelle mir vor, dass Leute, die sich sowas ausdenken, auch ihre Paarungspartner strikt nach Feature-Liste auswählen: "Ah ja, was macht sie alles? Gut, die nehme ich. Probefahrt? Nein, danke, steht doch alles Wichtige in der Liste."

Verkaufbarer Dreck

Das zweite große Problem der Featureitis hängt eng am ersten und lässt sich wie dieses am besten kaufmännisch verstehen. Der Ökonom fasst zusamen: Wenn man Dreck verkaufen kann, braucht man nicht nach Gold schürfen. Auf die Feature-Liste angewandt bedeutet diese Daumenregel: Es geht nicht um die Funktionsgüte, sondern es geht darum, wie wir mit dem geringsten Aufwand den größten Gewinn erzielen. Das geht am einfachsten mit Assistenzsystemen, die Kunden kaufen, aber dann nicht benutzen.