Das Ende der Welt neben einem Top-Fuel-Dragster

Realitätsabriss

Nichts kann den Menschen darauf vorbereiten, wie laut ein Top-Fuel-Dragster Nitromethan in Vortrieb zerhackt. Auch dieser Text kann es nicht. Er kann nur eine Warnung sein und eine Lehre

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Von
  • Clemens Gleich
Inhaltsverzeichnis

Der größte Teil der Arbeit eines Motorschreibers besteht darin, etwas zu erleben und dieses Erlebnis als Text zu vermitteln. Dabei stößt er regelmäßig auf diese eine, wichtige Grenze: die der Vorstellungskraft, die ein Text ohne weitere Hilfe aufbauen zu helfen imstande ist. Der Mensch baut neue Gedanken stets aus alten Erfahrungen zusammen, was der Grund ist, warum fiktive Außerirdische immer wie Menschen oder Tiere aussehen und Politik immer gleich. Man kann einem Heranwachsenden nicht erklären, was an Sex nun so toll ist oder am Autofahren. Er muss es selber erleben, um sich ein Urteil bilden zu können, und die tragischsten Kommentarkaskaden bilden sich im Fuhrwasser jener Erkenntnislosen, die sich vorstellen, sie könnten sich das Unbekannte vorstellen.

Genau diesen Problemkreis durchdachte ich, als ich meine erste very close encounter mit einem Top-Fuel-Dragster hinter mir hatte, bei den NitrolympX am Hockenheimring. Natürlich sagt dir jeder vorher, wie laut das ist, und überall werden Gehörschutzmechanismen verschiedenster Bauart verkauft. Aber meine vergangenen Erfahrungen als Motorschreiber, aus denen ich eine neue von "ist sehr laut" aufbauen musste, die bestanden eben aus startenden Rennmotoren, neben denen man steht, um Fotos zu machen oder aus Rennmotoren, auf denen man sitzt. Wie viel schlimmer kann es schon sein? Die sollen sich mal nicht so haben, der Motorschreiber hat Erfahrung und eine Hornhaut über den Trommelfellen. Beim Gang in Richtung Startlinie wurde es dann so laut, dass alle ihren Hörschutz anlegten. Bis hierhin alles Routine. Es hätte mir zu denken geben müssen, dass am Punkt "so laut, dass man freiwillig einen Hörschutz anlegt" a) ein Betongebäude direkt zwischen mir und den startenden Motoren stand und b) der Schalldruck proportional mit der Entfernung Entfernung zur Quelle sinkt.

The Reality Dysfunction

Ich latschte langsam am Häuschen vorbei hinter die Betonbegrenzer zu den anderen Fotografen. Doch plötzlich passierte etwas, das sonst in diesen merkwürdigen Träumen geschieht, die einen nach verdorbenen Hamburgern und Rotbuschtee befallen: Mein vertrautes Realitätskontinuum setzte aus. Unsere Wahrnehmung der Realität und uns darin besteht aus einem kleinen Teilbereich des Gehirns, der beständig eine selten wirklich wahre, aber immer eine ihm sinnvoll scheinende Geschichte aus den einströmenden Sensordaten webt. Das ist unser Ich. Und meinem Ich fiel zu diesen Sensordaten einfach nichts Sinnvolles mehr ein.

Mein Schädel hallte. Meine Zähne schlugen vibrierend aneinander. Der Boden bebte. Meine Eingeweide wurden verrührt. Eine heiße Wolke umgab mich, dampfig und scharf riechend wie Maschinen für das Weltall. Und ich empfand etwas, das ich schon lange nicht mehr empfunden hatte: echte Angst. Vielleicht war es Angst vor dem Unbekannten oder die Angst jedes Realitätsabrisses, nicht mehr ins Kontinuum zu finden, auf jeden Fall war es keine vage Zivilisationsangst über versehentlich auf AN vergessene Herdplatten, sondern es war die rohe, nackte, undiskutierbare Angst der ersten Affen, die das Gebrüll des ersten Tigers hörten. Verzerrte Gesichter um mich herum starrten ins Leere, die wahrscheinlich genauso aussahen wie meins: Ersterfahrer.