Über das Gefühl, fremde Fahrzeuge zu zerschrotten

Klartext: Schande

Jetzt ist es doch passiert: Auf dem Nachhauseweg in einem rutschigen Eck ditschte ich Nissans GT-R mit dem Heck an die Leitplanke. Dabei gibt es viele Möglichkeiten, auf dieser Straße nicht zu verunfallen. Brennende Scham brach über mich herein, und das ist gut so

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„Jeder Sturz ist eine Schande“, sagte Ernst „Klacks“ Leverkus immer, als er noch unter uns weilend seine Motorradtests schrieb. Ich glaube, man muss ein Testfahrer oder Motorredakteur sein, um vollkommen zu verstehen, aus welchem Gefühl heraus er diesen Satz prägte. Als ich Motorradfahren lernend meine Mille als Sonde für Bodenproben in die Scholle Rijekas rammte, empfand ich keine große Scham. Das lag vor allem daran, dass die Mille mir gehörte. Als ich jedoch auf eine neue Mille, geliehen von Aprilia, zum Reifentest auf die Strecke Jerez hinausfuhr im Gedanken „so, jetzt fährst mal diesen Reifen warm“, wobei ich mich ansatzlos in der ersten Kurve fratzte, da war die Scham groß.

Denn es fühlt sich ganz anders an, Dinge Anderer zu zerstören, die sie einem mit einem immensen Vertrauensvorschuss leihen. Dazu kommt, dass Schäden meistens völlig dämlich passieren. Umschmeißen bei den Seitenaufnahmen der Fotoproduktion oder beim Tanken oder sonstwie beim Rangieren. Oder eben in der ersten Kurve in Jerez. Ich erinnere mich, als ich von meiner großen Alpengeschichte mit Timo zurückkehrte. Die BMW F 800 S trug eine kleine, aber verräterische Schleifspur am Koffer, die entstanden war, als ich feststellte, dass die Großglockner-Hochalpenstraße recht glatt sein kann und bei sehr langsamer Fahrt die Bodenbelagsstruktur plötzlich von sehr nahem sehen musste. Bürokollege Maik (BMW-Beauftragter im Verlag) legte mir ein Schadensberichtformular auf den Schreibtisch mit dem verärgerten Vermerk „Aber GANZ schnell!“. Mein Gesicht glühte im Licht der Schande. Natürlich.

Godzilla am Arsch

Diesen Text schreibe ich, weil ich jetzt einen Autounfall hatte – meinen ersten, seit ich 18 Jahre alt bin. Die Schande brennt besonders stark, weil es sich auch hier um einen dämlichen, vollkommen vermeidbaren Unfall handelt: Wir fuhren den ganzen Tag im Nissan GT-R herum, machten Fotos und brannten über die Nordschleife. Abends fuhren wir dann beim Edeka vorbei, kauften Lebensmittel und machten uns damit weiter auf den Heimweg. Auf der nassen Straße überraschte mich ein bemerkenswert rutschiges Stück. Der GT-R schob sanft über beide Achsen Richtung Leitplanke. Um nicht frontal oder platt seitlich daran zu geraten, und natürlich in der irrationalen Hoffnung, dass mich Godzilla vierfüßig allradelnd retten könne, versuchte ich noch etwas Drehmoment. Es reichte nicht ganz. Der Arsch ditschte an die Planke.

Wer je das crunchende Geräusch hören musste, das Karosserieteile von sich geben, wenn sie im Sterben liegen, kennt nur einen Teil meiner Empfindungen in diesem Moment. Der größere Teil war die brunnentiefe Scham, einen teuren Leihwagen beschädigt zu haben; nicht während der eigentlichen Arbeit, sondern so blöd danach auf dem Heimweg. Es gibt Menschen, die in solchen Fällen die Schuld aufs Auto schieben, auf die Straße, auf Gott und die Welt. Vielleicht leben sie in einer beneidenswerten Blase der Selbsttäuschung, in der sie unfehlbar sind und nur das Opfer fieser Umstände. So wäre ich manchmal auch gern, denn ich kenne nur wenige Schmerzen, die mir mehr wehtun als meine eigene Dummheit. Ich hätte an dieser Stelle langsamer fahren können oder einfach eine konservativere Linie oder mich daran erinnern, wie ich auf genau dieser Straße unlängst auf dem Motorrad fluchte ob ihrer Rutschigkeit. Es gab eine Million Möglichkeiten, dort nicht zu verunfallen, die täglich von den Anwohnern genutzt werden. „We‘ve all been there“, sagt Nordschleifen-Local Dale Lomas zu Unfällen gern tröstend. Er hängt meistens an: „But that was your fault alone.“ Er tut das, wenn es stimmt.