Erfahrungen aus meinem Reiseenduro-Vergleichstest

Schwimmt sogar auf Schotter

Die optimale Reiseenduro wird oft gesucht, kann aber nur im Einzelfall gefunden werden, weil jeder Käufer die zu machenden Kompromisse selber abwägen muss. Hier ein Tipp für Leute, die mit Hänger Motorrad fahren ...

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"Schwimmschotter" ist mein neu gelerntes Wort des letzten Quartals dieses Jahres. Seine Bedeutung beschrieb mir ein Mitfahrer unserer herbstlichen, motorisierten Alpenbesteigung so: "Schwimmender Schotter besteht mehrheitlich aus runden Körnern, verhakt sich im Gegensatz zu frischer gebrochenem Schotter also kaum, sodass das Fahrzeug stärker einsinkt." Eine Demonstration fand bereits am nächsten Abend statt, nur Meter vom Schlafplatz entfernt auf einem schwimmend gekiesten Hotelparkplatz. Die Honda CRF 250 L (144 kg vollgetankt) parkte einfach. Die KTM 690 Enduro (154 kg vollgetankt) tat es ihr gleich. Dann grub sich die Yamaha XT 660 Z Ténéré (209 kg vollgetankt) einen Graben zu ihrem Parkplatz. Es war wie diese Szene in Herr der Ringe, mit zwei Legolassies voraus, die als Ballerina-Scouts über den Schnee trippeln, während der Trupp hinter ihm versinkt. Dann kam der Balrog (Triumph Tiger Explorer mit 271 kg vollgetankt). Er kam nicht an der Ténéré vorbei, weil er sich unmittelbar am Eingang eingrub und damit seinen Schlafplatz besiegelte, bis wir ihn am Morgen zu viert aus seinem Loch zogen.

Die Reifendimensionen und mit ihnen die Aufstandsflächen typischer Motorradbereifung für losen Untergrund unterscheiden sich kaum. Deshalb unterscheidet sich der jeweils spezifische Anpressdruck enorm. Ein schweres Motorrad hat fast nur Nachteile auf losem Grund. Alles nichts Neues. Dennoch war es interessant zu sehen, wie unterschiedlich die vier Teilnehmer der Reiseenduro-Tour "möglichst viel Schotter fahren von Genf bis zum Mittelmeer" den Kompromiss nach persönlichen Präferenzen auflösten, der jede Reiseenduro ausmacht: Straßenkomfort versus Geländeeignung. Der Tiger bietet so viel Straßenkomfort wie andere schwere Straßenmaschinen und macht eine ebenso ungrazile Figur im Gelände wie diese. Die 250er-Honda ist fast das Gegenteil.

Gorillas, die auf Gemsen reiten

Sobald der Asphalt endete, spreißelte also die Honda vorneweg wie eine von einem Gorilla gerittene Gemse, denn ihr Fahrer ist groß gewachsen und brutal aussehend. Nach den drei Motorrädern folgte erst nach einer Pause der Elefant namens Tiger. Er stampfte und schwankte wie ein Dampfer. Er konnte natürlich rein von den technischen Möglichkeiten betrachtet schneller, doch jedes Mal, wenn er einmal Bodenkontakt verlor und bei der Landung die Alpen ein Stück zurück in den Boden rammte, wurde der Fahrer wieder vorsichtiger. Man muss Felgenbruch, Gabelundichtigkeiten und Reifenschäden nicht provozieren (wir hatten über die gesamte Tour zwei Reifenschäden, einen bei der KTM, einen bei der Triumph). Langsam fahren mit einer schweren Maschine hat auf einigen Untergründen jedoch einen gravierenden Nachteil: es ist anstrengend.