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Alfas wahrer GT

Klassiker: Alfa Romeo Montreal

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Klassiker

Der Alfa Romeo Montreal bringt mit seinem Schlafzimmerblick nicht nur Alfa-Fans um den Verstand. Das Sportcoupé ist eine echte italienische Diva mit zickiger Technik, aber wenn sie läuft, dann möchte man nicht mehr aussteigen.

Der Alfa Romeo Montreal fesselt auf den ersten Blick mit einer harmonischen, aber doch ganz eigenen Interpretation klassischer Coupé-Formen. Aber es kommen einem auch Klischees in den Sinn, wie eine Neigung zu technischen Zickereien, Kabelbränden und gebrochenen Lenksäulen. Doch sobald man in die hellbeigen Ledersitze sinkt, treten diese profanen Zweifel in den Hintergrund. Zu viel Lust auf das Fahren weckt diese automobile Ikone.

Spätestens beim Starten des V8-Motors überwältigen einen dann ohnehin die Emotionen. Der Motor stammt aus dem legendären Alfa Tipo 33/2, einem echten Sportwagen. Für den Serieneinsatz wurde der Hubraum mit einer Kurbelwelle mit höherem Hub und einer größeren Bohrung von zwei auf 2,6 Liter aufgebohrt und die Leistung auf rund 200 PS reduziert, um Fahrbarkeit und Standfestigkeit zu verbessern. Weitere Merkmale sind jeweils zwei obenliegende Nockenwellen, Trockensumpfschmierung und eine mechanisch geregelte Einspritzanlage von „Spica” (Società Pompe Iniezione Cassani & Affini). Nur ein kurzes Orgeln und schrill jauchzend erwacht das Triebwerk zum Leben.

Ergonomie-Bedenken treten in den Hintergrund

Auf der Straße wird schon nach wenigen Kilometern ist klar: Das ist ein Alfa Romeo, wie man sich einen italienischen Sportwagen der 1970er Jahre vorstellt, der alles hat, was die Scudetto-Marke so speziell macht: Holzlenkrad, eng angeordnete Pedale und die leicht angewinkelte Beinhaltung, die der alfatypischen Froschhaltung ihren Namen gab. Völlig egal: Das Flair in diesem Alfa Romeo zu fahren, lassen solche Ergonomie-Bedenken in den Hintergrund treten.

Vorn tobt der kurzhubige Achtzylinder und will gedreht werden, nur dann geht es vorwärts. Aus dem heiseren Grummeln wird ein sonores wohlklingendes Singen. Drehmoment aus niedrigen Drehzahlen ist ihm völlig fremd. Nach 7,6 Sekunden sind 100 km/h erreicht. Bis jenseits der 220 km/h treibt der Motor den 1,3 Tonnen schweren Alfa-Romeo, wenn es sein muss. Dabei wird einem schnell richtig heiß: Der jubelnde Achtzylinder strahlt Wärme ab und unser Modell hat keine Klimaanlage.


Die Lenkung ist nichts für Menschen mit dünnen Armen. Wenn man den Montreal um die Kurve wuchtet, dann geht es nur mit Kraft, kein Alfa bot damals eine Servolenkung. Wie man es im Fahrunterricht gelernt hat, sollte man daher im Stand auch nicht zu stark am Volant reißen, um die Lenkung nicht zu beschädigen. Die Fünfgang-Getriebe von ZF namens S 5-18/3 überzeugt auch heute noch, nach 44 Jahren, mit kurzen und präzisen Wegen. An der starren Hinterachse hilft ein Sperrdifferential bei der Traktion in Kurven.

Als Gran Turismo ein flottes Reisemobil

Trotz der aufwendigen Hinterachskonstruktion stößt das relativ komfortabel abgestimmte Coupé in schnellen Ecken an seine Grenzen und die Karosserie kommt ins Wanken. Denn das Fahrwerk stammt aus dem Alfa-Romeo-Regal und ist bis auf wenige Details identisch mit dem des GTV 2000 (Bertone), dem GTJ oder der Giulia. Eine sportlichere Abstimmung hätte viel gebracht und wurde damals auch von Tunern erfolgreich angeboten. Bei Alfa soll dafür aber schlicht das Entwicklungsgeld gefehlt haben. Letztendich ist der Montreal weniger Sportlimousine als Gran Turismo im eigentlichen Sinne: ein flottes Reisemobil.

Im Interieur klassische Rundinstrumente, der Drehzahlmesser rechts, der Tacho links, in der Mittelkonsole Kippschalter für die elektrischen Fensterheber und Licht. Mit einem Drehhebel klappt man die Blech-Gardinen nach unten und legt die Scheinwerfer frei. Dann sieht der Montreal beinahe ein bisschen gewöhnlich aus. Seinen betörenden Schlafzimmerblick zeigt der Montreal nur bei ausgeschalteten Scheinwerfern.

Der Alfa kam zu seinem Namen, weil er als Studie 1967 anlässlich der Weltausstellung in der kanadischen Ostküsten-Metropole präsentiert wurde. Das Design stammt von dem damals blutjungen Marcello Gandini, der bei Bertone arbeitete und den Lamborghini Miura gezeichnet hatte, eine andere Sportwagen-Legende aus dieser Zeit. Das erklärt auch die Ähnlichkeit zwischen diesen beiden Schönheiten. Damals war Alfa Romeo noch eine Macht und der Preis von 35.000 Mark für diesen gut ausgestatteten GT eine Ansage. So schön der Montreal ist, so anfällig ist auch die Technik. Zwischen 1970 und 1977 wurden nur 3925 Exemplare, manche gehen von 3917 aus, verkauft wurden und es heute nur noch wenige wirklich gut erhaltene Montreals gibt.


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