Unberechtigte Dino-Kritik

Kommentar: Pauschale SUV-Dämonisierung ist verlogen

SUVs sind gefragt und stehen dennoch derzeit schwer unter Beschuss. Bei aller berechtigten Kritik: Etwas mehr Differenzierung täte der Debatte gut.

Lesezeit: 4 Min.
In Pocket speichern
Druckansicht Kommentare lesen 120 Beiträge
7 Bilder

(Bild: Pillau)

Von

Inhaltsverzeichnis

Ich kann es nicht mehr hören: Alle SUVs sind platzraubende, schwere PS-Allradmonster, mit denen schnell und rücksichtslos gefahren werde. Ja, solche gibt es natürlich. Aber sie sind Randerscheinungen, die auch über eine zusätzliche finanzielle Belastung solcher Brocken nicht einzudämmen sind. Oder glaubt jemand ernsthaft, dass die Verkaufszahlen tatsächlich großer SUV signifikant sinken, wenn die Leasingraten um 50 Euro steigen? Angesichts der Summen, die da heute schon bereitwillig bezahlt werden, nötigt das den Fahrern bestenfalls ein Schulterzucken ab. Was allerdings noch mehr nervt als diese Brocken ist die pauschale Kritik am Format SUV an sich.

Die Unterschiede sind gewaltig

Wie so oft verliert auch in dieser Debatte Kritik an Kontur, wenn sie pauschal und undifferenziert ist. Denn SUVs unterscheiden sich gewaltig. Während aber beispielsweise zwischen Ford Fiesta (Test) und Focus in der Zulassungsstatistik des Kraftfahrt-Bundesamts fein differenziert wird, kippt man alle SUVs in nur zwei Kategorien: Geländewagen und SUVs. Das führt zu einigen Kuriositäten. So hat ein Spaßvogel das Nutzfahrzeug für Forstarbeiter Lada Niva dort als SUV gekennzeichnet, der Audi Q3 ist dagegen allen Ernstes als Geländewagen eingetragen.

Viel gravierender als diese humoristische Einteilung ist aber, dass nicht zwischen den Fahrzeuggrößen unterschieden wird. So landen Autos wie ein Seat Arona (4,14 Meter Länge), Hyundai Kona (4,17 m) und Ford Ecosport (4,02 m) als SUVs in einer Klasse mit Rolls Royce Cullinan (5,34 m) und Tesla Model X (5,04 m). Bei den bei der KBA als „Geländewagen“ geführten Modelle reicht die Bandbreite vom spartanischen Kleinstwagen Suzuki Jimny (Test) (3,65 m, 17.915 Euro) bis zu opulenten Luxusgefährten wie Mercedes GLS (5,21 m) und Porsche Cayenne (4,92 m, 76.690 bis 172.604 Euro). Es macht aber naheliegenderweise einen elementaren Unterschied, ob wir von einem Kona oder einem Cullinan reden – sie alle über einen Kamm zu scheren, ist schlicht Unsinn. Die Länge ist dabei natürlich ein Kriterium, Masse, Leistung und vor allem der Verbrauch wären weitere Unterscheidungsmerkmale.

Ein pauschales Verurteilen aller SUVs zeugt also erst einmal davon, dass man sich mit dem Thema nicht sonderlich tief beschäftigt hat. Zumal das, was viele als Bild von einem typischen SUV vor Augen haben, sich kaum mit der Realität der Verkaufszahlen in Einklang bringen lässt. Kein Wunder, liegen die wirklich großkalibrigen Klöpse doch weit oberhalb dessen, was das durchschnittliche Budget hergibt.

Gefragt: Kleine bis mittlere SUV

Gekauft wird auch bei den SUVs vorwiegend eine Größe bis maximal 4,5 Metern Länge, oft übrigens ohne Allradantrieb. Damit dienen sie vielfach als Ersatz für einen Kombi der Kompaktklasse, der, Sie ahnen es sicher, inzwischen oft länger als 4,6 Meter ist. Schwere Riesenableger wie Audi Q8 und Konsorten sind Exoten. Kleine SUVs wie der Opel Crossland X belegen sogar noch etwas weniger Verkehrsfläche als ein VW Golf. Von einem Monster zu sprechen, das innerstädtisch wahnsinnig viel Platz beansprucht, ist bei der großen Mehrzahl aller verkauften SUVs also schlicht falsch.

Kritisiert wird pauschal auch das Raumangebot, wobei mir insbesondere hier nicht klar ist, warum. Ein Seat Ateca ist nur rund acht Zentimeter länger als ein VW Golf, doch der Kofferraum fasst 510 statt 380 Liter. Auch die Bewegungsfreiheit vorn und hinten ist spürbar größer – kein Wunder, sind Sitzfläche und Fußboden vertikal doch weiter voneinander entfernt als im Golf.