Trübungsversuche

Kommentar: Überraschungen in der Abgasaffäre

Ob man sich nur oberflächlich oder tiefgehend mit der Abgasnachbehandlung von Dieselmotoren beschäftigt: Man kommt dieser Tage aus dem Staunen nicht mehr heraus. Was dabei Stück für Stück zutage kommt, lässt einen vermuten, dass der Sumpf viel tiefer ist als ohnehin schon gedacht

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(Bild: Daimler)

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Ob man sich nur oberflächlich oder tiefgehend mit der Abgasnachbehandlung von Dieselmotoren beschäftigt: Man kommt dieser Tage aus dem Staunen eigentlich nicht mehr heraus. Was dabei Stück für Stück zutage kommt, lässt einen vermuten, dass der Sumpf viel tiefer ist als ohnehin schon gedacht. Einigen Spitzenverdienern in der Automobilbranche dürfte ziemlich unwohl sein bei dem Gedanken an die Welle, die sie aus ihren komfortablen Einzelbüros spülen könnte. Zu verantworten haben das zumindest einige von ihnen selbst.

Rede und Antwort

Wir dürfen davon ausgehen, dass bei allen großen Autoherstellern spätestens mit dem öffentlichen Bekanntwerden des Betrugs bei Volkswagen im September 2015 die Chefentwickler von Motor und Abgasnachbehandlung den obersten Konzernlenkern Rede und Antwort stehen mussten.

„Nutzen auch wir die Prüfstandserkennung zur Manipulation?“

„Ja, Chef, tun wir.“

„Das ist schlecht. Wie wahrscheinlich ist es, dass wir auffliegen?“

Die Antwort darauf dürfte bestimmend dafür sein, wie standfest ein Konzernlenker in der Öffentlichkeit behauptet: „Wir nutzen so etwas nicht. Wir betrügen nicht.“ Einige haben sich dabei erstaunlich weit vorgewagt, was die Vermutung zulässt, dass sie sich entweder sicher wähnen, nicht erwischt zu werden oder aber keine Ahnung haben, was in ihren Entwicklungsabteilungen geschieht. Beides ließe sie in einem Licht erscheinen, von dem wohl keiner angestrahlt werden möchte. Natürlich gibt es auch eine dritte Option: Dass sie tatsächlich davon überzeugt sind, alles richtig gemacht zu haben.

Verdunstet

Doch wenn fast drei Jahre nach dem öffentlichen Bekanntwerden des Abgas-Betrugs bei Volkswagen gleich zwei Konzernmarken eingestehen müssen, bis in das Jahr 2018 eine illegale Abschalteinrichtung genutzt haben, ist das eine Frechheit, die nur schwer zu überbieten ist. Sie wird von einer Strafverfolgung begleitet, die einen sprachlos machen kann: Fast drei Jahre nach dem Bekanntwerden wurden am Montag (11. Juni 2018) die Privaträume von Audi-Chef Stadler und einem weiteren Mitglied des Konzernvorstandes durchsucht. Wenn es da juristisch gesehen etwas interessantes gegeben hat, ist das sicher inzwischen „verdunstet“.

Zumal man sich immer wieder eines vor Augen halten muss: Volkswagen wurde bereits vor der Veröffentlichung 2015 gewarnt. Die Environmental Protection Agency (EPA) konnte die Ergebnisse, die auf dem Prüfstand ermittelt wurden, unter keinen Umständen auf der Straße nachvollziehen – so kam man Volkswagen auf die Schliche. Dass es nun die beiden selbsternannten Nobelmarken Audi und Porsche trifft, spielt nur eine Nebenrolle.

Nachgerüstet

Volkswagen ist nicht der einzige Konzern, der aktuell erstaunen kann. Der BMW-Chef beteuerte stets, dass niemals betrogen wurde. Im März 2018 musste BMW einräumen, bei einigen Dieselmodellen eine falsche Software aufgespielt zu haben. Dadurch könne es zu einem erhöhten NOx-Ausstoß kommen. Ein Versehen, wie BMW betont. Nicht mal ein Jahr bevor die aktuellen Generationen von 1er und 3er auslaufen, bekommen beide noch einen SCR-Kat. Ein geradezu erstaunlicher Schritt, den die aufmerksamen Controller sicher gern vermieden hätten. Immerhin hat BMW, die den SCR-Kat ja nur in Verbindung mit einem Speicherkat einsetzen, schon unter Beweis gestellt, dass sich auf diesem Weg recht geringe NOx-Werte auf der Straße vorzeigen lassen. Der aktuelle 520d gehört zu den Autos, die vergleichsweise wenig NOx ausstoßen.