Paris: Autofreier Sonntag geplant

Die Champs-Élysées ohne Hupkonzert, der Platz der Republik ohne Blechkolonnen: Das Pariser Stadtzentrum ist am Sonntag autofreie Zone. Wenige Monate vor der UN-Klimakonferenz soll der Aktionstag ein Zeichen setzen

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(Bild: ADFC/Julia Baier)

Von
  • Martin Franz

Die Champs-Élysées ohne Hupkonzert, der Platz der Republik ohne Blechkolonnen: Das Pariser Stadtzentrum ist am Sonntag autofreie Zone. Wenige Monate vor der UN-Klimakonferenz soll der Aktionstag ein Zeichen setzen. „So können wir zeigen, dass Paris ohne Autos funktionieren kann“, sagte Bürgermeisterin Anne Hidalgo. Eine steile These angesichts der Blechlawinen, die Tag für Tag über die Pariser Boulevards kriechen. Und der mit viel Trara angekündigte Sonntag ohne Autos ist dann auch eine eher überschaubare PR-Aktion geworden. Das Verbot gilt nur von 11 bis 18 Uhr und betrifft vor allem das direkte Zentrum, der Großteil der Stadt ist für den Verkehr frei (wenn auch nur mit Tempo 20). Für Taxis und Umzüge gelten Ausnahmen.

In den nächsten fünf Jahren soll das Radwegenetz in Paris von 700 auf 1400 Kilometer ausgebauut werden. Die Verantwortlichen erhoffen sich davon, dass der Verkehrsanteil der Radfahrer von 5 auf 15 Prozent steigt. (Symbolbild)

(Bild: ADFC/Julia Baier)

Doch hinter der Symbolik steckt ein klarer Kurs: Priorität für Fahrräder und den öffentlichen Nahverkehr. Seit Jahren baut Paris sein Fahrradnetz aus und macht Autofahrern das Leben schwerer – zum Teil gegen heftige Widerstände. Aus Sicht der Stadtspitze gibt es keine andere Möglichkeit, um der Luftverschmutzung in dem Verkehrsmoloch Herr zu werden. Gerade entlang wichtiger Achsen werden Grenzwerte für Feinstaub häufig überschritten.

„Seit ihrem Einzug ins Rathaus hat Madame Hidalgo einen echten Krieg gegen Verschmutzung und Diesel angefangen“, urteilte die Zeitung Le Monde schon im Frühjahr 2015. Die 2014 gewählte Sozialistin will alte Fahrzeuge Stück für Stück aus der Stadt drängen, seit 1. September 2015 sind die Straßen für alte Busse und Lastwagen tabu. In den kommenden Jahren soll das Verbot auch auf alte Autos, vor allem Diesel-Fahrzeuge, ausgedehnt werden. Mit Ausnahme der wichtigen Hauptstraßen soll bald in ganz Paris Tempo 30 gelten.

Zugleich setzt Hidalgo die Politik ihres Vorgängers fort, öffentlichen Raum von den Autofahrern „zurückzuerobern“. Sieben große Plätze will sie umgestalten, darunter die Bastille. O-Ton-Hidalgo: „Ich sage es ganz klar: Die Autos werden einen Rest-Platz haben und nicht den Hauptplatz.“ Weiteres Vorzeigeprojekt ist die Sperrung der rechten Uferstraße an der Seine für Autos. Das gegenüberliegende Ufer ist bereits Fußgängerzone.

Autoverbände sind angesichts dieser Pläne auf den Barrikaden. Die Vereinigung „40 Millionen Autofahrer“ fürchtet längere Fahrtzeiten, mehr Staus, mehr Abgase und mehr Lärmbelästigung für Anwohner der Straßen, auf die Autofahrer dann ausweichen müssen. Ein Kandidat für die bevorstehenden Regionalwahlen hatte schon vor Monaten auf Plakaten an die „verachteten Autofahrer“ appelliert: „Lasst das nicht mehr mit euch machen!“ Gerade viele Menschen aus den Banlieues sind darauf angewiesen, für die Arbeit nach Paris zu pendeln. Doch selbst die konservative Opposition im Stadtrat unterstützt grundsätzlich das Ziel, den Autoverkehr zu begrenzen, auch wenn sie bei konkreten Maßnahmen Bedenken hat. Das scheint Folgen zu haben: Laut Hidalgo haben heute noch 40 Prozent der Pariser ein eigenes Auto – 2001 seien es 60 Prozent gewesen. Der Verkehr auf den Hauptverkehrsachsen ging von 2001 bis 2013 um ein Viertel zurück.

Die großen Gewinner sind die Radfahrer. Seit 1998 ist das Radwegenetz von gerade 120 Kilometern auf mehr als 700 Kilometer gewachsen, dabei zählen allerdings Busspuren und die Freigabe von Einbahnstraßen entgegen der Fahrtrichtung mit. Fahrräder gehören längst zum Straßenbild, dürfen an vielen Ampeln auch bei Rot rechts abbiegen, und jede Sekunde nimmt sich ein Pariser ein Rad an einer der mehr als 1200 Stationen des Verleihsystems Vélib. Das Plus beim Radverkehr spiegelt sich allerdings auch in der Unfallbilanz: Radfahrer sind die einzige Kategorie, in der die Zahl der Verletzten in den vergangenen Jahren nicht stark gesunken ist.

Bis zum Jahr 2020 sollen die Radwege noch einmal verdoppelt werden, der Radverkehrsanteil von heute 5 auf dann 15 Prozent steigen. Dies zeigt aber auch, dass Paris noch einiges aufzuholen hat: In München, Köln, und Berlin liegt der Fahrradanteil schon heute in diesem Bereich – ganz zu schweigen von Fahrradmetropolen wie Kopenhagen. Hidalgo sieht ihren autofreien Tag denn auch als Teil einer „Erziehungsbewegung“, wie sie der Zeitung Le Parisien sagte. Sie hofft, dass die nächste Auflage im kommenden Jahr dann auch einen größeren Teil der Stadt umfasst. Genau das hatte der Polizeipräfekt diesmal noch verhindert.

(dpa) (mfz)