Das Auto der Zukunft ist vernetzt – und Angriffsziel für Hacker und Viren

Plug and Drive

Mehr Drehmoment per Internet, Glatteiswarnung via Datenfunk: Das Auto der Zukunft ist total vernetzt, beliebig konfigurierbar – und bietet ein neues Angriffsziel für Hacker

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Welches Szenario hätten Sie denn gern – das smarte oder lieber jenes zum Fürchten? Die intelligente Variante der Zukunft sollte ungefähr so aussehen: Spätestens bei Ihrem übernächsten Autokauf wird Ihnen Ihr Händler nicht Fußmatten als freie Draufgabe anbieten, sondern ein Softwarepaket, mit dem Sie Ihr Auto je nach aktuellem Benzinpreis in die sportlichere oder verbrauchsgünstigere Richtung trimmen können.

Mehr noch: Vor dem Urlaub docken Sie an der Software-Tankstelle an, laden sich die entsprechenden Navigationsdaten, ein paar Filme für die Kids, die ESP-Regelung für den Anhänger und etwas mehr Drehmoment, weil es in die Südtiroler Berge gehen soll. Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie auf der Fahrt dorthin in einen Unfall verwickelt werden, ist relativ gering: Fahren Sie zu schnell oder zu nah auf, stemmt sich Ihnen dank Sensor-Komplettausstattung das aktive E-Pedal entgegen, droht hinter der nächsten unübersichtlichen Kurve ein Ölfleck, richten sich dank Car-to-car-Kommunikation die Bremsen schon für ein schärferes Manöver zurecht (das im Ernstfall automatisch ausgelöst wird).

Angriff von außen

Die total vernetzte Auto-Zukunft könnte sich aber auch so darstellen: Beim Laden der Drehmoment-Software fangen Sie sich ein Virus ein, das kurz darauf Ihre Motorsteuerung lahm legt. Ihr verärgerter Nachbar loggt sich per Bluetooth in Ihr Navigationssystem ein und hinterlegt bei Ihrem Lebenspartner eine Liste, wann Sie wo welche Restaurants besucht haben (mit wem, müssen Sie dann selbst erklären); der Mechaniker Ihres Vertrauens übermittelt die aus dem zentralen Steuergerät gezogenen Daten für eine kleine Prämie an Ihre Versicherung, die deshalb exakt weiß, wo Sie wie schnell gefahren sind, kurz vor dem Unfall; böse Jungs greifen am Wochenende vom Straßenrand aus in die Car-to-car-Kommunikation ein, nach dem Prinzip: „Stau machen“ statt „Stau schauen“.

Software bestimmt Charakter

Zwei Szenarien, ein Trend: Das Automobil befindet sich im größten technologischen Umbruch seit seiner Erfindung. Nicht mehr die Mechanik entscheidet über die Qualität und den Charakter eines Fahrzeugs, sondern die Intelligenz seiner Software. Das Auto wird zur programmierbaren Plattform. Diese Revolution betrifft nicht nur die Technik, sondern ebenso Strukturen der Autoindustrie, die Entwicklungsprozesse, die Geschäftsmodelle und am Ende der Wertschöpfungskette auch den Kunden: Die Software wird zum zentralen Feature, mit dem sich ein Auto am Markt profiliert, differenziert und mit dem man gutes Geld verdienen kann.

Inflationäre Zunahme an Software und Steuergeräten

Schon heute gilt: Was einen Audi TT von einem VW Golf, einem Seat Altea und Skoda Octavia unterscheidet, ist zu einem guten Teil in der Software hinterlegt. Weder die Verbrauchs- noch die Emissionswerte moderner Motoren wären ohne umfangreiche und komplexe Softwaresteuerung denkbar. Man muss noch gar nicht ESP, Spurhaltesysteme oder Distanzkontrollen bemühen: Selbst Tür auf- und zumachen ist längst ein hochkomplexer und vernetzter Vorgang. Allein in den letzten zehn Jahren hat sich der Speicherbedarf für einen gut ausgestatteten Oberklassewagen von einem auf 80 MByte und mehr vervielfacht, schon werden auch 10 GByte für zukünftige Fahrzeuggenerationen angekündigt. Im selben Zeitraum ist die Anzahl der vernetzten Steuergeräte von fünf auf über 70 gestiegen.

Vernetzung birgt Kommunikations-Chaos

Die gegenwärtige Systemarchitektur ist allerdings längst an ihre Grenzen gestoßen. Das belegen die grausamen Ausfallstatistiken der letzten Jahre ebenso wie der riesige Einsatz, mit dem die besonders betroffenen deutschen Premium-Hersteller derzeit versuchen – mehr oder weniger im Nachhinein –, den Qualitätsstandard wieder auf ein vertretbares Niveau zu heben. Was zwar durchaus gelingt, für die Zukunft trotzdem keine Perspektive bietet, weder aus Sicht der Techniker noch aus jener der Manager, weil ebenso aufwendig wie kostspielig.

Steuergeräte integrieren

Die Schwierigkeiten sind historisch gewachsen. Steuergeräte wurden entwickelt und zusammengefügt wie früher Getriebe, Motor und Antrieb: weit gehend unabhängig voneinander. Manfred Broy, Professor für Informatik an der TU München: „Im klassischen Automobilbau war der Integrationsaufwand – sieht man von ein paar geometrischen Vorgaben ab – relativ gering.