Eine Erklärung von Verhalten auf dem Motorrad

So denkt der Kradist

Analog zum sinkenden Anteil von aktiven Motorradfahrern in der gesamten Fahrerpopulation häufen sich die Fragen besorgter Autofahrer zu deren Verhalten. Zur Verkehrsvölkerverständigung möchte ich hier erklärende Einblicke in die Wahrnehmungswelt der Einspurfraktion geben

Lesezeit: 3 Min.
In Pocket speichern
Druckansicht Kommentare lesen 55 Beiträge
4 Bilder
Von
Inhaltsverzeichnis

Analog zum sinkenden Anteil von aktiven Motorradfahrern in der gesamten Fahrerpopulation häufen sich auf diesem Schreibtisch die Fragen besorgter Autofahrer zu deren Verhalten. Zur Verkehrsvölkerverständigung möchte ich hier erklärende Einblicke in die Wahrnehmungswelt der Einspurfraktion geben. Der wahrscheinlich wichtigste Punkt ist das Zeiterlebnis. Im Auto sitzt man die meiste Zeit wartend, dass der Stadtdarm einen verdaut hat und am Zielort ausscheidet. Das Bewusstsein ist bereits am Ziel oder darüber hinaus: beim Abendessen, beim Bier in der Kneipe danach, bei der Frau. Das Fahren passiert in einer Art Halbschlaf ohne große Bewusstseinsbeteiligung. Wenn durch diesen Tran ein Einspurfahrzeug in die erste Startreihe an der Ampel schießt, schreckt das zunächst aus den Träumen auf. Unerhört!

Auf dem Motorrad fühlt sich das an der selben Ampel so an: Die Autos sind im Prinzip Immobilien. Auf den Straßen zwischen diesen Immobilien ist genügend Platz, in Ruhe nach vorne zur Haltelinie zu fahren. Die Alternative wäre, den Zeitfluss dieser quasi-immobilen Dosen auferzwungen zu bekommen. Das ist wenig erstrebenswert, denn es läuft so ab: Das Licht springt auf grün. Aber es passiert nichts. Irgendwann beginnen in den Dosen die Ausgrabungsarbeiten, um das legendäre Artefakt "Schalthebel" freizulegen. Oft führen die bereits nach wenigen Stunden zum Erfolg. Der erste Gang kann eingelegt werden, das Fahrzeug rollt los. Endlich! Mit nur mit höchster Konzentration überhaupt wahrnehmbaren Geschwindigkeit eines Gletschers setzt sich der Verkehr in Bewegung. Doch schon nach wenigen Monaten stockt die Beschleunigung, fällt die Geschwindigkeit gar! Was ist los? Ach so: Der zweite Gang wird gesucht, während beim Motorrad noch die Kupplung im ersten schleift. Das dauert immer so ein, zwei Jahre, dann gleitet der Gletscherbrocken im Zweiten weiter, aber nur bis zur ersten Kurve. Auf jedem nicht völlig geraden Fahrbahnstück wird prinzipiell angehalten für ein Picknick. Durch die Dosen zu fahren erinnert mich persönlich immer daran, mit einem Jetski zwischen driftenden Eisbergen zu kreuzen.

Weg, Ziel, Kurve

Ich habe mich als Auchautofahrer oft gefragt, warum sich Fahren auf dem Motorrad so anders anfühlt, warum es in einem vollkommen anderen Zeitraster stattfindet. Selbstverständlich ärgere ich mich im Auto über Schnarcher, wie es jeder gute Bürger tun sollte, aber der Verkehr scheint sich in normaler oder zumindest erwarteter Geschwindigkeit zu bewegen.