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Löwenanteil

Test: Benelli Leoncino 500

Fahrberichte
Benelli Leoncino 500

(Bild: iga)

Die Benelli Leoncino 500 ist eine italienisch-chinesische Coproduktion. Das Design stammt aus Italien, gebaut wird das Bike aber in China. Von dort stammen auch viele Komponenten, inklusive des Motors. Sie straft Vorurteile Lügen, denn sie fährt sich überraschend angenehm

Die Benelli Leoncino 500 ist eine italienisch-chinesische Coproduktion. Das Design stammt aus Italien, gebaut wird das Mittelklasse-Bike aber in China, von dort stammt auch der Löwenanteil an Komponenten der Leoncino, inklusive des Motors. Die Leoncino straft so manches Vorurteil Lügen, denn sie fährt sich überraschend angenehm.

Ist die Zeit reif?

Vor 13 Jahren kaufte der chinesische Motoren- und Motorradhersteller QJ das italienische Traditionsunternehmen Benelli auf. In Europa wurde es still um die Marke, doch im Reich der Mitte entstanden etliche Modelle, die aber ausschließlich in Asien verkauft wurden. Dann glaubte die Geschäftsführung in China, dass die Zeit reif wäre, auch den Westen zu erobern und bietet nun gleich einen ganzen Schwung Benellis in Deutschland an. Das optisch sicher interessanteste Motorrad ist die Leoncino, zu deutsch: kleiner Löwe, ein Modellname von Benelli, den es in den 1950er-Jahren schon einmal gab.

Im Stil orientiert sie sich am Retro-Design, übertreibt aber mit der Nostalgie nicht. Ein schwarzer lackierter Stahlrrohrrahmen bildet das Grundgerüst, ein Reihenzweizylindermotor dient als Antrieb, eine gesteppte Sitzbank, ein breiter Lenker und ein Rundscheinwerfer mit schwarzem Gehäuse runden das Bild des Retro-Bikes ab. Hingegen weisen die fette Upside-down-Gabel, das freistehende Heck mit dem an der Schwinge befestigten Kennzeichenträger, die radiale Bremszange und die LEDs in Scheinwerfer, Rücklicht und Blinkern auf die Moderne hin.

Passt!

Schon beim ersten Aufsitzen kommt das Gefühl auf: Das passt! Der Lenker liegt gut zur Hand, weder zu hoch, noch zu nah und die Sitzposition ist aufrecht und entspannt. Der Kniewinkel auf der Leoncino 500 geht selbst für Großgewachsene noch in Ordnung, ist jedoch eigentlich für Fahrer mit kleinerer bis mittlerer Statur ausgelegt, denn die Sitzbank ist nur 770 mm hoch.

Der Zweizylinder bollert ruhig im Leerlauf vor sich hin. Ein dezenter Sound, nicht aufdringlich, eher von der angenehmen Sorte. Beim Ziehen der Kupplung fällt jedoch der erste negative Punkt auf: Der Hebel steht weit vom Lenker ab und ist nicht einstellbar. Nichts für kurze Finger, aber dafür lässt sich der Gang butterweich einlegen.

Früh viel Drehmoment

Der Motor ist auf reichlich Drehmoment im unteren Drehzahlbereich ausgelegt. Schon vom Standgas weg zieht der Twin vorwärts und fühlt sich in der unteren Drehzahlhälfte am wohlsten. Er lässt sich durchaus schaltfaul fahren, spontanes Hochdrehen ist jedoch nicht sein Ding, denn die Schwungmasse der Kurbelwelle ist recht schwer ausgefallen. Ab 7000/min sind deutliche, hochfrequente Vibrationen spürbar, sodass die bei 8500/min anliegende Höchstleistung von 48 PS eher selten abgerufen wird. Muss man auch nicht, das maximale Drehmoment von 46 Nm liegt bereits bei 6000 Touren an.


Der Fahrer gleitet auf einer kräftigen Drehmomentwoge dahin und erfreut sich an der beherrschbaren Leistung. Das kommt den Motorradeinsteigern in der A2-Klasse entgegen, denn die Leoncino überfordert ihren Reiter nie. Selbst im sechsten Gang kann durch die City gerollt werden, ohne dass der Motor Schluckauf bekommt. Das Getriebe arbeitet unauffällig, selbst schnelle Gangwechsel bringen die Leoncino nicht in Verlegenheit.

Fette Gabel

Jenseits der Stadtgrenze legt sich der in China gefertigte Motor zwar ordentlich ins Zeug und lässt durchaus auch einen flotteren Fahrstil zu, jedoch zeigt das Fahrwerk der Leoncino, dass sie eher ein Sportmuffel ist. Die fette, nur in der Zugstufe einstellbare Upside-down-Gabel mit 50 mm Durchmesser täuscht ihre Sportlichkeit nur vor, Schläge in Schräglage mag sie überhaupt nicht, da reagiert sie bockig. Das direkt angelenkte Federbein lässt sich zusätzlich noch in der Vorspannung variieren. Mit 125 mm vorne und 128 mm hinten weist die Leoncino durchschnittliche Federwege auf und bewährt sich sogar im Soziusbetrieb als bequemes Transportmittel. Allerdings ist die Sitzbank zwar breit und gut geformt, jedoch zu weich gepolstert und sitzt sich deshalb auf längeren Fahrten durch.

Die Stärke der Benelli liegt in ihrer Handlichkeit. Unterstützt durch den breiten Lenker und der nicht zu breiten Bereifung – hinten rollte sie auf einem 160er-Pneu – wedelt die Leoncino ohne Kraftaufwand durch die Kurven. Benelli verzichtet wohlweislich darauf, billige Reifen aus China aufzuziehen, sondern greift zu den etwas teureren, aber sehr zuverlässigen Pirelli Angel ST. Zwar fährt die Leoncino nicht übertrieben agil, aber vermittelt selbst Anfängern ein Gefühl der Problemlosigkeit und bleibt auch bei Topspeed von 160 km/h stabil. Kaum zu glauben, dass die 500er vollgetankt 207 kg auf die Waage bringt, gefühlt sind es während der Fahrt deutlich weniger. Erst beim Rangieren im Stand machen sich die knapp über vier Zentner bemerkbar.

Bremsen aus China

Im Kapitel Bremsen schneidet das China-Bike mit italienischen Wurzeln gut ab. Die von Benelli selbst gefertigte Bremszange an der einsamen 320-mm-Bremsscheibe des Vorderrads packt ohne größeren Kraftaufwand zuverlässig, aber nicht übertrieben bissig zu, die hinter Bremse unterstützt unauffällig. Ihr ABS stammt von Bosch und arbeitet feinfühlig, allerdings stieß sie auf sandigem Untergrund einmal kurz an ihre Grenze.

Für das schicke Naked Bike verlangt Benelli 5990 Euro. Der Verbrauch pendelt sich bei knapp über vier Liter Benzin ein und ermöglicht ihr so eine Reichweite von über 300 Kilometer. Die Leoncino erfreut mit netten Details wie einem gut zugänglichen Drehgriff zum Einstellen der Federbein-Vorspannung, einer Warnblinkanlage, die per Schalter am Lenker bedient wird, Klarglasblinkern mit je drei LEDs, gute Sicht in den Rückspiegeln, dem eingelassenen Aluminium-Tankdeckel mit Leoncino-Schriftzug und der kleinen Löwenfigur auf dem vorderen Kotflügel.

Auch wenn die Verarbeitungsqualität der Benelli verblüffend gut ist, kann sie nicht völlig überzeugen. Manche Schweißnaht wirkt ein wenig grobmotorisch und als besonders ärgerlich erweist sich die Klarglas-Abdeckung des digitalen Cockpits, die bei Tageslicht schlecht ablesbar ist und bei ungünstiger Sonneneinstrahlung sogar blendet.


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