Die Ablösung

Unterwegs in Indiens neuem Taxi

Der Hindustan Ambassador war bis 2014 beliebteste Taxi-Modell Indiens. Statt eines Fronttrieblers mit Einzelradaufhängung und Elektronik löste ihn sukzessive ein konstruktiv noch älteres Fahrzeug ab. In diesem Beförderungsnotstandsgebiet überrascht das allerdings wenig.

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Während der Hindustan Ambassador eine Kopie des Morris Oxford Serie III von war, ist sein Nachfolger der indische Lizenzbau des legendären Jeep Willys CJ-3B, der original von 1953 bis 1968 in Produktion war, sich aber noch kaum vom ersten Willys Jeep von 1941 unterschied.

Der Ambassador war bis vor Kurzem genauso präsent auf Indiens Straßen wie das sagenhafte Taj Mahal auf unzähligen Postkarten vom Subkontinent. Die ebenso barocke wie eigentümliche Limousine auf Basis des 1957 eingestellten britischen Morris Oxford, war als Taxi und als Politiker-Limousine beliebt und prägte über Jahrzehnte die automobile Landschaft Indiens. Der gern liebevoll als „Amby“ bezeichnete Wagen des Herstellers Hindustan Motors war in Indien von 1958 bis 2014 als Lizenzbau des Morris Oxford III in Produktion.

Hingabe, die an Liebe grenzt

Vor allem die Taxler pflegten das in Indien meist etwas höhergelegte Gefährt mit einer Hingabe, die an Liebe grenzt. An jeder Straßenecke wurde mindestens ein Ambassador gewienert und für die nächste Fahrt hergerichtet. Nur mit dem Gepäck war das so eine Sache. Viele nutzten den Kofferraum als Gastank, weil dieser Treibstoff billiger ist als das Benzin. Der Ambassador war unverwüstlich und falls doch etwas kaputtging, konnte man die einfache Technik selbst reparieren.

Vor sechs Jahren wurde nach über 50 Jahren die Produktion des Ambassador eingestellt. Zu sehr erinnerte offenbar die Limousine an die Zeiten, zu denen Indien wirtschaftlich dahinsiechte und – Unabhängigkeit oder nicht – unter der Fuchtel der ehemaligen Kolonialherren aus Großbritannien stand. Mittlerweile ist der Ambassador fast gänzlich von Indiens Straßen verschwunden.

Letzter Nachfahre des legendären Willys

Das neue Rückgrat des indischen Personentransports, der Herrscher der Schotterpisten und Asphaltbänder kommt zumeist in einer mattgrauen Lackierung daher und hat einen nicht weniger Assoziationen weckenden Namen: Es handelt sich um den Mahindra Jeep – den letzten Nachfahren des legendären Jeep Willys CJ-3B.

Wo immer man sich im riesigen Land befindet, beherrschen die grauen Gesellen das Straßenbild. Bis zu sieben Personen passen in das Gefährt – nominell. Denn diese Zahl wird, wie so vieles in Indien, lediglich als Angebot betrachtet. Die Geländewagen sind so vollgestopft mit Menschen, dass sie förmlich aus allen Nähten platzen. Nicht selten hängt einer mit dem Bein über der hinteren Ladekante oder sitzt oben auf dem Dach.

Theoretisch weniger anfällig

Der Jeep, unter dessen Haube ein unkaputtbarer Dieselmotor in Peugeot-Lizenz hämmert, erfüllt alle Anforderungen, die ein Personenbeförderungsmittel in Indien haben muss. Schließlich sind die Straßen nicht überall ebene Teppiche, sondern sehr häufig mit Schlaglöchern und Rissen übersät und oft gar nicht asphaltiert. Die Grundkonstruktion ist noch robuster als die des Amby, und wenn etwas seinen Geist aufgibt, dann kann man das schnell in Eigenregie ersetzen. Ersatzteile gibt es genug. Die Technik mit den beiden Strarrachsen und einer Aufhängung einzig aus je zwei Blattfedern ist deutlich rustikaler und einfacher als die des Hindustan und damit weniger anfällig. Theoretisch. Denn da der Jeep aber auch mehr Volumen fasst und eine höhere Zuladung ermöglicht, fährt er sehr häufig überladen.

Kilometerpreis zwölf Rupien

„Das Auto ist ziemlich robust“, erklärt Randhir, der in Dausa rund 55 Kilometer östlich von Jaipur (Bundesstaat Rajasthan) mit dem Transport von Menschen seinen Lebensunterhalt verdient. Rund 50 Kilometer pro Tag reißt er an einem Tag herunter. „Manchmal sind es auch mehr“, lächelt er. Der Kilometerpreis? „Zwölf Rupien“. Das sind rund 15 Cent – dafür würde ein deutscher Taxifahrer nicht einmal die Fensterscheibe herunterkurbeln. Randhir ist dennoch glücklich mit seinem Dasein als Taxifahrer. Gäste gibt es genug und wenn mal Flaute herrscht, trifft er sich mit seinen Kollegen und trinkt gemütlich ein paar Tassen Masala Chai Latte.

(Wolfgang Gomoll; press-inform) / (fpi)