Zukunft in der Gegenwart

Unterwegs mit Wasserstoff - Alltagstest Toyota Mirai

Der brennstoffzellenelektrische Toyota Mirai setzt ein großes Fragezeichen an die Batterie als einzig möglichem Zukunftsantrieb. Er lässt sich so simpel und flexibel nutzen wie ein gewöhnlicher Pkw mit Verbrennungsmotor. Ein Argument, das für viele Nutzer entscheidend sein könnte

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  • Christoph M. Schwarzer
Inhaltsverzeichnis

Endlich ein autobahntaugliches Elektroauto. Ich stelle den adaptiven Tempomat des Toyota Mirai auf 178 km/h (mehr geht nicht) und nehme die A1 von Hamburg nach Düsseldorf. Die Strecke ist stark befahren. Top Speed? Unmöglich. Stattdessen lasse ich die Vorausfahrenden die Geschwindigkeit bestimmen. Mal geht es mit 160 km/h voran, mal mit 130, und drei Staus zwingen mich zum totalen Stillstand. Es herrscht der ganz normale Wahnsinn. Im Toyota Mirai dagegen ist Ruhe.

Der japanische Konzern hat den Mirai aus den Vollen geschnitzt. Die Geräuschdämmung ist aufwendig. Die Abstimmung des Fahrwerks ist komfortabel. Die Verarbeitungsqualität ist hoch. Alles am Mirai, dessen Name übersetzt Zukunft bedeutet, ist auf Entspannung ausgelegt. Reisen statt Rasen, Gleiten statt Heizen. Da stört es nicht, dass die Spitzenleistung vergleichsweise bescheidene 114 kW (155 PS) beträgt. Das reicht mir. Immer. Was Toyota mit dem Fahrzeug zeigen will, ist: Wir nehmen diese faszinierende Technik ernst und können uns die Massenproduktion vorstellen.

Der Mirai ist eine Repräsentationslimousine im doppelten Sinn. Zum einen für die Besitzer (Grundpreis und zugleich voll ausgestatteter Endpreis: 78.600 Euro), zum anderen für den Hersteller. Es ist eine der Überraschungen in diesem Test, dass viele Passanten das Auto erkennen und ihr Wohlgefallen ausdrücken. Ein freundliches Nicken mit dem Finger auf den Fuel Cell-Schriftzug. Verdrehte Köpfe. Ausdauerndes Gucken. Gezückte Smartphones. Offenbar funktioniert das Design, obwohl es vorwiegend dem japanischen Geschmack entsprechen soll: Spacig, sagen einige, Manga-Style, kommentieren andere. Das Echo auf der Straße ist weitaus positiver als das in den Internetforen.

Produktion kontrolliert hochfahren

Die Motivation für Toyota, 3000 Exemplare pro Jahr zu bauen, ist unter anderem die Prozessoptimierung. Die Japaner sind bekannt dafür, Produktionsabläufe Stück für Stück zu verbessern. Sie fangen langsam und sehr planerisch an um zu lernen. Das Ziel ist die maximale Kontrolle über ein zukünftiges Massenprodukt, das fehlerfrei und verlässlich funktionieren soll. Das tat der Mirai auf jedem der über 1300 Test-Kilometer schon jetzt. Leise, geschmeidig und angenehm. Sportlich und dynamisch? Eher nicht.

Kern des Antriebs ist die Brennstoffzelle. In ihr reagieren der Wasserstoff (chemisches Kürzel: H) aus dem fünf Kilogramm fassenden Tank und Luftsauerstoff. Das Ergebnis ist Strom zum Fahren. Als Abfallprodukt entstehen etwas Wärme und reines Wasser.

Der Clou am System ist das Gefühl, ein Elektroauto ohne Einschränkungen zu fahren. Ich prüfe die Reichweite nicht (es waren gut 400 Kilometer) – das mache ich bei einem Auto mit Verbrennungsmotor schließlich auch nicht. Ich will nur wissen, ob auf der Route eine H-Tankstelle liegt. Die Zeit fürs Auffüllen stoppe ich nicht, denn sie ist ungefähr so kurz wie die bei Superbenzin oder Dieselkraftstoff.

Fahren ohne Einschränkung statt somehow always wired

Somehow you are always wired – irgendwie hängst Du immer am Kabel, hat ein Ingenieur über Batterie-elektrische Autos zu mir gesagt. Ich gebe ihm ein bisschen Recht. Denn tatsächlich grübele ich bei einer Tour mit BMW i3, Nissan Leaf oder VW e-Golf oft übers Laden nach. Wo und wie lade ich vorm Start voll? Ist die entscheidende DC-Säule auf der geplanten Route gerade frei? Wie viele Kilowattstunden muss ich nachladen, um sicher zum Ziel zu kommen? Sollte ich die Geschwindigkeit reduzieren, damit die Batterie nicht zu heiß wird? Habe ich den richtigen Identifikationschip, um den Strom freizuschalten? Und so weiter, und so fort. Im Brennstoffzellen-Fahrzeug Toyota Mirai habe ich diese Gedanken nicht. Stattdessen fahre ich einfach.