Voll im SUV: Woher unsere Offroad-Fantasien kommen

Jetzt ist es passiert: Selbst Land Rover hat sämtliche Vorwände fallengelassen, mit denen sie den neuen Range Rover Offroad-Kunden anbieten könnten. Sorgen um den Verkaufserfolg der Luxuslandyacht muss man sich trotzdem nicht machen

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  • Clemens Gleich

Der Mann mit Gummistiefeln wundert sich: Wieso steht dieser alte Geländetouristenwagen diesem gigantomanischen Kombi gegenüber?

(Bild: Land Rover)

Jetzt ist es passiert: Selbst Land Rover hat sämtliche Vorwände fallengelassen, mit denen sie den neuen Range Rover Offroad-Kunden anbieten könnten. Auf www.landrover.com/de/de/rr stehen sich ein alter und ein aktueller Range Rover gegenüber. Links steht eine Kiste, die selbst bei kleineren Rädern mit mehr Gummi drauf mehr Bodenfreiheit und bessere Böschungswinkel bietet gegenüber dem neuen Fahrzeug rechts. Das Vergleichsbild erstaunt jeden echten Geländerer. Die wollen doch was verkaufen, oder? Wenn ich Angela Merkel verkaufen will, stelle ich sie doch nicht direkt Danica Patrick gegenüber. Das kann doch nur bei Leuten funktionieren, die nicht wissen, wo bei beiden vorne und hinten ist. Der neue Range Rover ist folglich das, was deutsche Ingenieure einen "Suff" nennen. "Suff" schreibt sich "SUV" -- ein englisches Akronym für "Sports Utility Vehicle". Ins Deutsche übersetzt bedeutet das: "Riesenkombi für vollkommen Ahnungslose", kurz "RifvA". Ja, der neue Rangie hat Luftfederung und kann seinen Wanst noch ein bisschen heben, wenn er muss. Ja, es gibt bestimmt gescheite Geländeräder dafür. Aber wie lange noch? Denn der Range Rover ist dieser Tage ganz sicher nicht die beste Luxuslandyacht für losen Boden, die England bauen kann. Da wären sie ja schön doof. Sie würden in der Entwicklung mehr Geld ausgeben für weniger Kundschaft.

Kritik des reinen Marketing

Beim Training stellen Audis Kunden fest, dass sie gut gewählt haben beim Plastikbuchstaben Q auf dem Heck. Ohne den sind die Radmuttern nicht wasserdicht.

(Bild: Audi)

Denn die Kundschaft kauft kein Können, sondern einen Traum, ein vages Gefühl. Ein RifvA-Monsterallradkombi ist objektiv ein überaus schlechtes Fahrzeug, das vollkommen vorteilsfrei aus puren Modegründen alle Nachteile von Geländefahrzeugen mit allen Nachteilen von Straßenfahrzeugen vereint: Es fährt mies auf der Straße, es ist ineffizient mit Platz und Treibstoff, und im Gelände bleibt es früher stecken als ein VW Up, weil es mehr wiegt als ein Jupitermond. Wer sowas kauft, muss ein Mindestmaß an fahrerischer Ignoranz mitbringen. Für die meisten RifvAs gibt es gar keine Geländeräder, nicht mal im Zubehör. Stattdessen gibt es teure Placebos für die Straßenfelgen mit der grotesken Aufschrift "Geländereifen". Es ist nur konsequent, wenn Fahrzeuge wie der wunderschön gestaltete Evoque mit Frontantrieb verkauft werden. Der Abenteuerruf des RifvA-Segments kommt eben nicht aus Potenzial, sondern aus reinem Marketing.

Das allerdings hat beeindruckende Dimensionen der Realitätsverzerrung erreicht, die an Selbsthypnose grenzen. Stolz fährt der Q3-Besitzer durch eine Pfütze mit drei Blättern drin: Das hätte er ohne Allradantrieb und ein verchromtes Plastik-Q auf dem Heck nicht geschafft! Diese Nörgler immer, die haben doch keine Ahnung! Das war echt hartes Offroaden, das! "Offroaden" bedeutet für den RifvA-Kunden nicht nur alles mit Wasser oder Blättern, sondern auch alles ohne Asphalt, obwohl wir in Europa eine große Menge an Roads haben, die ohne auskommen. Oben in Lappland zum Beispiel sind die Pisten sommers geschottert und winters schön gewalzt. Die Leute dort fahren gut abgehangene Volvo 240. Modifikationen: eine Handwinch im Handschuhfach und winters ein Satz Spike-Reifen. Oder das strukturschwache Sizilien: Alle kleinen Nebenstraßen sind Geröllpisten. Dort fährt man Fiat Panda, am besten einen alten, denn der ist leichter, hat mehr Bodenfreiheit und kann mit einem Hammer repariert werden. Trotz dieser Alltagsrealität nahm ich kürzlich wieder mit Erstaunen zur Kenntnis, dass der Frontantrieb-Evoque ein beeindruckender Schwergeländewagen ist, weil der das behauptende Schreiber damit eine Schaufel voll Schneematsch überqueren konnte, was offenbar (ich wusste das auch nicht) ungefähr so schwer ist, wie mit einem glatzreifigen Panda den Mount Everest hochzufahren. Seine Begründung war das "Terrain-Response"-System, das im FWD folgendermaßen funktioniert: Man drückt einen konsequenzfreien Plastikknopf und fühlt sich dann besser. Es ist hoffnungslos.

Journalisten im Suff

Das Benz-Kindergartentaxi verzieht das chromverspanglerte Gesicht: "Igitt! Ich hab mir grad erst die Fußnägel neu lackiert!"

(Bild: Daimler)

Man sollte doch meinen, wir Fahrzeugschreiber wüssten es besser. Ich habe eher das Gefühl, wir wissen es schlechter. Vielleicht liegt es an der Ignoranzindoktrination der typischen Fahrzeugpräsentation: Erscheint zahlreich zu einem tollen neuen Suff, ihr Journalisten! Das lassen wir uns nicht zweimal sagen. Vor Ort ist immer ein Werks-Könner. Ich habe von der RR-Präsentation ein wunderbares Bild gesehen: Schreckgeweitete Journo-Augen betrachten vom Beifahrersitz aus, wie der Werks-Offroad-Könner die zwei bis drei Tonnen schwere Gravitationslinse über Dünen wuchtet, als wäre sie ein leerer Karton. Boah. An anderer Stelle leitet der Könner seine Journos an wie eine Horde fußlahmer Esel, bis sie selber schwere Passagen meistern und dann denken, sie hätten das auch allein geschafft. Denn tief im Innern glauben wir doch alle, dass wir nur unwesentlich schlechter Auto fahren als Walter Röhrl, selbst wenn wir in Wirklichkeit wesentlich schlechter fahren als Röhrls Katze, und deren Fertigkeit erschöpft sich darin, auf den "Terrain-Response"-Knöpfen herumzuspringen. Der Könner könnte einen Ferrari 458 über diese Düne wuchten. Wir Journalisten können meistens nicht mal unsern eigenen fetten Wanst zu Fuß drüberwuchten.

Die kommende Generation von Offroad-Fantasien (hier: Lambo) kann im sechsten Gang senkrechte Klippen hochfahren. Steht dann in Fahrberichten. Und was da steht, stimmt.

(Bild: Lamborghihi)

Deshalb mache ich mir keinerlei Sorgen um die Verkaufserfolge der kommenden RifvAs von Lamborghini oder Bentley. Ein Könner wird uns fotogen kutschieren. Dann dürfen wir einen Kinderparcours fahren, auf dem uns jeder sizilianische Bauer mehrfach überrunden würde. Zum Glück lädt den Bauern jedoch keiner zum Suff ein, deshalb strömen wir bald darauf schulterklopfend an die Bar, um mental bereits die Geschichten zu schreiben, die immer gleich sind und etwa so gehen: "Der neue Lambobentley wird wohl hauptsächlich auf der Straße gefahren, aber ich bin gerade damit freihändig kaffeetrinkend eine senkrechte Klippe im sechsten Gang hochgefahren, weil die Maschine so unpackbar geländegängig ist. Hier ein Foto von mir auf dem Beifahrersitz mit schreckgeweiteten Augen." Werbeanzeigen können sich die Hersteller damit sparen. Denn die meiste irreführende Werbung machen ja nun wirklich nicht sie. Sondern wir.