WLTP statt NEFZ: Das Aus für die Schwungmassenklasse

Schwung rausgenommen

Die Hersteller haben die Schwächen des NEFZ immer intelligenter ausgenutzt. Mit der Einführung des WLTP aber wird mindestens ein Einfallstor für die ganz legale Irreführung geschlossen – die Schwungmassenklasse wird abgeschafft

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Hamburg, 10. März 2016 – Beim nächsten Mal wird alles besser. Versprochen. Das neue Messverfahren Worldwide Harmonized Light-Duty Vehicles Test Procedure, abgekürzt WLTP, soll zu realistischeren Normverbrauchswerten führen. Wie nötig das ist, hat eine Massenuntersuchung des ICCT gezeigt, nach der die Abweichung zwischen Prospektideal und Straßenwirklichkeit beim gültigen NEFZ mit jedem Zulassungsjahr anwächst. Von acht Prozent bei Autos mit einem Erstzulassungsdatum von 2001 auf 38 Prozent in 2014. Übersetzt: Die Hersteller haben die Schwächen des NEFZ immer klüger ausgenutzt. Mit der Einführung des WLTP aber wird mindestens ein Einfallstor für die ganz legale Irreführung geschlossen – die Schwungmassenklasse wird abgeschafft.

Wie überfällig das Aus der Schwungmassenklasse ist, zeigt der Blick ins Detail. Im aktuellen Neuen Europäischen Fahrzyklus (NEFZ) wird unter festgelegten und damit reproduzierbaren Laborbedingungen ein bestimmtes Geschwindigkeitsprofil abgefahren. Es ist mit 1180 Sekunden knapp 20 Minuten lang und führt über elf imaginäre Kilometer. Die physikalischen Widerstände des Autos werden durch den Rollenprüfstand simuliert. Und für dessen korrekte Einstellung ist die so genannte Bezugsmasse ein wesentlicher Faktor.

Verrenkungen der Hersteller

Die Bezugsmasse ergibt sich zurzeit aus dem Leergewicht des Fahrzeugs plus einer generellen Addition von 25 Kilogramm (kg). Das Leergewicht wiederum ist inklusive einem 75 Kilogramm schweren Fahrer, betriebsbereitem Auto, 90 Prozent Tankfüllung, aber ohne jede Zusatzausstattung festgelegt.

Diese Definition des Leergewichts erklärt etliche Verrenkungen der Autohersteller. So hat ein Volkswagen Golf in der Grundausstattung nur zwei Türen, und die Klimaanlage kann abbestellt werden, beim VW Polo war es auch einmal sehr interessant – es gab ihn in einer Version mit 87g/km und in einer mit 89. Diverse Mercedes-Modelle haben einen mickrigen Kraftstofftank, der gegen Mehrpreis einem klassenüblichen Format weicht. Und der selige Audi A2 3L war in zwei Versionen zu haben – die mit dem kleineren CO2-Ausstoß war nicht mit geteilt umlegbarer Rückbank bestellbar, was ein paar Gramm Ballast gespart hat. Entscheidend ist, der Vorgabe des NEFZ folgend, die nackte Basis eines Autotyps.