Es CRISPRt in Russland

Russland möchte für seine Landwirtschaft 30 gentechnisch veränderte – optimierte – Organismen erzeugen und weicht dafür sein Gentechnikgesetz auf.

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  • Jo Schilling
  • Jo Schilling

Mit der Ankunft der Genschere CRISPR im Laboralltag beginnen zunehmend Grenzen zu verschwimmen, wie sich in Russland derzeit zeigt. Nature News berichtet, dass Russland ein ehrgeiziges CRISPR-Programm für seine Landwirtschaft aufgelegt hat – obwohl dort eigentlich seit 2016 der Anbau gentechnisch veränderter Organismen (GVO) – außer für die Forschung – verboten ist.

Bis 2027 sollen russische Wissenschaftler 30 gentechnisch veränderte Nutzpflanzen erzeugen. Dafür stehen ihnen 1,7 Milliarden Dollar zur Verfügung. Ganz oben auf der Wunschliste für eine optimierte russische Landwirtschaft stehen Gerste, Zuckerrüben, Weizen und Kartoffeln. Russland ist laut Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen der weltweit größte Produzent von Gerste und ein weltweit bedeutender Produzent der anderen drei Feldfrüchte.

Spannend ist, dass Russland CRISPR nicht als Werkzeug für gentechnische Veränderungen deklariert, sondern mit konventionellen Zuchtmethoden gleichsetzt, solange keine artfremden Gene eingebaut werden. Das Ausschneiden von Genen und gezielte Mutationen sind erlaubt. Damit ordnet Russland die Möglichkeiten, die die Genschere bietet, ähnlich ein wie die USA. Auch dort werden Pflanzen, die zwar manipuliert, aber nicht mit fremdem Erbgut ausgestattet werden, nicht durch die Gentechnikrichtlinien reglementiert. In den USA sollen erste Müsliriegel und Speiseöle im Handel sein, die aus CRISPR optimierten Soja-Bohnen hergestellt werden.

Damit ist die EU mit ihrer vorsichtigen CRISPR-Linie deutlich strenger als Russland und die USA. Der Europäische Gerichtshof hat im Juli 2018 jede Veränderung der Gene durch CRISPR, auch wenn keine transgenen Organismen erzeugt werden, in die aktuellen Gentechnikrichtlinien einbezogen. Der Grund: der vorbeugende Schutz der Gesundheit der Menschen, die diese gentechnisch veränderten Pflanzen dann essen. Wissenschaftler halten dagegen, dass mit der Genschere lediglich Prozesse beschleunigt werden, die auf dem Wege der Zucht auch erreicht werden können. Nur eben viel ungezielter und damit deutlich langsamer und teurer.

Wenn mit Russland nun der zweite der vier größten Getreideproduzenten (davor stehen noch China, die USA und Indien) der Welt geregelt auf CRISPR optimierte Pflanzen setzt, hilft den Konsumenten in Europa tatsächlich ein strenges EU-Reglement? Denn selbst wenn die Einfuhr gentechnisch veränderter Pflanzen verboten ist – nachweisen lassen sie sich spätestens in verarbeiteten Lebensmitteln nicht mehr.

Es gibt gute Gründe, die Entwicklung von Pflanzen voranzutreiben. Unser Getreide von heute hat schließlich auch nichts mehr mit den Süßgräsern unserer Vorfahren vor 7000 Jahren zu tun. Ist es da wirklich verwerflich, die Zucht zu beschleunigen? Im letzten Sommer sind im ländlichen Norddeutschland die Grundwasserspiegel abgesackt, weil Landwirte die heißen, dürren Felder rund um die Uhr bewässern mussten. Ist das besser, als Pflanzen aus dem Labor, die mit Trockenheit zurechtkommen?

Meine Meinung dazu? Ich schwelge heute im Luxus und gönne mir gleich zwei Meinungen: Ein bisschen CRISPR und dafür weniger Glyphosat & Co., weniger Wasser, das in riesigen Fontänen über die Felder schießt, finde ich erstrebenswert. Nicht zu wissen, was für Effekte im Labor veränderte Pflanzen auf die Natur haben werden – in 5, 10 oder 20 Jahren – lässt mich mit dem strengen Richterspruch des Europäischen Gerichtshofes gehen.

(jsc)