Die einsame Originalidee

Das Kopieren ist eine jahrtausendealte, erfolgreiche Zivilisationsstrategie. In der digitalen Welt aber gibt es nur noch Originale. Das kann gefährlich werden.

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Von
  • Peter Glaser

Der Begriff "Verbraucher" hat sich in den digitalen Medien überlebt. Es gibt in der virtuellen Welt nichts mehr zu verbrauchen, keinen Verschleiß mehr. Software nutzt sich nicht ab. Das einzige, was online noch verbraucht werden kann, ist Zeit (und die damit gekoppelte Aufmerksamkeit).

Dazu kommt, dass digitale Produkte nicht mehr wie materielle Dinge durch Vervielfältigung an Qualität verlieren. Bei analogem Audio- oder Videomaterial oder Fotokopien ging mit jeder Kopie eine Qualitätsminderung einher ("Mutter-Tochter-Verlust"). Eine digitale Vervielfältigung dagegen ist stets eine weitere, identische Version des Originals.

Da hat Walter Benjamin 1935 in seinem berühmten Essay über "Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit" vom Schwinden der Aura des künstlerischen Originals geschrieben – und plötzlich gibt es nur noch Originale. In der digitalen Welt existiert die herkömmliche Unterscheidung zwischen Original und Kopie nicht mehr. Entweder eine Vervielfältigung ist mit dem Original identisch oder sie ist fehlerhaft und unbrauchbar. Einzig auf einem Zeitstrahl lassen sich die verschiedenen Originalversionen noch auseinanderhalten. Es gibt frühere und spätere Originale.

Das Kopieren ist eine äußerst erfolgreiche Zivilisationsstrategie. Mit dem Imitieren, wie das Kopieren in körperlicher Form heißt, hat die Kulturgeschichte begonnen. Wie man den Honig aus einem Bienenstock bekommt, haben Menschen wohl den Bären abgeschaut. Das Prinzip ist das selbe geblieben. Bei uns wird das – offene – Kopieren aber aus Schamhaftigkeit abgelehnt. Es gibt eine speziell europäische Angst, unoriginell zu sein. Diese eitle Individualität vergeudet viel Kraft für Spiegelgefechte, die verbergen sollen, wohin die Wurzeln ihrer Ideen und Gedanken verlaufen, die am liebsten aus dem Nichts erschienen sein sollen.

Mit dieser Haltung versaut diese Form des Individualismus die Ressourcen des Planeten. Sie will immer nur das Echte sehen, antatschen, haben. Warum nicht sich öffnen und sagen: Ich bin eine Collage, ein Mix, ein Sample. Ich bin verbunden mit dem Ideengewebe der Welt. Ich sonne mich im fahlweißen Schein des Leuchtbalkens, der unter der Glasplatte des Scanners entlangstreicht. Ich bin der Geist der Philokopie.

Wer plündert unseren Planeten? Es sind die Gegner der Kopie. Die, die wegen einer Original-Anmutung alles überrennen und totfotografieren. Weil alle alles selber sehen wollen und jeder überall hinwill, sieht keiner mehr irgend etwas außer Touristen.

Das Internet ist der bisher umfassendste Beweis dafür, dass Originalität nicht bedeutet, dass eine Idee einsam und strahlend für sich steht, sondern dass die Dinge miteinander verbunden sind – nicht nur in der Fläche, sondern auch in der Zeit. Und sie gewinnen durch die offene Vernetzung, wie ein gut durchblutetes Organ. Die Entwicklung der Welt beruht auf dem Kopierprinzip. Auf dem kleinen Unterschied zwischen Original und Kopie. Die Evolution basiert auf kleinen Veränderungen der jeweils nachfolgenden Generation. Ohne Kopierfehler geriete der ganze Artenreichtum in eine Sackgasse. Und wenn die Entwicklung abhängig ist von den kleinen Unterschieden beim Kopieren, dann führt die digitale Kopie in ihrer Perfektion vielleicht zu einem gefährlichen Stillstand. (bsc)