Kambrische Explosion der Fietsenformen

Ihnen fehlen frische Ideen? Besuchen Sie doch ein Fahrradmuseum!

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Von
  • Gregor Honsel

Ihnen fehlen frische Ideen? Besuchen Sie doch ein Fahrradmuseum!

Ein Fahrrad ist eigentlich ein recht übersichtliches Stück Technik: Vorne ein Rad, hinten ein Rad, fertig. Selbst wenn man muskelbetriebene Drei- und Vierräder hinzunimmt, bleibt die Zahl der möglichen Bauarten überschaubar – so dachte ich, bis ich das „Nationaal Fietsmuseum Velorama“ im niederländischen Nijmegen besucht habe. Es ist nach eigener Auskunft das größte Fahrradmuseum der Welt, und ich glaube es gerne. Auf drei Etagen führt es dem Besucher vor Augen, wie phantasielos die heutigen Fahrraddesigns sind. Gerade in der zweiten Hälfte 19. Jahrhunderts gab es eine wahre kambrische Explosion an unterschiedlichen Fahrradformen: Frontantrieb mit Übersetzungsgetriebe; Lastenräder mit Fußhebelantrieb; Dreiräder mit Handhebeln; umgelenkte Seilzüge statt Ketten. Ganz zu schweigen von den vielen verschiedenen Steuer- und Bremstechniken. Besonders beeindruckend fand ich ein Exemplar, bei dem der Fahrer mittig zwischen den Rädern sitzt – ein sogenanntes Dicycle.

Und überhaupt die ganzen Möglichkeiten, drei Räder anzuordnen: Ich mit meiner durch die vielen Alltagsräder abgestumpften Phantasie wäre ja zunächst nur auf zwei Varianten gekommen: Zwei Räder vorne und eines hinten, oder umgekehrt. Doch in Nijmegen gibt es eine ganze Reihe asymmetrischer Räder zu bestaunen – beispielsweise mit einem großen Antriebsrad links und zwei kleinen Stützrädern rechts.

Noch größer wird die Vielfalt, wenn man die ganzen Bau- und Antriebsformen mit den unterschiedlichen Möglichkeiten multipliziert, mehrere Menschen auf einem Fahrrad unterzubringen: Da gibt es Zwei-, Drei- und Vierräder, bei denen die Fahrer hinter-, neben- oder übereinander sitzen – teilweise mit starr miteinander verbundenen Lenkern, auf dass der stärkere gewinnen möge, teilweise in einer Kombination von Hebel- und Kurbelantrieb. Ebenfalls sehenswert sind die US-Fietsen aus den fünfziger Jahren mit ihren plusterigen Verkleidungen, mitunter sogar mit eingebautem Radio!

Genauso bemerkenswert fand ich, wie viele vermeintliche Fahrradinnovationen der letzten Jahre es schon viel früher gab: Stepper, Holzrahmen, Lastenräder, Liegeräder, Falträder, Federung, Tretlagerschaltungen, Wellenantrieb – steht alles schon seit Jahrzehnten im Museum.

Dass sich diese bunte Vielfalt irgendwann im Laufe des 20. Jahrhunderts auf den klassischen Diamantrahmen reduziert hat, mag für dessen Alltagstauglichkeit sprechen. Schade ist es trotzdem. Nicht nur Fahrradnostalgikern sei ein Besuch in Nijmegen heftigst angeraten. Sich anzuschauen, auf wie vielen Wegen sich ein bestimmtes Problem lösen lässt, dient auch prima als geistige Lockerungsübung, um auf neue Ideen zu kommen. (grh)