Staffellauf: Critical Chain Management in agilen Projekten

Eine Idee, wie der beabsichtigte positive Effekt des Critical Chain Managements einfach und pragmatisch in agilen Projekten anwendet werden kann.

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Von
  • Bernd Oestereich

In meinem letzten Beitrag zur kritischen Kette hatte ich einen Vorschlag ("Staffelholzträger") angekündigt, wie man den beabsichtigen positiven Effekt des Critical Chain Managements einfach und pragmatisch in agilen Projekten anwenden kann.

Warum die Staffellauf-Metapher? Bei der Übergabe des Staffelholzes läuft der neue Staffelholzträger rechtzeitig parallel an und übernimmt das Holz, sobald er synchrone Geschwindigkeit erreicht hat. Übertragen auf iterative Softwareentwicklung heißt dies, dass der jeweils nächste Engpass sich rechtzeitig vor Übergabe vorbereitet, also seine bisherigen Arbeiten abschließt. Unmittelbar vor der Übergabe soll der neue Engpass nichts mehr tun außer zu warten und sich auf die neue Aufgabe vorzubereiten. Und derjenige, der gerade das Staffelholz hat, ist die jeweils wichtigste Person. Sie ist zu unterstützen und darf niemals abgelenkt werden.

Übersetzt auf Projekte: Die Person, deren Arbeit sich zum aktuellen Zeitpunkt wahrscheinlich auf der kritischen Kette befindet, wird jeweils öffentlich als aktueller Staffelholzträger gekennzeichnet, damit alle anderen wissen: Von der Arbeit dieser Person hängt gerade die Gesamtdauer des Projekts ab. Die Annahme ist, dass zu jedem Zeitpunkt eine Person mit ihrer Arbeit gerade auf der kritische Kette liegt und die Abfolge aller Arbeiten auf der kritischen Kette die Projektdauer bestimmt.

Anstelle des Aufwands, die kritische Kette über Netzpplantechnik zu ermitteln, schlage ich vor, einfach zu spekulieren, welche der bevorstehenden Arbeitsaufträge wahrscheinlich kritisch im Sinne der kritischen Kette sind. Diesen Arbeitsaufträgen widmen wir dann besondere Aufmerksamkeit, wir versuchen sie durch optimale Rahmenbedingungen zu unterstützen. Selbst wenn unsere Annahme darüber, welche Arbeitsaufträge kritisch sind, nicht immer stimmt, wird der Effekt höchstwahrscheinlich doch positiv sein, da sicherlich einige Annahmen zutreffend sind und die Annahmen auch nicht schlechter sein müssen, als beim systematischen Ermitteln der kritischen Kette (mit ihrer gewagten Prämisse der vollständigen Planbarkeit von Projekten).

Anwendungsbereich ist jeweils ein Team und eine Iteration. Wir gehen davon aus, dass jedes Projektmitglied alle seine Arbeitsaufträge für die aktuelle Iteration kennt. Sofern mehrere Personen an einem Arbeitsauftrag arbeiten, ist eine von ihnen für das Ergebnis dieses Subteams verantwortlich (im Folgenden Ergebnisverantwortlicher genannt).

Vor Beginn einer neuen Iteration gibt jeder Ergebnisverantwortliche an, welche Zulieferleistung (Abhängigkeit von einem anderen Arbeitsauftrag) für ihn die zeitlich bedeutendste ist. Dieser Zulieferer ist ein möglicher Engpass. In größeren Projekten kann zusätzlich im Top-Down-Verfahren auch die Projektleitung auf Basis der Gesamtplanung mögliche Engpasskandidaten benennen, indem sie versucht eine kritische Teilkette zu identifizieren. Top-Down heißt hier, die Analyse beginnt bei den Projektzielen, geht dann über Releasefeatures zu den Iterationsfeatures und landet schließlich auch bei den Arbeitsaufträgen.

Zum aktuellen Staffelholzträger wird jeweils die Person gekürt, die von den meisten anderen Teammitgliedern als Engpasskandidat angesehen wurde. Jedes Team wählt dabei seine eigenen Staffelholzträger. Dabei ist zu beachten, dass ein Arbeitsauftrag selten eine vollständige Iterationslänge dauert, sondern normalerweise deutlich kürzere Arbeitsaufträge existieren. Da sich die Engpasskandidaturen auf Arbeitsaufträge beziehen, muss jedes Team also eine kritische Kette der Arbeitsaufträge in der Iteration bilden. Sobald ein Arbeitsauftrag auf der kritischen Kette erledigt worden ist, wird das den Engpass symbolisierende Staffelholz an den nächsten übergeben. Sofern an einem Arbeitsauftrag mehrere Personen mitarbeiten, müssen diese sich untereinander einig werden, wer von ihnen der größte Engpass ist.

Mit diesem Verfahren wird also pro Team jeweils eine Person zum aktuellen Staffelholzträger gekürt, wobei diese Person innerhalb einer Iteration wechseln kann.

Der Nutzen dieses Spiels ergibt sich erst aus den folgenden Regeln:

  • Der betroffene Arbeitsauftrag wird für alle sichtbar markiert. Beispielsweise wird die Karte zum Arbeitsauftrag auf der Planungswand mit einem fetten roten Rahmen versehen.
  • Ein aktueller Staffelholzträger darf niemals gestört und von der Arbeit abgehalten werden. Wenn es Fragen oder Hilfebedarf gibt, ist immer erst zu prüfen, ob nicht jemand anderes die Frage beantworten bzw. die Hilfe leisten kann.
  • Wenn ein aktueller Staffelholzträger Unterstützung oder Hilfe anfordert, ist diese vorrangig vor allen anderen und sofort zu leisten. Auch Vorgesetzte haben sich dann ggfs. zu gedulden.
  • Wer einen aktuellen Staffelholzträger stört oder nicht vorrangig unterstützt, genau der verursacht gerade eine Verzögerung des Gesamtprojekts.
  • Der aktuelle Staffelholzträger konzentriert sich ganz auf die zeitlich kritische Arbeit und stellt alle anderen Aufgaben solange zurück, bis er kein Staffelholzträger mehr ist.
  • Der aktuelle Staffelholzträger nimmt rechtzeitig Kontakt zum nächsten Staffelholzträger auf der kritischen Kette Kontakt auf, informiert ihn regelmäßig über den aktuellen Stand und signalisiert ihm rechtzeitig, dass die Übergabe bevorsteht.
  • Jeder zukünftige aktuelle Staffelholzträger nimmt rechtzeitig Kontakt zum aktuellen Staffelholzträger auf und lässt sich regelmäßig informieren, wann die Übergabe bevorsteht.

Damit jeder einen aktuellen Staffelholzträger erkennen kann, könnten diese sowohl tatsächlich ein Staffelholz tragen. Ich werde also mal einen speziellen Stafettenstab entwickeln, der deutlich kleiner ist als ein typischer Leichtathletik-Stafettenstab und den man an einem Halsband eher wir ein Schmückstück tragen kann. Bis dahin gibt es nur die einfache symbolische Variante als Ansteck-Button. ()