Trolle sammeln

Kulturpessimisten treibt der Unflat in Online-Foren derart zur Verzweiflung, dass sie sich nach irgendeiner Form von Zensur zurücksehnen. Das Problem kann man auch cleverer angehen.

Lesezeit: 2 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 4 Beiträge
Von
  • Niels Boeing

Das Web ist an sich eine großartige Sache. Man kann darin eine Menge schlaue Dinge erfahren und sich die Zeit vertreiben, man kann es stundenlang ausdrucken, und man kann darin auch seine grundgesetzlich verbriefte Meinungsfreiheit ausleben. Wahlweise als Blogger oder als kommentierender Leser.

Was letztere Fraktion manchmal so produziert, erinnert mich an ein digitales Bosnien: Da dachte man, man lebe in einem zivilisierten Land, und plötzlich blickt man in Abgründe. Ressentiments, Aggression, Hass. Ruckzuck werden verbale Messer gewetzt. Wie benehmen diese Leute sich eigentlich in der Offline-Welt, frage ich mich oft?

Kulturpessimisten treibt der Online-Unflat regelmäßig derart zur Verzweiflung, dass sie sich nach irgendeiner Form von Zensur zurücksehnen. Gewissermaßen als publizistisches Gegenstück zu humanitären Kriegen.

Abgesehen davon, dass diese Haltung die Aufklärung ebenso in die Tonne tritt, ist sie auch nicht lässig.

Sehr lässig, geradezu britisch lässig, hingegen ist die Antwort eines neuen Projekts, das aus dem Gendercamp 2010 hervorgegangen ist: Ein Netzwerk von gesellschaftskritischen Blogs sammelt seit fünf Tagen die übelsten Kommentare auf ihren Seiten und stellt sie auf hatr.org einfach für die Allgemeinheit aus: sexistische Ausraster, rassistische Hetztiraden, dumpfe Stammtischparolen – flankiert von Google-Anzeigen.

"Auf hatr.org soll Werbung geschaltet werden. Wir wollen die Trolle schließlich nicht einfach nur vorführen, sondern eiskalt monetarisieren", erklären die vier Betreiber. Das Geld soll später in "coole Projekte" fließen. Anstatt den Unflat zu bekämpfen, nutzen sie ihn kurzerhand als Rohstoff für ein Fundraising der etwas anderen Art. "Collecting Trolls": großartig.

Sinnigerweise ist hatr.org nicht so selbstreferenziell angelegt, dass es eine Kommentarfunktion hat. Obwohl das die Werbeeinnahmen wahrscheinlich enorm fördern würde.

Blogger können "Das Letzte" mittels Wordpress-Plugin oder – aus der Blogsport.de-Plattform – mittels Bookmarklet an hatr.org übermitteln. Derzeit ist das Projekt noch in der geschlossenen Beta-Phase. Ich vermute, dass es zur Fußball-WM der Frauen im Sommer durch die Decke gehen wird.

(nbo)