Unbekannte Inhaltsstoffe in Plastik

Plastik ist immer wieder für unangenehme Überraschungen gut, wie eine neue Studie zeigt: Wissenschaftler haben 1411 Stoffe in Alltagsplastik gefunden, von denen sie die meisten gar nicht kennen – und nicht wissen, ob sie gesundheitsschädlich sind.

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  • Jo Schilling
  • Jo Schilling

Plastik ist Fluch und Segen. Ohne Plastik funktioniert die Welt, wie wir sie kennen nicht mehr, aber gleichzeitig erstickt sie an dem langlebigen Superstoff von dem wir essen, in den wir uns hüllen, in dem wir wohnen, schlafen, fahren,… Weichmacher, Stabilisatoren und Farbstoffe geben dem Plastikprodukt seine individuellen Eigenschaften. Zudem entstehen während des Produktionsprozesses zahlreiche Neben- oder Abbauprodukte.

Schon lange im Fokus sind Weichmacher, die dafür sorgen, dass weiche Plastikprodukte geschmeidig bleiben. Sie greifen in den Hormonhaushalt ein. Für solche Stoffe gibt es Grenzwerte – die mehr oder weniger gut überwacht und eingehalten werden. Aber was steckt sonst noch so in Produkten, die wir täglich nutzen, in denen wir unsere Lebensmittel lagern oder die wir als Kunstfasern in den meisten Kleidungsstücken ständig mit uns herumtragen?

Wissenschaftler des Instituts für sozial-ökologischeForschung (ISOE) in Frankfurt haben 34 Alltagsprodukte aus Plastik untersucht. Darunter Plastikflaschen, Tiefkühlbeutel, Shampooflaschen und Joghurtbecher. Sie mussten feststellen, dass drei Viertel der Produkte zahlreiche unbekannte Chemikalien enthalten. Diese herausgelösten Stoffe testeten sie an Zellkulturen. Mit erschreckendem Ergebnis: In drei von vier getesteten Produkten fanden sie Stoffe, die auf Testzellen giftig oder wie ein Hormon gewirkt und die Zellen entsprechend geschädigt haben. Sie veröffentlichten ihre Ergebnisse in der Zeitschrift EnvironmentalScience & Technology.

Die meisten solcher Substanzen haben die Forscher in Polyvinylchlorid (PVC) und Polyurethan (PUR) gefunden. Unbedenklicher war Polyethylenterephthalat (PET) – das aber ohnehin, da es für Trinkflaschen verwendet wird, besonders gründlich untersucht wird. Geradezu absurd wirkt, dass die Forscher von den 1411 Chemikalien, die sie herausgelöst haben, gerade einmal 260 kannten. Über 80 Prozent sind unbekannt und wenn man nicht weiß, womit man es zu tun hat, kann man auch nicht beurteilen, ob es gesundheits- oder umweltschädlich ist. Man kann es nicht einmal den üblichen Tests unterziehen. Aber dennoch steckt es in Dingen, von denen wir denken, dass sie geprüft, überwacht und sicher sind.

Selbst Bioplastik, das statt aus fossilen, aus pflanzlichen Stoffen hergestellt wird, ist nicht aus dem Schneider. Die Forscher haben Waren aus Polymilchsäure – einem gängigen Bioplastik – untersucht und in sämtlichen Proben schädliche Chemikalien gefunden.

Die gute Nachricht: Die Wissenschaftler haben durchaus auch saubere Kunststoffe gefunden. Einige Joghurtbecher waren frei von Überraschungen. Die schlechte Nachricht: Niemand sieht dem Joghurtbecher im Kühlregal an, ob er chemisch sauber ist, oder nicht.

Ein Dilemma, denn der Gesetzgeber fordert einerseits, dass Kunststoffe die Gesundheit nicht gefährden dürfen, andererseits kennen dIe Hersteller längst nicht alles Substanzen, die in ihren Produkten enthalten sind. Und sie wissen schon gar nicht, ob die Stoffe, die sie nicht kennen, in die Lebensmittel, durch die Haut oder in andere Produkte, die wir konsumieren, einwandern. Gut untersucht ist die Wirkung des Weichmachers Biphenol A (BPA). Das war es dann aber auch schon.

(jsc)