Zeitreisen mit Katze

In einem Gebäude, das es nicht gibt, versuchen Facebook-Forscher sich an der Zukunft.

Lesezeit: 4 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 2 Beiträge
Von
  • Peter Glaser

Der Beginn schriftlicher Aufzeichnungen markiert einen Meilenstein in der Menschheitsgeschichte. Nun können neue Technologien zur Handhabung immens großer Datenmengen einen weiteren solchen Meilenstein setzen – den Beginn von Aufzeichnungsformen, die beispielsweise Zeitreisen möglich machen, so wie wir sie bisher nur aus der Fiktion kennen. VR-Technologie (die vielleicht sogar ohne die albernen Monsterbrillen auskommt) kann in einer nicht allzufernen Zukunft das Eintauchen in umfassend digitalisierte Erinnerungen möglich machen, eigene, fremde und künstliche.

Mit Wearables, deren Leistungs- und Speicherfähigkeit den heutigen Stand weit übertreffen müsste, kann das, was die Pioniere computerisierten Erinnerns Lifelogging nennen, zu einer Alltäglichkeit werden – die Möglichkeit, den gesamten Lebensfluss aufzuzeichnen. Die Hardware-Entwicklung macht bekanntlich Riesenschritte, der Übergang von Science Fiction zu greifbarer Realität ist längst nichts Ungewöhnliches mehr. Bereits 1898 beschrieb Mark Twain eine Technologie, die dem Internet sehr ähnelt ("Das tägliche weltweite Geschehen wird für jedermann sichtbar und diskutierbar gemacht"). Und ob Satelliten, Tricorder oder Bodytracker – alias Smartphones und Selftracker –, was einst vergnügliche Fantasterei war, gibt es nun schlichtweg zu kaufen.

Wie es weitergeht, wenn die Zukunft immer mehr von der Gegenwart eingeholt wird, war auch Thema der neulich veranstalteten Entwickler-Konferenz von Facebook. Der Titel der Veranstaltung – "F8" – lässt sich aussprechen wie das englische Wort "fate", zu Deutsch "Schicksal". Der Glaube an das Schicksalhafte in der Entwicklung neuer menschlicher Fähigkeiten mit technologischer Hilfe war es womöglich auch, der den Entwicklern eine Leitrichtung skizzieren sollte. Das Kürzel der Konferenz spielt an auf das Facebook-Labor Building 8, in dem an streng geheimen Zukunftsprojekten gearbeitet wird. Ein Haus 8 gibt es im Übrigen auf dem Facebook-Campus gar nicht, allerdings einen Teil des real existierenden Building 17, den sich die Facebook-Entwicklungsabteilung unter den Nagel gerissen hat.

Anlässlich der F8 wurden die geheimen Zukunftsprojekte aus PR-Gründen ein bisschen weniger geheim, so etwa die vorgestellten Forschungen zu Gedankenleseverfahren. Man denkt dann einfach etwas in Facebook hinein, fertig. Wie wäre es, wenn Selftracking-Geräte statt einfach nur eine Laufroute oder von einer Bodycam aufgezeichnete Videoschnipsel zu speichern, Daten in wesentlich umfassenderem Umfang festhalten? – nicht nur eine, sondern alle Bewegungen nebst Umgebung und Blumenduft. Eine totale Erinnerung, die darüber hinaus nicht nur im Inneren eines Individuums existiert, sondern von jedem geteilt werden kann.

Die medialen Formen des Erinnerns werden immer umfassender und lebenstiefer. Schon die derzeitigen Speicher- und Rechenkapazitäten versetzen Institutionen wie die NSA in die Lage, die Netzdaten globaler Kommunikationsströme festzuhalten und nach Bedarf zu durchsuchen. Wohin werden uns die Forschungen in Haus 8 führen? Werden Schriftsteller bald Gedankenlesungen abhalten? Und was passiert eigentlich, wenn ein dummer Mensch die Gedanken eines klugen liest? Vielleicht kommt ja das Denken insgesamt wieder in Mode.

Und vielleicht geht der Name des geheimnisvollen Building 8 auch auf einen verschwiegenen Vorläufer zurück – auf eine Katze namens Room 8. Im Jahr 1952 kam ein streunender Kater in eine Schule in Los Angeles. Die Schüler adoptierten ihn und teilten ihre Pausenbrote mit ihm. Der Kater, der sich in Room 8 niedergelassen hatte und ebenso gerufen wurde, blieb 15 Jahre lang. Den Sommer über verschwand er und tauchte am Ende der Ferien jedesmal wieder auf. Zeitungen schrieben über die Katze, Fernsehkameras wurden zu Schulanfang aufgebaut und über die Rückkehr des Streuners berichtet. Room 8 wurde berühmt. Manchmal kamen täglich bis zu 100 Briefe, die an die Katze adressiert waren. Room 8 starb im August 1968 mit 22 Jahren an den Folgen eines Katzenkampfs. Sein Nachruf in der Los Angeles Times lief über drei Spalten und stand neben den Nachrufen auf bedeutende Politiker. Seine Pfotenabdrücke sind im Gehsteig vor der Schule verewigt. Noch heute erinnern sich Leute aus der Nachbarschaft in Blogs an Room 8. Wer genaueres wissen will, kann seine Katze fragen – oder sich von ihr seine Gedanken lesen lassen. (bsc)