Interview: „SAP S/4HANA schrumpft die IT-Landschaften“

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Autor: Nils Klute, IT Journalist
  • Beitrag vom: 22.10.2018

Der Digitalisierungszug macht vielen Mittelständlern SAP S/4HANA schmackhaft. Auf was es beim Umsteigen ankommt, erläutert Uwe Quattländer im Interview.

Herr Quattländer, der deutsche Mittelstand und SAP waren bisher ja nicht immer die besten Freunde. Ändert sich das jetzt mit SAP S/4HANA?

Bisher sind viele mittelständische Unternehmen mit ERP-Systemen kleinerer Anbieter und Eigenentwicklungen gut gefahren. Doch viele dieser kleineren Hersteller tun sich schwer, notwendige Innovationen umzusetzen. Denn ständig kommen neue Anforderungen auf den Markt – sei es Big Data, das Internet der Dinge oder Künstliche Intelligenz. Da die SAP-Lösungen bereits viele dieser Funktionalitäten anbietet, bringt das aktuell viele Unternehmen, die sich mit ERP-Software aus Walldorf bislang noch nicht anfreunden konnten, zum Nachdenken. Nehmen wir einen Maschinenbauer: Wenn die Mitbewerber bereits auf Predictive Maintenance oder Industrie 4.0 setzen, die eigenen IT-Systeme das aber noch ausbremsen, entsteht ein klarer Wettbewerbsnachteil. Hinzu kommt: Digitalisierung bedeutet vor allem auch eine intensivere Vernetzung mit Kunden, Lieferanten und Partnern. Wenn diese bereits SAP-Lösungen nutzen – was oft der Fall ist –, tut man sich zwangsläufig schwer, wenn man selbst andere Systeme einsetzt.

Aus Ihrer Erfahrung: Was bringt letztlich den Stein in Richtung SAP ins Rollen?

Am Ende des Tages geht es immer ums Geld. Systeme sollen optimal ausgelastet sein, Prozesse möglichst automatisiert ablaufen und der Overhead für den IT-Betrieb klein ausfallen. Wir haben viele Kunden, deren SAP S/4HANA Business Case sich nicht ausschließlich auf Geschäftsprozesse alleine bezieht. Sie sehen einfach, dass sie auch komplex gewachsene Landschaften mit Hilfe von SAP S/4HANA auf wesentlich kleinere, kompaktere Landschaften migrieren können. Andere Kunden, die teilweise mehrere SAP-Systeme am Start haben, können diese manchmal auf wenige oder sogar ein einziges SAP S/4HANA ERP System komprimieren. Da muss ich nicht lange rechnen, der Nutzen ist offensichtlich. Einer der großen Vorteile von SAP S/4HANA ist: Es ermöglicht das Schrumpfen von IT-Landschaften. Damit geht auch eine Reduzierung der Schnittstellen einher. Was wiederum die Zahl potenzieller Fehlerquellen und Sicherheitslücken senkt.

Trotz dieser Vereinfachung gilt SAP-ERP weiter als sehr mächtiges und wuchtiges System …

Mit Blick auf die Historie ist dieses Image ja auch berechtigt. Die SAP Business Suite bzw. das SAP® R/3® war und ist ein Monolith, dessen Funktionsumfang die Anwender nur zu einem Bruchteil wirklich nutzten. Selbst große Unternehmen hatten vielfach nur 20 bis 30 Prozent der gebotenen Funktionsumfänge im Einsatz. Nun hat SAP dieses Konglomerat zwar in einzelne Komponenten aufgeteilt. Aber auch SAP S/4HANA erfordert immer noch einen erheblichen Aufwand, die notwendige Hard- und Software einzuführen und auch zu betreiben. Das schreckt viele potenzielle Kunden ab. Doch diese Ängste sind oft nicht berechtigt, zumal SAP mittlerweile gut abgestufte Produkte im Angebot hat. Dazu gehört natürlich insbesondere das neue Flaggschiff SAP S/4HANA, welches für Kunden mit hohen Individualisierungsanforderungen in der „On Premise Edition“ zu haben ist. Daneben bietet die SAP aber auch eine SAP S/4HANA Cloud Edition an, ein hoch standardisiertes SAP S/4HANA Angebot mit den wesentlichen ERP-Kernanwendungen, die aber nicht jede Individualisierung zulässt.

Ergänzend greifen Kunden gerne auf die „erweiterte Produktpalette“ der Public Cloud Offerings wie etwa Ariba, SAP Success Factors, SAP Fieldglass, Concur, IBP, etc. zurück, die sich sehr gut über die SAP Cloud Plattform mit SAP S/4HANA integrieren lassen. Damit entzerrt sich der zuvor erwähnte monolitische Ansatz der ehemaligen Business Suite Lösung, was der Betreibbarkeit sehr zugute kommt. Für kleinere Kundengrößen kommen evtl. die SAP Business One oder auch die SAP Business ByDesign Lösung in Frage.

Sie sagen, das Interesse des Mittelstands an SAP-Lösungen sei gestiegen, aber wie viele tatsächliche SAP S/4HANA-Implementierungen gibt es überhaupt?

In der Tat befinden wir uns derzeit in einer Transformationsphase. Über sogenannte SAP S/4HANA Readiness Scans lassen sich die SAP-Altsysteme toolunterstützt auslesen, analysieren und ein Mapping auf die zukünftig geplante SAP- Landscape erstellen. So erhält ein Kunde zunächst einmal einen Überblick, wie seine IT-Landschaft derzeit aussieht, welche Eigenentwicklungen er betreibt und welche Aktivitäten als „Must Do“ auf ihn zukommen werden. Aufsetzend auf den Readiness Scan bieten wir bei T-Systems zudem ein Roadmap Consulting an, um auch funktionale Optimierungsmöglichkeiten, wie neue Prozesse, Cloud-Produkte, etc. mit in die Betrachtung einfließen zu lassen. Bei dieser Vorgehensweise erkennen die Kunden, welche ihrer bestehenden Individualisierungen heute zum SAP Standardumfang gehören oder rückgebaut werden können. Diese Vorgehensweise ist aktuell häufig anzutreffen. Schritt für Schritt durchforsten die Firmen so die System- und Anwendungslandschaft und entscheiden: Was wird in Zukunft noch gebraucht und wie lässt es sich durch SAP-Systeme abbilden? De facto findet also ein großes Entrümpeln, Aufräumen und Optimieren statt. In dieser Phase befinden sich heute die meisten Unternehmen. Workshops mit SAP-Experten helfen ihnen dabei.

Zumal noch bis 2025 Zeit zur Umstellung ist …

Ja und nein. Schließlich muss bis 2025 alles umgestellt sein. Und der Wechsel zu SAP S/4HANA ist nicht zu unterschätzen. Daher ist es heute an der Zeit, sich einen Überblick zu verschaffen und die eigene Strategie zu definieren. Denn die Entscheider dürfen eines nicht vergessen: Weltweit müssen zehntausende SAP-Systeme migriert werden. Wer zu spät loslegt, reitet dadurch zwangsläufig auf der großen Welle mit, wenn die Mehrzahl aller Unternehmen umstellt. Zu der Zeit dürften die dafür verfügbaren Ressourcen rar und teuer werden.

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