SAP-Legacy-Systeme: So schaffen Firmen den Absprung

  • Beitrag vom: 09.07.2019

Anwender auf der ganzen Welt wissen: Der Support aller SAP-Alt-Anwendungen endet im Jahr 2025. Stand heute bleiben also noch sechs Jahre Zeit für Konzerne, die nach wie vor mit Anwendungen der SAP Business Suite 7 wie etwa ECC-6.0 wirtschaften. Im Interview mit heise.de erklären Pascal Brumm von der Telekom Deutschland und Tibor Kosche von T-Systems, warum viele Firmen trotz labiler Alt-Systeme nach wie vor zögern, welche Rolle Datenmigration dabei spielt und wie es Firmen gelingt, die Kosten für Betrieb, Management und Wartung von SAP-Systemen durch die Modernisierung um bis zu 80 Prozent zu senken.

Herr Brumm, es sind noch viele alte SAP-Systeme im Einsatz, noch immer zögern viele Firmen, in die Cloud zu wechseln. Ist der Shift einfach zu komplex?

Pascal Brumm: Ja, Komplexität ist ein Grund für die Zurückhaltung einiger Firmen. Ein weiterer ist die Tragweite der Entscheidung, jetzt zu starten. Es betrifft neben der IT-Abteilung auch die Fachseite und letztlich müssen immer auch CEO und CFO in den aufwändigen Prozess mit eingebunden werden. Vielen Firmen in Deutschland fehlt eine mittelfristige Strategie, manche haben noch andere Prioritäten. Allen gemein ist der Ruf nach einem Business Case, der sich dann rechnet, wenn neben der Prozessseite auch die Möglichkeit zu innovieren betrachtet wird.

Ist es da nicht legitim, alte SAP-Systeme zunächst einfach weiter zu nutzen? Schließlich wurde der Support bis 2025 von SAP garantiert.

Pascal Brumm: Für die eigentliche Transformation sind sechs Jahre Zeit. Wer klug ist, stellt die Weichen jetzt. Wir erleben gerade eine Datenexplosion. Speicherplatz ist teuer. In den nächsten fünf Jahren sprechen wir von einer Vervierfachung. 80 Prozent der existierenden Daten wurden allein in den letzten zwei Jahren erzeugt. Bis 2020 wird es 9 Milliarden mobile User und mehr als 200 Milliarden vernetzte Geräte geben. Der Wechsel ist eine Chance. Eine Chance, das zu tun, was in den letzten Jahren vernachlässigt wurde: Ballast abwerfen, zurück zum Standard, Fit für die Zukunft. Der Wettbewerb setzt sich ab, weil er in der Lage ist, agil Ideen zu verproben. Wenn der Proof of Concept skaliert, sprechen wir von einer Innovation, die man selbst erst nachmachen kann, wenn man auf S/4HANA ist.

Viele Firmen nutzen einfach zusätzlich Cloud-Dienste, um ihre Altsysteme zu behalten und gleichzeitig von der Agilität und Skalierbarkeit der Cloud zu profitieren. Was halten Sie von dieser Alternative?

Pascal Brumm: Das sollte wirklich nur eine Übergangslösung sein. Schließlich handelt es sich bei Altsystemen oft um eine historisch gewachsene Struktur, in der viele Daten unstrukturiert, redundant und noch dazu in Silos vorgehalten werden. So können die Folgekosten für den Betrieb, das gebundene Personal und die Sicherheits- und Compliance-Risiken enorme Ausmaße annehmen. Einfach weitermachen und hier und da mit der Cloud ergänzen bedeutet hohe Kosten und hohes Risiko. Wer es hingegen geschickt anstellt, spart durch die Abschaltung von Altsystemen meiner Erfahrung nach in der Regel zwischen 60 und 80 Prozent. Damit schaffen sich Unternehmen die Freiräume neben dem bloßen Wechsel auf S/4HANA auch Innovationen zu treiben, die sie vom Wettbewerb absetzen.

Eine zentrale Herausforderung liegt in der Migration der Daten. Herr Kosche, laut einer Gartner Studie sprengt die Hälfte aller Projekte zur Datenmigration sowohl das Budget als auch den Zeitplan. Wo liegt das Problem?

Tibor Kosche: Projekte zur Migration von Daten von SAP-Altsystemen in die Cloud werden oft unterschätzt, sowohl von Anbietern als auch von Kunden. In die neue Welt von S/4HANA zu migrieren ist ein großer Schritt und geht weit über ein Software-Update hinaus. Viele veranschlagen dafür oft ein zu kleines Budget. Dabei ist das Geld für solche SAP-Cloud-Shift-Projekte in jedem Fall besser investiert als die Aufwände und Risiken, die durch Alt-Systeme hervorgerufen werden.

Wieso gehen so viele dann bewusst ein solch hohes Betriebsrisiko ein?

Tibor Kosche: Viele trauen sich nicht allein an die große Aufgabe heran. Sie befürchten, fatale Fehler zu begehen, die den gesamten Betrieb gefährden können. Nach dem Motto: Never change a running System. Gleichzeitig denken viele, dass ihre Applikationen so individuell gebaut sind, dass sie kein Dienstleister durchdringen könnte. Erst recht können sich viele nicht vorstellen, dass es überhaupt möglich ist, ihre individuellen Funktionen, die sie sich mühsam erarbeitet haben, adäquat in der Cloud abzubilden. Ein Gedanke, der nachvollziehbar, aber falsch ist. Bei T-Systems haben wir zum Beispiel schon bei dutzenden Unternehmen Daten aus alten SAP-Systemen erfolgreich in eine Cloud-basierten Historisierungsservice überführt. Und zwar so, dass diese Unternehmen anschließend erheblich effizienter arbeiten konnten als zuvor.

Lesen Sie im zweiten Teil des Interviews, wie Unternehmen den Sprung in die Cloud-Welt von SAP schaffen können, welche Tools dafür zum Einsatz kommen und worauf es bei der Auswahl des Partners ankommt, der Unternehmen beim Shift in die Cloud begleitet.

Pascal Brumm (45) ist im Cloud Partner Vertrieb der Telekom Deutschland für SAP verantwortlich. Der ehemalige SAP Alliance Manager der T-Systems ist seit knapp zwei Jahren für den strategischen Aufbau des Geschäftsfelds SAP mitverantwortlich.

Tibor Kosche ist Datenmigrations- und Historisierungsexperte bei T-Systems. Als Unternehmensberater bei Detecon gestartet und seit 2008 für den Telekom-Konzern tätig, begleitet Kosche gemeinsam mit seinem Team seit 2012 Unternehmen bei Überführung von Daten aus SAP-Altsystemen in Cloud-basierte Historisierungsservices.

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