15 Jahre IPv6

Ein Glückwunsch

Wissen | Hintergrund

Vor 15 Jahren wurde der erste Standard verabschiedet, der das Protokoll IPv6 unter diesem Namen definierte.

Der erste RFC, der IPv6 unter diesem Namen zum Standard erhob, trägt das Datum "Dezember 1995". RFC 1883 ist zwar inzwischen überholt (obsoleted by RFC 2460), aber seine Verabschiedung darf als die Geburtsstunde des Begriffs gelten; in diesen Tage wird IPv6 also 15 Jahre alt.

In früheren Zeiten wurden junge Menschen nach einem mehr oder minder schmerzhaften Initiationsritus als Erwachsene in die Welt geschickt. Und tatsächlich legt IPv6 2011 so richtig los: Die Deutsche Telekom hat angekündigt , dass das acht Jahre dauernde Projekt der konzernweiten Einführung mit Ende des Jahres abgeschlossen sein wird. Zu Deutsch: sämtliche Internetzugänge der Telekom werden im Dual-Stack-Betrieb IPv4 und IPv6 nutzen. Die anderen größeren Provider arbeiten ebenfalls an der Einführung.

Aber heutzutage stellt man sich unter einem 15-Jährigen eher einen pickligen Jüngling vor; und tatsächlich hat IPv6 noch einige wirklich hässliche Pickel. Zunächst ist dem Protokoll sehr deutlich anzumerken, dass in der IT eine andere Zeitrechnung gilt: 15 Jahre entsprechen ziemlich genau drei Ewigkeiten. Und die Entwicklung von IPv6 unter dem Namen IPng liegt ja noch länger zurück. Sie fällt damit in die Zeit, bevor "das Internet" zu dem Massenmedium wurde, das als Web 1.0 Grundlage der Dotcom-Blase war.

Unter anderem erschien den Vätern von IPng das Internet offenbar als Blümchenwiese mit einer Picknickgesellschaft aus wohlmeinenden Hippies. So darf sich beispielsweise jeder, der Lust dazu hat, zum Router erklären und sämtlichen Verkehr an sich ziehen. Windows-PCs mit aktiver "Internetverbindungsfreigabe" tun das versehentlich (darauf fallen allerdings nur Mac-OS-Rechner herein). Doch Datenspione könnten sich auf ähnliche Weise absichtlich den gesamten Verkehr zur Auswertung liefern lassen. Einige zusätzliche RFCs und Vorschläge (Internet Drafts) befassen sich mit Gegenmaßnahmen, aber keine davon hat bislang eine nennenswerte Verbreitung gefunden.

Das ist nur ein Beispiel für die Problemchen, die der Technologieveteran IPv6 mit dem heutigen Internet hat. Dabei ist es ganz typisch, das immer mehr RFCs als Abdeckpflästerchen für die Unreinheiten des Protokolls dienen – inzwischen viele hundert.

Doch diese Einschränkungen nehmen sich wie Mitesser aus neben den schwärenden Eiterbeulen bei der Umsetzung. Wohin man blickt, sieht man die absurdesten Fehler in der Implementierung:

  • Ein Heim-Router verteilt an seine Clients Adressen aus dem für Dokumentationen reservierten Bereich – da hat wohl jemand Copy&Paste benutzt.
  • Personal Firewalls schalten die Windows-eigene (IPv6-taugliche) Firewall ab, um sich an ihre Stelle zu setzen – und dann IPv6 unkontrolliert durchzulassen.
  • Ein großer Router-Hersteller bescheinigt einigen seiner Produkte zwar IPv6-Tauglichkeit, rät aber ohne nähere Angaben vom Einsatz "in produktiven Umgebungen" ab.
  • Die Betriebssysteme von Apple (Mac OS X und iOS 4) haben größte Schwierigkeiten, sich zwischen den beiden IP-Versionen für die richtige zu entscheiden, sodass User eine Fehlermeldung statt einer eigentlich erreichbaren Internetseite zu sehen bekommen.
  • Einem nicht ganz kleinen Web-Hoster fällt der Ausfall seines IPv6-Netzes erst nach Tagen auf – weil es noch gar keine IPv6-taugliche Systemüberwachung gibt.
  • Ein Mobilfunk-ISP leitet den gesamten Datenverkehr über einen Proxy, der bei Seiten bockt, die IPv4 und IPv6 parallel betreiben – Fehlermeldung statt Web-Seiten.

Diese Liste ließe sich ohne Weiteres Seiten-lang fortsetzen. Und dennoch zeigt sie nur die Nasenspitze des Eisbären, denn mindestens so viel Ärger lauert auf der organisatorischen Seite. Dass die konzernweite IPv6-Einführung bei der Telekom gut acht Jahre dauert, liegt nicht an technischem Unvermögen oder überlangen Atempausen. Vielmehr waren Datenbanken umzustellen, Prozesse und Abläufe anzupassen und Mitarbeiter zu schulen. Und vorab mussten erstmal Tests entwickelt werden, die prüfen, ob die IPv6-Umstellung eines Elements überhaupt geklappt hat. Was ohne solche Arbeiten droht, erlebten wir bei einem anderen großen europäischen Provider: Es dauerte neun Tage, um das Support-Ticket über einen eindeutig identifizierten Fehler in seinem IPv6-Netz bis zu jemandem weiterzuleiten, der den Bug dann innerhalb weniger Minuten behob.

Solche Pickel sind keine grundsätzlichen Fehler in IPv6 und somit auch keine Gründe, auf das neuere Internetprotokoll zu verzichten. Es gibt ohnehin keine Alternative: Im Frühjahr wird die IANA die letzten freien Blöcke von IPv4-Adressen an die lokal zuständigen Registrierungsstellen vergeben, die sie häppchenweise weitergeben. Irgendwann 2011 ist dann Schluss. IPv6 ist derzeit das einzige Protokoll, mit dem sich die dann fehlenden IPv4-Adressen sinnvoll ersetzen lassen.

IPv6 einfach auszulassen, ist auch keine Alternative. Denn das Erscheinen von IPv7, das zusätzlich die Altersrunzeln von IPv6 beheben könnte, ist nicht abzusehen. Das alte IPv4 wurde 1981 in einem RFC kodifiziert, und bald begannen die Arbeiten am Nachfolger. 1993 waren mehrere Kandidaten weitgehend fertig – nach 12 Jahren. Bei IPv6 sieht das ganz anders aus: Wer glaubt, dass dies nun das letzte und endgültige Internet-Protokoll sei, ist rettungslos naiv oder hat noch nie einen Blick auf die Entwicklung in der IT geworfen. Doch auch 15 Jahre nach der Festschreibung von IPv6 sind noch keine klaren Kandidaten für die nächste Version zu erkennen.

Die Zukunft heißt also "Dual-Stack". Aber es zeigt sich, dass der größte Teil der IT-Branche die 15 Jahre Vorlauf ungenutzt ausgesessen hat. Statt IPv6 sauber zu entwicklen und zu testen, hat man einfach abgewartet. Hanebüchenen Fehler wie die oben genannten sind die Folge. Und wer sich schon mal mit Computern befasst hat, sieht auch voraus, was passieren wird: Auch IPv6 wird als Bananen-Ware bewusst unfertig ausgeliefert, um es beim Kunden reifen zu lassen.

Und so kommen auf die Internet-Nutzer einige sehr unschöne Erfahrungen zu. Damit sie dann trotz der Fehler von Herstellern und Betreibern ins Internet kommen, müssen sie viel mehr über IPv6 lernen, als sie je wissen sollten. Denn schließlich handelt es sich um ein Protokoll einer recht tiefen Netzwerkebene, also ein technisches Detail. Wer das Internet benutzt, sollte darüber eigentlich gar nichts wissen müssen.

IPv6 wird in diesem Monat 15 Jahre alt: Na, herzlichen Glückwunsch. (je)

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