A Star is Born

Linux: Vom Freak-System zum Windows-Konkurrenten?

Wissen | Hintergrund

Licht aus, Spot an! Die Nebel verziehen sich: ein Newcomer steht plötzlich im Rampenlicht. Seit den allerersten Anfängen hat Linux einen weiten Weg zurückgelegt. Anfangs ein reines Freak-System, schlich es sich langsam, aber stetig in das Bewußtsein der Öffentlichkeit. Selbst im kommerziellen Einsatz scheint Linux sich zu bewähren. Ein Star für die ganze EDV-Familie also, oder doch nur wieder ein weiteres Nischensystem?

`Ich trachte definitiv danach, Linux als Konkurrenz zu Windows 95, Windows NT und OS/2 auf dem Desktop-Markt zu etablieren. Ich denke nicht, daß ein einziges System den Markt dominieren sollte, aber Linux wird meiner Ansicht nach definitv eine Rolle spielen.´

Die selbstbewußte Aussage von Linus Torvalds, dem `Erfinder´ von Linux, gegenüber c't [1] dürfte viele dann doch überrascht haben. Angesichts der Erfolgsmeldungen, die von der Linux-Fangemeinde in der letzten Zeit verbucht wurden, scheint Linux aber gar nicht mehr so weit davon entfernt, ein ernsthafter Konkurrent für die Systeme von Microsoft oder IBM zu werden. Es lohnt sich also, wieder einmal einen Blick auf die aktuelle Situation rund um das Freeware-Unix zu werfen.

Immerhin, nimmt man die Zielsetzung von Linus Torvalds wörtlich, hat sich Linux mit arrivierten Systemen in vielen Punkten zu messen. Einfache Installation, Benutzerfreundlichkeit, Hardwareunterstützung und - last, but not least - Anwendungssoftware für den privaten und den Büroeinsatz sind Bereiche, für die Unix auf PC-Basis in den letzten Jahren nun einmal nicht gerade berühmt war. Heutzutage muß man sich aber von der (vielleicht liebgewonnenen) Vorstellung befreien, Unix sei ein kryptisches System, nur über die Kommandozeile zu bedienen, mit enormem Ressourcenbedarf und Anwendungen höchstens für den technisch-wissenschaftlichen Bereich. Und was für Unix im allgemeinen gilt, darf Linux im speziellen schon lange für sich beanspruchen.

Installation und Konfiguration einer Linux-Distribution sind, abhängig vom Hersteller, recht ausgereift (siehe Seite 314). Auch Neueinsteiger dürften mit etwas Handbuchstudium den meisten Fallstricken elegant ausweichen können. Niemand sollte aber dem Gedanken verfallen, er könne mit einem installierten Linux genauso umgehen wie mit seinem Windows 95.

Grafische Oberflächen auf Basis des X-Window-Systems gehören seit einiger Zeit zum Standard. Meistens unterscheiden sie sich allerdings von System zu System, selbst für Linux gibt es diverse Varianten, die sich ein Anwender je nach Vorlieben installieren kann. Ähnlichkeiten sind aber beabsichtigt. Die Grundlage für alle Oberflächen bildet X.

Allerdings existiert ein großes Mißverständnis vor allem unter Neueinsteigern. X ist zuerst einmal keine Benutzeroberfläche, sondern nur eine Bibliothek von Grafikroutinen. Sie bilden ein Client/Server-System. Dabei hat der X-Server zwei Aufgaben: zum einen die Darstellung von Programmausgaben, zum anderen das Vermitteln von Informationen an die eigentlichen Programme, die durch User-Aktionen ausgelöst werden. Der Server bildet also die Schnittstelle zwischen Ein- und Ausgabegeräten auf der einen sowie X-Anwendungen auf der anderen Seite - im gewohnten Sprachgebrauch der PC-Welt stellt der X-Server also den eigentlichen Client dar. Die X-Clients wiederum sind die Programme, also die Software, die für die Erledigung der gewünschten Aufgaben zuständig ist. Das kann eine Terminal-Emulation sein, aber auch eine Textverarbeitung oder ein Grafikprogramm.

Server wie Client müssen nicht auf derselben Maschine, ja nicht einmal mit demselben Betriebssystem arbeiten (so gibt es beispielsweise eine Version des kostenlosen XFree-Servers auch für OS/2). Ein Client braucht unter Umständen eine richtig fette Maschine, um seine Aufgaben erledigen zu können, während die Maschine für den Server weniger anspruchsvoll in der Ressourcenausstattung sein darf. Es kann sogar ein reines Terminal mit der Fähigkeit zur grafischen Darstellung sein. Von einem X-Server lassen sich auch mehrere X-Clients (Programme) ansprechen und gleichzeitig darstellen.

Im Regelfall hat man es mindestens mit drei Clients zu tun: xterm (ein Terminal-Emulator beziehungsweise eine Shell), dem Display-Manager xdm und einem Window-Manager. Der Display-Manager startet automatisch, sobald der X-Server hochfährt. Er kann beispielsweise einen Login-Prompt zur Verfügung stellen und Clients wie xterm oder eine Uhr starten.

Der Window-Manager stellt das eigentliche Benutzer-Interface dar. Er ist also der Zuständige, wenn es um die Präsentation von Fenstern, Kontrollelementen und ähnlichem geht. Der bekannteste Window-Manager bei den kommerziellen Systemen ist der mwm von OSF/Motif, unter Linux wird meist der fvwm eingesetzt. Von diesem gibt es eine Version, die eine Windows-95-ähnliche Oberfläche anbietet. Das Common Desktop Environment CDE, ein ebenfalls von der OSF entwickelter Standard für einen Window-Manager, hat sich in letzter Zeit gerade bei den großen Systemen etablieren können, sowohl AIX wie Solaris werden beispielsweise damit ausgeliefert. Für Linux existiert ebenfalls eine CDE-Version von X-Inside, die auf Accelerated X aufbaut.

Selbst wer als Anwender mit einer Linux-Oberfläche konfrontiert ist, die Windows 95 sehr ähnlich ist, muß sich immer bewußt darüber sein, daß hinter den Kulissen kaum unterschiedlichere Systeme werkeln könnten. Das fängt mit der Multiuser-Fähigkeit an und hört bei unterschiedlichen Kommandozeilen noch lange nicht auf. Da kann es schon einmal passieren, daß ein User an seine eigenen Dateien nicht mehr herankommt, weil die Zugriffsrechte falsch vergeben sind. Oder daß ein schon funktionierendes System plötzlich den Geist aufgibt, weil ein unerfahrener Anwender mit den Rechten des Systemverwalters (root) in den Innereien des Systems herumgewerkelt hat.

Eine Neuerung, mit der sich ein Umsteiger beschäftigen muß, kann zuerst kalte Schauer der Angst auslösen. Das Stichwort Neukompilierung des Kernels schreckt stärker ab, als in der Realität notwendig wäre. Schließlich bieten ausgefeilte Skripte und die Integration des Quelltexts in alle Distributionen eine gewisse Sicherheit. Das hindert aber niemanden daran, den Kernel so zusammenzustellen, daß er garantiert mit der vorhandenen Hardware nicht mehr arbeitet. Und wenn dann auch noch Include-Pfade nicht stimmen oder gar notwendige Code-Bestandteile gar nicht vorhanden sind, kratzt sich der unerfahrene User nur noch ratlos am Kopf.

Es kann natürlich niemand erwarten, daß er identische Bedienung und Vorgehensweisen angeboten bekommt, wenn er auf ein für ihn völlig neues Betriebssystem umsteigt. Ohne Studium der Handbücher oder weitere Literatur zum Thema Unix und Linux kommt ein Neuling nicht aus. Erfahrene Unix-Hasen kann ein Linux nicht schrecken - und wer all die Irrungen, die bei OS/2-Installationen möglich sind, schon einmal mitgemacht hat, sollte nicht vor unlösbaren Problemen stehen.

Das ist die eine Seite: Linux halte ich, genauso wie OS/2, für ein System, das professionelle Anwender interessiert. Warum sollte eine Sekretärin oder der Privatnutzer von seinem Windows 95 weggehen, wenn der Computer alle Aufgaben bewältigt, für die er angeschafft wurde? Auf der anderen Seite geht mit Linux fast alles, was ich mit der Microsoft-Software auch erledigen kann.

Den Ruf eines reinen Betriebssystems für Kernel-Programmierer hat Linux schon lange abgelegt. Spätestens seit der Revision 2.0 muß ein normaler Anwender oft nicht einmal mehr den Kernel neu kompilieren. Die meisten Distributionen bauen bei der Installation automatisch eine brauchbare Version zusammen (siehe Seite 314). Und die Unterstützung ladbarer Module, die Hardwareunterstützung bei Bedarf zur Verfügung stellen, macht oft ein Neukompilieren überflüssig.

Die Trennung zwischen User- und Entwickler-Kernel hat natürlich zu der Stabilisierung des Systems sehr beigetragen. Jeder, der mag, kann sich in Experimente stürzen und die neuesten Entwicklungen aus der Linux-Gemeinde gleich integrieren. Die aktuellste Hardware und die jüngsten Entwicklungen des Basis-Systems stehen oft sehr schnell in Alpha- oder Beta-Versionen zur Verfügung. Alle anderen sind mit dem stabilen und ausgereiften User-Kernel gut bedient, wie sie auch in den Linux-Distributionen zu finden sind. Bei mancher Hardware, etwa ISDN-Karten, kann das Patchen der Quelltexte und eine Neukompilierung trotzdem notwendig werden.

Unser Überblick über die Office-Pakete, die für Linux verfügbar sind, zeigt schließlich Überraschendes. Wer auf ein Original-MS-Office verzichten kann, wird sehr wohl fündig (siehe Seite 324) - zumindest in absehbarer Zeit, denn Star Division benötigt wohl noch ein bißchen Zeit, bis ihre Software nicht nur gut aussieht, sondern auch stabil funktioniert. Aber auch hier gilt wohl: eine gewisse Erfahrung sollte man mitbringen, oder zumindest die Bereitschaft, sich intensiver um die notwendigen Konfigurationen zu kümmern.

Office-Pakete schön und gut - all die Wege, die mit Linux abseits der Trampelpfade der Windows-Welt möglich sind, führen oftmals zu überraschenden Ergebnissen. Emacs sei als Stichwort genannt - einer der mächtigsten Editoren, die es gibt. Mit TeX-Integration wird er prinzipiell zum kompletten Satzsystem. Selbst Mail und News lassen sich damit erledigen, und Web-Surfen kann er auch noch. Und wenn etwas fehlt, findet sich bestimmt ein findiger Lisp-Programmierer, der mit Emacs-Lisp die gewünschten Funktionen nachbaut. Daß dies dann weder in Einrichtung noch in Bedienung auch nur entfernt irgend etwas ähnelt, was man von normalen Textverarbeitungen gewohnt ist, stellt die andere Seite der Medaille dar.

Ähnliches gilt für die weitgehende Automatisierbarkeit des Systems. Wer unter Windows NT immer noch verzweifelt auf eine Skriptsprache wartet, wird sich wundern, was mit Shell-Scripts, Perl oder Tcl unter Linux alles möglich ist. Klar gibt es auch ein Perl für NT. Unter Linux läßt sich aber mit den Skripten aus kleinen Komponenten eine elegante Gesamtlösung zusammenbauen. Selbst komplette, menügeführte Textoberflächen lassen sich so erstellen. Gerade für Anwendungen auf Servern eine ideale Voraussetzung, mit beschränkten Ressourcen auszukommen. Der c't/ODS-Kommunikationsserver für das Projekt `Schulen ans Netz´ ist das beste Beispiel dafür [3].

Für diese Anwendungsfälle ist darüber hinaus die exzellente Netzwerkunterstützung von Linux entscheidend. Sowohl die Protokollstacks (vor allem natürlich TCP/IP) als auch fast alle entsprechenden Server (vom Web-Server über ftp- und Telnet-Daemons bis zum DHCP-Server) gehören zu den Linux-Distributionen selbstverständlich dazu. Wer also einen Kommunikations- oder Intranet-Server aufbauen will, spart mit Linux sehr viel Geld - das kann er besser in gute Systemverwalter und Softwarentwickler investieren. Damit entsteht dann nämlich ein auf die Bedürfnisse der jeweiligen Firma perfekter angepaßtes System, als es mit einer Lösung von der Stange möglich wäre.

Hier liegt wohl auch der Hauptgrund für die Tatsache, daß sich Linux immer mehr in Firmenumgebungen auszubreiten beginnt (siehe Seite 330). Kein Mensch wird auf die Idee kommen, ein Freeware-Unix in die EDV-Struktur seines Unternehmens einzufügen, wenn es nicht massive Vorteile böte. Das schnelle und mit wenig Ressourcen zufriedene System zeigt hier aber auch Schwächen. Der TCP/IP-Stack von Linux ist fast schon notorisch langsam - zumindest, wenn man ihn mit einem Konkurrenten unter den freien Unix-Derivaten, FreeBSD, vergleicht [2].

Die Einsatzgebiete für ein Linux-System sind momentan also recht klar umrissen. Professionelle Anwender mit hohen Ansprüchen an Stabilität und Netzwerkunterstützung finden ein System vor, mit dem sie auch ihre Texte bearbeiten können. EDV-Leiter können Server in die Netze einbinden, die kaum etwas zu wünschen übrig lassen, dafür aber das Budget nicht strapazieren. Und Bastler dürfen immer noch mit diversen experimentellen Kerneln und Software-Modulen herumspielen.

Die Entwicklung von Linux kann manche große Software-Firma beschämen. Inzwischen ist die Hardware-Unterstützung so gut, daß in dieser Hinsicht kaum etwas gegen den Einsatz von Linux spricht. Zusätzlich beeilt sich eine große Entwicklergemeinde regelmäßig, auch Treiber für die neuesten Produkte zu entwickeln. Sie hat auch den Kern des Systems auf eine Stufe gehoben, die kritischen Anforderungen entspricht. Manche Besonderheit, wie das Plug & Play, über das die Windows-Welt oft jammert, bereitet aber noch Schwierigkeiten.

Ein Star für die ganze EDV-Familie ist Linux wohl noch nicht. Die Entwicklung sowohl des Systems selbst als auch seines Umfelds (von den Distributionen angefangen bis zum kommerziellen Support) machen es aber heute schon zu einer gangbaren Alternative zumindest für professionelle Anwender. Ob es je die ideale Besetzung für die Hauptrolle wird, sei dahingestellt. (jk)

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