AR-Spiel Minecraft Earth angetestet: Wenn die echte Welt pixelig wird

AR-Spiel Minecraft Earth angetestet: Wenn die echte Welt pixelig wird

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Das AR-Spiel Minecraft Earth ist deutlich komplexer als Pokémon Go - und wird verwendet, um ein 3D-Modell der echten Welt zu bauen. c't hat in Redmond probegespielt.

Das Projekt war so geheim, dass lange Zeit nicht einmal Microsoft-Mitarbeiter von "Minecraft Genoa" wussten – dem Codenamen des Spiels. Nun hat die Geheimniskrämerei ein Ende, der offizielle Titel ist verkündet: Bei "Minecraft Earth" handelt es sich um ein Augmented-Reality-Spiel für Android- und iOS-Mobilgeräte. c't hat eine frühe Version der App bei Microsoft in Redmond probegespielt.

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Es herrscht verschwörerische Atmosphäre in Building 4 des Microsoft-Town-Center-Campus in Redmond, dem inoffiziellen "Minecraft"-Gebäude. Über 20 Menschen sitzen dicht gedrängt im "Ender Dragon"-Konferenzraum, ungefähr die Hälfte davon Minecraft-Macher, die andere Hälfte Journalisten aus aller Welt. Auf dem Konferenztisch liegen Kisten mit Legosteinen; damit herumzuspielen ist ausdrücklich erwünscht – man habe damit gute Erfahrungen in Meetings gemacht, erzählt Minecraft-Kreativdirektor Saxs Persson.

Zum ersten Mal redet Microsoft heute über sein neues Minecraft-Spiel, an dem die Entwickler-Teams in Stockholm und Redmond seit Monaten arbeiten. Und auch wenn die Wörter "Pokemon" und "Go" nicht fallen, wird doch schnell klar, dass Microsoft sich von dem unerhört erfolgreichen Mobilspiel hat inspirieren lassen: Genau wie bei Pokémon Go kann man auch Minecraft Earth nicht spielen, ohne an die frische Luft zu gehen.

Microsoft nimmt allerdings den Augmented-Reality-Part deutlich ernster als der Konkurrent: Während die AR-Funktionalität bei Pokémon Go nur ein Gimmick ist, das die meisten Spieler nie oder nur kurzzeitig aktivieren, kann man Minecraft Earth nicht ohne aktivierte Smartphone-Kamera spielen.

So ungefähr sieht Minecraft Earth auf dem Smartphone aus. Mehr Screenshots gibt es leider nicht, Microsoft erlaubte auch keine Fotos beim Probespielen. (Bild: Microsoft)

Minecraft Earth besteht aus drei unterschiedlichen Teilen: Einem Aufbau-Teil, einem Sammel-Teil und einem Abenteuer-Teil. Am weitesten fortgeschritten war bei unserem Besuch der Aufbau-Teil, diesen haben wir auch am ausführlichsten gespielt. Um den Modus zu aktivieren, benötigt man eine freie Fläche, beispielsweise den Küchentisch. Darauf richtet man das Mobilgerät, das dann – nach erfolgreicher Erkennung der Freifläche – eine virtuelle "base plate" auf dem echten Küchentisch ablegt. Darauf darf man dann nach Gutdünken die berühmten Minecraft-Blöcke verteilen, Türen einbauen oder "Mobs" (so heißen hier KI-Kreaturen) platzieren.

Das funktioniert erstaunlich gut, auch wenn man sich manchmal ein bisschen verrenken muss: Um beispielsweise Objekte in einem schon fertigen Haus zu platzieren, hält man das Mobilgerät in das Haus hinein, die Außenmauern verschwinden dann. Eine "Lösche-alles"-Funktion gibt es gemäß der Minecraft-Philosophie nicht. Hat man sich verbastelt, muss man die Blöcke einzeln zurück ins Inventar holen.

Apropos Inventar: Das muss man sich verdienen. Es kann durchaus passieren, dass man beim Bauen feststellt, dass Blöcke fehlen. Dann muss man sein halb fertiges Projekt virtuell einpacken und rausgehen -- dort findet man, zufällig verteilt, Inventargegenstände. Dieser Sammelmodus ist der zweite Teil des Spiels und wirkt im ersten Moment relativ unspektakulär: Auf dem Display des Mobilgeräts sieht man eine Kartenansicht der eigenen Umgebung in Minecraft-Optik. Darauf tauchen Blöcke, Kisten oder Mobs auf, die man per Bildschirmtipp einsammelt. Technisch basiert die Minecraft-Karte auf OpenStreetMap, die Microsoft automatisiert minecraftisiert hat. Der Großraum Seattle (zu dem auch Redmond gehört) besteht aus 2,5 Millionen Kartenteilen, auf denen 208.876 Spezialorte angeordnet sind.

An diesen Spezialorten spielt sich die dritte Komponente ab, der Abenteuer-Teil von Minecraft Earth. Hier erleben die Nutzer kleine Abenteuer-Snacks, manche friedlich, in einigen muss man auch gegen Mobs kämpfen. Anders als beim Aufbau-Teil, wo die Minecraft-Welt verkleinert dargestellt wird, präsentiert sie sich im Abenteuer-Modus in Echtweltgröße: Die Pixelschweine sind ungefähr so groß wie echte, die Tür einer Burg so, dass man tatsächlich durchpasst. Um einen Block zu zerstören, muss man eine Waffe – beispielsweise die Spitzhacke – auswählen, zum Block gehen und auf den Bildschirm tippen. Aus Komfortgründen ist die Reichweite der Waffen deutlich größer als in der Realität. Das mag praktisch sein, fühlt sich aber in der Praxis sehr seltsam an. Insgesamt wirkte die Abenteuer-Betriebsart bei unseren Probespiel am wenigsten ausgereift. Gerade im Multiplayer-Modus, wenn also mehrere Spieler das gleiche Miniatur-Abenteuer vor sich sehen, verliefen unsere Probepartien ziemlich chaotisch und unübersichtlich.

Was uns sehr gut gefallen hat: Auf Wunsch kann man die im Aufbau-Modus selbstgebastelte Miniatur-Welt in Originalgröße in die echte Welt holen – und diese dann auch mit Freunden gemeinsam bespielen. Nach aktueller Planung wird es allerdings keine von Spielern generierten Objekte geben, die allen Minecraft-Earth-Nutzern angezeigt werden.

Unter der Haube steckt in Minecraft Earth viel AR-Know-how. Während das Tracking – also die Erkennung von Flächen für den Aufbau-Teil der App – über die AR-Funktionen der Mobilbetriebssysteme Android (AR Core) und iOS (AR Kit) läuft, nutzt Microsoft für die Identifikation von Echtwelt-Objekten ("Mapping") den eigenen Azure-Spatial-Anchors-Dienst. Dieser sorgt nicht nur dafür, dass sich AR-Anwendungen in der echten Welt zurechtfinden, sondern auch dafür, dass die AR-Objekte für mehrere Benutzer an der gleichen Stelle platziert werden.

Microsofts AR sieht die echte Welt als diffuse Punktwolke. (Bild: Microsoft)

Um sich in der echten Welt zu orientieren, reichen einfache GPS-Daten nicht – laut Alex Kipman, Miterfinder der 3D-Kamera-Kinect und der AR-Brille Holoelens, ist GPS "lediglich die Postleitzahl eines Hologramms". Um solche virtuellen Hologramme zentimetergenau zu platzieren, brauche man Ankerpunkte im Raum. Das Problem dabei sei, dass die Software diese Punkte auch erkennen muss, wenn sich die Welt verändert – beispielsweise durch Jahreszeiten oder ganz profan durch herumstehende veränderliche Objekte wie Fahrräder oder Menschen. Die Azure Spatial Anchors müssen also wissen, welche Punkte unverrückbar in die Welt gehören und welche nicht. Dabei helfen durch die Minecraft-Earth-App erhobene Daten, die in Microsofts Cloud-Service fließen.

Mehrfach beteuerten die Macher, dass niemals Fotos der Spielerumgebungen ins Netz gelangen, sondern lediglich von der App berechnete, niedrige aufgelöste Punktwolken. Diese würden auch nur an vorher festgelegten öffentlichen Orten – also an Minecraft-Earth-Spezialorten – generiert, nicht auf Privatgrundstücken oder sogar Wohnungen. Dennoch dürfte Microsoft mit Minecraft Earth einen kleinen Schritt machen in Richtung des heiligen Augmented-Reality-Grals: Der AR-Cloud, also einem 1:1-3D-Modell der echten Welt – von der am Ende dann auch die Hololens-Nutzer profitieren, die den Cloud-Service übrigens selbst nicht füttern: Microsoft betont, dass es Enterprise-Kunden sehr wichtig sei, dass ihre Daten nicht nach außen gelangen.

Obwohl Microsoft mit der Hololens 2 das zurzeit fortschrittlichste AR-Headset im Portfolio hat, wird es Minecraft Earth nur für klassische Mobilgeräte mit iOS und Android geben. "Die Hololens ist ein reines Enterprise-Gerät", erklärte Alex Kipman während der Minecraft-Earth-Präsentation. Dennoch war die erste Version des Headsets wohl nicht ganz unschuldig an der Minecraft-Earth-Idee, schließlich entwickelte Microsoft für eine Hololens-Demo auf der Spielemesse E3 2015 eine kleine Minecraft-AR-Version. Auf die Frage, ob man die mal ausprobieren könne, ernteten wir Gelächter: Es gebe nur einen einzigen Laptop, auf dem das mit heißer Nadel gestrickte Hololens-Minecraft laufe. Der sei sicher gelagert, mit deaktivierten Windows-Update; damit keine Patches das fragile System zerschießen. Wenn das mal wieder zum Laufen gebracht würde, dürften wir gerne vorbeikommen – aber mal eben schnell ginge das nicht.

Minecraft Earth kommt nur für Android- und iOS-Mobilgeräte, nicht für das AR-Headset Hololens. (Bild: Microsoft)

Microsoft betont, dass Minecraft Earth ein "Geschenk an die Spieler" zum zehnjährigen Jubiläum sei, deshalb "free to play" und ohne Lootboxen. Dass es langfristig Echtgeld-Transaktionen gibt, wollte Microsoft nicht ausschließen. Klar ist, dass Microsoft die von den Spielern generierten Punktwolken verwendet, um seinen "Azure Spatial Anchors"-Dienst mit Daten aus der echten Welt anzureichern und zu verbessern; schließlich ist Augmented Reality für das Unternehmen eine wichtige Zukunftstechnik.

Eine erste geschlossene Beta-Version soll im Sommer veröffentlicht werden, für die man sich auf minecraft.net bewerben kann. Wir sind gespannt, ob die Entwickler die drei Spielteile bis dahin zu einem logischen Gesamtkonstrukt zusammengefügt bekommen, bislang wirkten sie noch recht unzusammenhängend und verwirrend. Womöglich ist das aber auch gar kein Problem, schließlich ist laut den Machern "ein bisschen bescheuert" Teil des Markenkerns von Minecraft – neben "hässlich-niedlich", "kreativ" und "abenteuerlich".

Hinweis: Microsoft hat den Autor nach Redmond eingeladen und die Reisekosten übernommen.

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