Ach, Mozilla

@ctmagazin | Editorial

Ach, Mozilla

Der berüchtigte Browser-Krieg ist vorüber. Fast möchte man den Hut ziehen vor Microsoft: Sie haben einen Kampf gewonnen, den viele für aussichtslos hielten - mit fiesen Tricks und Schlägen unter die Gürtellinie zwar, aber gesiegt ist gesiegt. Doch dann sieht man sich den Gegner an und schüttelt den Kopf: So wie Mozilla heute aussieht, hätte sogar ein Shareware-Browser den Kampf gewinnen können.

Da liegt er nun: Mozilla, die Hoffnung aller Nonkonformisten, die Rettung vor Microsofts drohender Browser-Diktatur, frühzeitig an Land gespült in Form eines übereilten Netscape-6-Launches. Da liegt er nun - fett, aufgedunsen und schnarchlangsam. Nicht selten bekommt er nicht mal mehr eine Pfote auf den Boden. Damit will keiner arbeiten; selbst langjährige Netscape-Fans wenden sich ab.

Wesentliche Bestandteile von Netscape 6 sind Open Source. Im April 1998 legte der damalige Browser-Gigant den Quellcode unter dem Namen "Mozilla" offen - in der Hoffnung, dass sich hochmotivierte Open-Source-Entwickler begeistert ans Verbessern machen. "Mal downloaden, mal reinsehen, mal im Quellcode wühlen, cool das." Auf das große Trara folgte die große Ernüchterung: "So sieht also kommerzielle Software aus? Igitt." Die Mehrheit der Entwickler ließ das großzügige Geschenk wie eine heiße Kartoffel fallen und übte sich in gepflegtem Sarkasmus.

Kein Wunder, dass Microsoft alle Forderungen nach einer Offenlegung des Windows-Quellcodes strikt ablehnt: Wer will sich schon ausziehen, um dann gnadenlos ausgelacht zu werden?

Zweieinhalb Jahre dauerte die Generalüberholung des Browsers. Nur wenig blieb dabei vom Ursprungs-Code übrig. Man kann nur begrenzt übel nehmen, dass die Muttergesellschaft Netscape/AOL des Wartens schließlich überdrüssig wurde, die Angelegenheit selbst in die Hand nahm und den unfertigen Browser kurzerhand zur fertigen Sache erklärte.

Die Mozilla-Entwickler konnten schlecht Nein sagen, als sie von den halsbrecherischen Plänen des Mutterhauses hörten. Open Source ist ein Flaschengeist ohne Korken. Den Code wegschließen und sich schützend davorstellen, das geht nicht.

Der Misserfolg von Netscape 6 stellt die Perspektiven der Open Source in Frage: Der Fall Mozilla beweist, dass freier Quellcode allein nicht glücklich macht. Nicht die Lizenzbedingungen machen ein Programm zum Erfolg, sondern der gute Wille und die Zähigkeit engagierter Entwickler.

Vor fünf Jahren fantasierten Techno-Propheten, in absehbarer Zukunft werde das Betriebssystem gegenüber dem Browser nur noch eine untergeordnete Bedeutung besitzen. Heute hängt der Erfolg eines Betriebssystems nicht zuletzt davon ab, wie gut die darauf laufenden Browser sind. Jetzt steht Linux weiterhin ohne einen modernen, massentauglichen Browser da. Mit dem Niedergang von Mozilla kann die Linux-Bewegung die Eroberung der Desktops fürs Erste abschreiben.

Ironie des Schicksals, dass einst ein Dinosaurier Netscapes Maskottchen war. Kurzatmig schnaufend liegt der lahmende Mozilla auf dem fetten Bauch und wartet auf den Verderben versprechenden Meteor - am Horizont taucht der Internet Explorer 6 in die Atmosphäre ein. Den letzten zwei Netscape-Fans bleibt nur die Hoffnung, dass er vor dem Einschlag verglüht.

Gerald Himmelein

Kommentare

Anzeige