Adieu, DRM!

EMI trennt sich als erstes Major Label von digitaler Rechteverwaltung

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Als das Musiklabel EMI am 1. April kurzfristig eine Pressekonferenz mit Steve Jobs als Special Guest anberaumte, glaubten nicht wenige eher an einen Aprilscherz als an den Abschied vom Kopierschutz.

Bislang waren alle vier Major Labels - Sony BMG, Warner Music, Universal und auch EMI - eiserne Verfechter von Digital Rights Management, doch nun will EMI sein digitales Repertoire künftig ohne Kopierschutz verkaufen. Musikshops sollen selbst entscheiden, in welchem Format sie Songs anbieten wollen - laut EMI ist MP3, WMA, AAC und „jedes andere Format“ möglich. Das Angebot soll die bislang mit DRM verfügbaren EMI-Songs allerdings nicht ersetzen, sondern ergänzen.

Zuerst sind die kopierschutzfreien Tracks ab Mai im iTunes Store erhältlich. Die mit „doppelter Qualität“ (256 kBit/s) im AAC-Format kodierten Tracks will Apple zusätzlich zu den DRM-geschützten Songs (128 kBit/s, jeweils 99 Cent) für 1,29 Euro pro Song anbieten. Upgrades bereits gekaufter Songs auf die DRM-freie Version kosten 30 Cent. Wer ein komplettes Album kauft, bekommt es zum alten Preis von in der Regel 9,99 Euro ohne DRM in der höheren Qualität - offenbar ein Versuch, Alben den Kunden wieder schmackhaft zu machen, die sonst eher zu Einzeltracks greifen.

Steve Jobs hatte es im Vorfeld geschickt verstanden, in seinen „Thoughts on Music“ ein flammendes Plädoyer gegen Digital Rights Management zu halten und hängte sich damit medienwirksam an eine Debatte, die auch ohne ihn bereits Fahrt aufgenommen hatte. Zahlreiche Independent-Labels vermarkten DRM-freie Musik schon erfolgreich über verschiedene Online-Kanäle, beispielsweise bei Anbietern wie eMusic, Akuma oder Finetunes.

Mit EMI versucht das erste Major Label, sich dem veränderten Markt und den Erwartungen der Konsumenten anzupassen, anstatt sich dagegen zu stemmen. Spätestens seit Februar hatte EMI mit den Betreibern großer Online-Plattformen - darunter neben Apple auch Amazon oder Yahoo - um die Konditionen eines DRM-freien Vertriebs gerungen. Doch blieben die Gespräche zunächst ergebnislos, weil sich die Vertreter der Online-Verkaufskanäle weigerten, die von EMI als Kompensation für mögliche Raubkopien geforderte Vorauszahlung zu leisten. Zudem wurde der Plan durch die parallel laufenden Übernahmegespräche mit Warner Music erschwert. Der an einer Übernahme EMIs interessierte US-Major ist erklärter Befürworter des DRM. Unklar ist daher, welche Konsequenzen EMIs Abweichen vom DRM-Pfad für die mögliche Ehe mit Warner hat.

Der Bundesverband der deutschen Verbraucherzentralen (vzbv) begrüßte EMIs Entscheidung. Gemeinsam mit anderen europäischen Verbraucherschutzverbänden fordert der vzbv seit geraumer Zeit mehr Interoperabilität und Transparenz bei Online-Musikangeboten. Der vzbr hatte im Januar gemeinsam mit der französischen Verbraucherorganisation UFC Que Choisir und den Verbraucherombudsmännern aus Finnland und Norwegen iTunes angegriffen, weil die bei der Apple-Tochter gekaufte Musik nur auf dem hauseigenen iPod und nicht auf einem beliebigen MP3-Player abgespielt werden kann. Die Verbraucherschützer hatten Apple ein Ultimatum gestellt, durch Nachverhandlungen mit den Plattenfirmen bis September eine Einigung zu erzielen, sonst werde man rechtliche Schritte einleiten. Ob die neuen Entwicklungen ausreichen, um die Verbraucherschützer gnädig zu stimmen, oder ob sie Apple weiterhin zwingen wollen, das hauseigene „Fairplay“-DRM an andere Anbieter zu lizenzieren, bleibt abzuwarten.

Die internationale Vereinigung der Phonographischen Industrie (IFPI) zeigt sich angesichts erschreckend schlechter US-Verkaufszahlen ebenfalls gesprächsbereit. Ende März initiierte sie ein Spitzentreffen mit Vertretern der Verbraucherschutzverbände Deutschlands, Frankreichs, Finnlands und Norwegens. In dem Gespräch ging es vor allem um die Zukunft der DRM-Systeme und deren fehlende Interoperabilität. Die Musikindustrie setzt offenbar alles daran, um dem bröckelnden CD-Geschäft etwas entgegenzusetzen. Die Branche scheint zu glauben, dass es ihr inzwischen so schlecht geht, dass sie sogar bereit ist, auf Kopierschutz zu verzichten, „nur“ um technische Hürden abzubauen. Wie sagte EMI-Geschäftsführer Eric Nicoli so schön: „Wir müssen den Kunden vertrauen, sie aber auch erziehen“, weil nicht alle wüssten, was Recht und was Unrecht sei.

Die deutsche Online-Branche erwartet einen positiven Effekt von EMIs Paradigmenwechsel. Der Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom) rechnet für 2007 mit einem weiteren Wachstum des Online-Musikmarktes. Die Zahl der Downloads werde von 26 Millionen im Vorjahr auf 33 Millionen steigen, die Umsätze würden die Marke von 60 Millionen Euro überschreiten. Das Internet hat sich mit einem Umsatzanteil von knapp 18 Prozent auch hierzulande zum zweitwichtigsten Musik-Vertriebskanal hinter den Elektronikfachmärkten entwickelt.

T-Online-Musikanbieter Musicload steht bereits in Verhandlungen mit der Musikindustrie, um das bisher noch eingeschränkte Angebot an kopierschutzfreier Musik im MP3-Format ausdehnen zu können. Von EMIs Entscheidung erhofft sich die Telekom-Tochter auch positive Impulse für die Gespräche mit den anderen großen Labels.

Musicload selbst hatte sich Mitte März offen gegen DRM ausgesprochen und das „Comeback von MP3“ angekündigt. Im Dezember vergangenen Jahres hatte das Unternehmen - wie zuvor schon andere - Musik des Labels Four Music im MP3-Format ins Repertoire aufgenommen.

Auch Musicload verhandelt mit EMI. Da das Label nun mit Apple zusammenarbeitet, stellt sich nicht mehr die Frage, ob Musicload künftig MP3s von Major Labels anbieten wird, sondern wann das der Fall sein wird. „Angaben zum genauen Starttermin oder der konkreten Ausgestaltung des Angebots werden wir umgehend nach Abschluss der Verhandlungen mit EMI bekannt geben“, heißt es aus der Unternehmensspitze. Bleibt nur noch die Frage zu beantworten, ob die DRM-freien Songs der Major Labels auch bei Musicload teurer sein werden als die Songs mit Kopierschutz. (vza)

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