Alexander Gerst: "Da mussten wir in MacGyver-Manier reparieren"

Wissen | Hintergrund

Er war der elfte Deutsche im All und der dritte Deutsche auf der ISS. Im Interview erzählt Alexander Gerst, wie er dort oben arbeitete, ins Internet ging, seine berühmten Fotos machte und welche Sprache im All gesprochen wird.

Mitte November 2014 kehrte Alexander Gerst nach fast 166 Tagen aus dem Weltraum zurück. An Bord der ISS war der Geophysiker an rund 100 wissenschaftlichen Experimenten beteiligt und arbeitete dabei mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) und der Europäischen Weltraumagentur ESA zusammen. Er war der elfte Deutsche im All und der dritte Deutsche auf der ISS. heise online hatte nun die Gelegenheit, den Astronauten zu seinem Werdegang, seinen Erlebnissen auf der ISS und seinen berühmten Fotos zu befragen.

heise online: Herr Gerst, wie wird man denn Astronaut? Wie muss man sich das vorstellen, an wen wendet man sich oder kommt da jemand auf sie zu?

Vergrößern Im Gespräch mit Alexander Gerst (re.)

Alexander Gerst: Nein, darum muss man sich schon selbst kümmern. Der Wunsch allein reicht leider nicht. Da braucht es auch eine gehörige Portion Glück. Ich jedenfalls hatte schon immer den Wunsch oder zumindest den Traum, aber als Wissenschaftler kennt man natürlich die Statistik. Deswegen wusste ich, dass die Chance gering war. Einfach wegen der Menge der Bewerber, aber ich wollte dem Traum eine Chance geben; damit ich hinterher sagen kann, ich bin jetzt zwar rausgefallen, aber ich habe es probiert. Dann wäre ich weiterhin Geophysiker, was ein toller Beruf ist. Ich selbst war dann am meisten überrascht, als es geklappt hat. Vielleicht war diese Entspanntheit auf dem Weg zu den ersten Auswahltests nach Hamburg sogar sehr hilfreich.

heise online: Wann war das?

Alexander Gerst: Das war 2008. Vorher hatte die ESA in einem Online-Inserat neue Astronauten gesucht. Die Auswahl sollte anfangen, wenn das Columbus-Labor erfolgreich an die Raumstation angedockt hatte. Das war die Voraussetzung dafür, dass wir als ESA-Astronauten da oben Arbeiten erledigen konnten. Durch diesen Beitrag zur Internationalen Raumstation hat die ESA mehr Fluggelegenheiten erhalten. Im Frühjahr 2008 fing die ESA deswegen mit der Auswahl an. Das ist auch in vielen Zeitungen inseriert worden. Ich hatte eigens meinen Webbrowser so vorbereitet, dass mich ein Pop-Up oder eine E-Mail warnt, sobald sich auf der Bewerbungsseite der ESA etwas ändert. Und so hab ich das mitgekriegt.

heise online: Wie wichtig ist für Ihre Auswahl dann Ihre Persönlichkeit und Ihr wissenschaftliches Fachgebiet?

Alexander Gerst: Aus welchem Fachgebiet man genau kommt, ist nicht so wichtig, weil ein angehender Astronaut ohnehin alles neu lernt. Als Astronaut kann man Pilot sein, Ingenieur, Wissenschaftler oder auch Mediziner. Wichtig ist, dass man naturwissenschaftlich arbeiten kann und gezeigt hat, dass man Probleme schnell versteht und sich rasch auf neue Situationen einstellen kann. Aus welcher Ecke man diese Voraussetzungen mitkriegt, ist eher egal.

heise online: Wie hoch ist ihr persönlicher Anteil an ihrer Mission. Sie haben ja deren Namen ausgesucht?

Alexander Gerst: Wir hatten ein Brainstorming gemacht und das war eine meiner Ideen, die es dann geworden ist. Der Name ist aber nicht ausgewählt worden, weil er von mir kam, sondern weil wir alle bei der ESA davon überzeugt waren, dass er zu unserer Mission gut passte.

heise online: Und wie hoch ist Ihr wissenschaftlicher Anteil beim Rest der Mission?

Alexander Gerst: Es kommt drauf an, wie man das definiert. Ausgedacht habe ich mir die Versuche nicht, da möchte ich mir nicht anmaßen, irgendwie mitmischen zu können. Das haben Arbeitsgruppen von Hundertern Professoren, Doktoranden, Diplomanden, alle über Europa und Deutschland verteilt. Da habe ich nicht die geringste Chance, mitzuhalten. Ich bin natürlich als Operator mit dabei, und zwar in unterschiedlichem Ausmaß. Je nach Experiment ist das manchmal nur das Anschalten und die Fehlersuche, wenn ein Fehler auftaucht, was sehr kompliziert werden kann. Oder man hat tatsächlich seine Hände in der Handschuhbox und kann während des Experiments seine wissenschaftliche Intuition einbringen.

Da gibt es einige, während der man wirklich an den Rädchen dreht, etwa um bei Verbrennungsexperimenten in der Schwerelosigkeit die Flamme noch besser hinzukriegen. Oder man gibt durch, dass etwas anders gelaufen ist als gedacht, und wir den Versuch besser noch einmal nachholen. Am besten ist aber, etwas entdeckt zu haben, was wir so noch nicht kannten. Dabei konnte ich auch von meiner Intuition als Wissenschaftler profitieren. Aber das ist für jedes Experiment unterschiedlich. Wir hatten da beispielsweise eines, das zuerst zu scheitern drohte, weil ein Sicherungsbolzen geklemmt hatte. Den mussten wir dann in MacGyver-Manier mit LeatherMan-Tool, Sägeblatt und Rasierschaum reparieren. Der Rasierschaum hat verhindert, dass die Späne unkontrolliert wegflogen.

heise online: Wie muss man sich das Internet an Bord der Raumstation vorstellen?

Alexander Gerst: Die Möglichkeit, auf der Raumstation ins Internet zu gehen, ist aus technischen Beschränkungen und Sicherheitsgründen erst in den letzten Jahren wirklich möglich geworden. Das ist dazu komplett von dem restlichen System getrennt. Das heißt, ich steuere im Prinzip einen Remote-Desktop: Ich logge mich in einen Computer auf dem Boden und bewege da die Maus. Es besteht also überhaupt keine Verbindung zu dem Bordnetz. Natürlich, weil man auf der Raumstation nicht gehackt werden möchte. Deswegen ist das aber auch ziemlich langsam. Weil es so langsam ist, habe ich das ein paar Mal benutzt, aber dann war es für mich keine Option mehr.

Die Datenverbindung zwischen der Raumstation und der Bodenstation ist aber eine KU-Band-Verbindung, also mit ziemlich hoher Bandbreite. Im Prinzip fließen die ganzen nicht operationellen Daten über diese Datenverbindung: wissenschaftliche Daten, Serverdaten, Prozeduren, Informationen für die Crew, IP-Telefon und so weiter. Und über ein komplett getrenntes und relativ langsamen Netz läuft die Verbindung zu dem Remote-Desktop. Die habe ich dann überhaupt nicht mehr genutzt, ich hatte auch nicht das Gefühl, die zu brauchen.

Als Crew haben wir da oben jeder für uns ja auch eine Webpage, auf die das Bodenteam Nachrichten lädt oder Fernsehshows, Grüße von der Familie, einen Kalender und Ähnliches. Das ist bordintern, ohne Verbindung zum Internet. Ich hatte also jeden Tag eine Datei, auf die ich klicken konnte, etwa mit der Tagesschau vom Vortag. Die hab ich dann auf dem Laufband angeschaut. Da kann man nicht viel anderes machen – ich habe so auch alle möglichen Serien angeschaut.

Eine Verbindung zum Internet ist also nicht nötig. Meine Tweets hab ich auch nur anfangs selbst online gestellt. Dann war mir das zu mühselig, da habe ich das als E-Mail ans Team auf dem Boden geschickt. Ich wusste ja, wie viele Zeichen ich zur Verfügung habe. Da hatte ich mir so ein Textdokument gemacht, in dem ich ein paar Mal "1234567890" hintereinander stehen hatte, um zu wissen, wie lang der Tweet sein darf. Das Bild hab ich angehängt.

heise online: Sie haben Ihre Postings also selbst geschrieben, aber die Antworten konnten Sie ja dann nicht wirklich lesen?

Alexander Gerst: Doch, die habe habe ich von den Bodenteams der ESA per E-Mail bekommen.

heise online: Alle?

Alexander Gerst: Nein, nicht alle, das ging nicht, die Menge der begeisterten Antworten hatte sowohl die technischen Möglichkeiten als auch meine Vorstellungskraft gesprengt. Ein paar ausgewählte. Immer mal wieder kam eine E-Mail hoch mit ganz vielen Kommentaren und wenn ich Zeit hatte, hab ich die durchgeschaut. Deswegen hat das manchmal ein bisschen gedauert, bis ich auf einen Kommentar antworten konnte; das waren manchmal zwei, drei Tage.

heise online: Wir haben auf ihren Fotos auch gesehen, dass es da oben sehr viele Notebooks gibt. War das nur ein Eindruck?

Alexander Gerst: Nein, das stimmt und liegt daran, dass wir da oben so viele Nutzlasten haben, die für die Kontrolle oft ein eigenes Notebook brauchen. Jedes Rack hat ein eigenes Computersystem und man hat gemerkt, dass nichtkritische Systeme der Raumstation am besten auf einem standardisierten Notebook laufen, weil man dann Ersatzteile hat. Das sind diese Lenovo Thinkpads, früher waren es die A31p, jetzt A61p.

Von denen haben wir sehr viele an Bord. Wenn die Weltraumstrahlung ein System zerschießt – und das passiert ab und zu mal, besonders an Tagen mit starker Aurora – nimmt man sich einfach ein neues, baut die Festplatte ein und es läuft innerhalb von 10 Minuten. Wenn die Festplatte zerschossen ist, nimmt man die heraus, die neue wird vom Boden aus mit den aktuellen Daten konfiguriert und das Ding funktioniert wieder.

Wir haben da oben die meisten wissenschaftlichen Versuche in sogenannten Racks installiert. Jedes hat eine eigene Funktion. Wir haben im Columbus zum Beispiel das Biolab für die biologischen Experimente, dann ein Rack für Fluidwissenschaften, eines für humanphysiologische Experimente. Die Controller dafür sind in die Racks eingebaut, die Computer sind dann die Schnittstellen zu uns Menschen. Deswegen sind sie für das Vehikel selbst relativ unwichtig. Wenn da ein Computer ausfällt, macht das der Raumstation gar nichts.

Die eigentlichen Computersysteme der Station basieren auf einem komplett getrennten Netz. Das basiert auf einem lange erprobten Militärstandard: MIL-STD-1553. Der ist super-ausfallsicher, aber auch relativ langsam. Mehr braucht man aber auch nicht. Das ist Technik, die sich bewährt hat. Man will für die kritischen Systeme auch nicht immer die neueste Technik haben, die eventuell ausfällt. Das wäre dann ein tödlicher Fehler.

Auf der ISS sind also für jede kritische Datenverbindung in unterschiedlichen Bereichen des Moduls zwei Leitungen verlegt. Selbst wenn ich aus Versehen ein Kabel durchtrenne oder ein Mikrometeorit eines aufreißt, funktioniert das System immer noch, weil ein komplett anderes Kabel an einer komplett anderen Stelle verlegt ist. Und jeden wichtigen Computer gibt es dreimal. Das heißt, selbst wenn unserer Hauptcomputer ausfällt, ist sofort einer auf Stand-By. Dieses System ist von den anderen komplett getrennt. Selbst wenn man sich einen Virus einfangen würde auf dem Linux/Windows-System, hat das überhaupt keine Verbindung zum Steuersystem.

heise online: Sie haben da oben ja auch wirklich viele Fotos gemacht. Haben sie dafür eine eigene Kamera mitgenommen?

Alexander Gerst: Nein, wir haben da ganz viele Kameras an Bord, das sieht man auch auf manchen Bildern. Das sind hauptsächlich Nikons von Modell D2Xs, D3 und inzwischen D4. Alleine in der Kuppel (Cupola) sind permanent schon drei oder vier, mit unterschiedlichen Objektiven. Wenn ich also irgendetwas sehe, fliege ich dahin, nehme eine Kamera, die schon eingestellt ist und löse aus. Wir haben auch eine komplett eingerichtete Kamera im Knoten 1, da ist ein 800er-Objektiv drauf. Wir schweben dann ins russische Modul, um dort durch die hochwertigen Bodenfenster Nahaufnahmen zu machen.

Die Kameras halten auch nicht so lange, weil die kosmische Strahlung die Chips zerstört. Das sieht man auch auf den Nachtbildern, die ich getwittert habe, und die noch nicht korrigiert sind. Auf denen sieht man die ganzen zerschossenen Pixel in den unterschiedlichsten Farben. Ich habe deswegen immer mal einen dunklen Hintergrund fotografiert, auf denen nur die kaputten Pixel zu sehen sind. Das ziehen wir dann am Boden vom Originalbild ab und korrigieren so die anderen Aufnahmen. Das haben meine Kolegen am Boden aber immer erst ein paar Tage später gemacht, das heißt auf den Bildern, die ich getwittert habe, ist das noch oft zu sehen.

heise online: Wie viele Fotos haben Sie denn insgesamt gemacht?

Alexander Gerst: Ich weiß es nicht genau. Ich habe eine Festplatte hier, auf der sind 4 Terabyte Fotos.

heise online: Sie haben die also nicht alle runtergeschickt, die Festplatte haben sie oben voll gemacht und dann mitgenommen?

Alexander Gerst: Nein, die wurden alle runtergeladen. Wenn ich Bilder mache, habe ich eine Flash-Karte, die nehme ich danach aus der Kamera und schwebe dann an irgendeinen unserer vielen Laptops. Dort stecke ich sie in den Kartenleser und es geht ein Fenster auf, in das ich einen Namen eingeben kann. Da schreibe ich, welchen Überflug ich fotografiert habe, also etwa "Frankreich, Deutschland, Polen, Ukraine, Himalaja". Das wird dann der spätere Ordnername. Ich drücke einfach auf Senden und dann werden die Fotos automatisch in einen Download-Ordner kopiert. Innerhalb der nächsten ein, zwei Tage lädt das Bordcomputersystem alles über unsere KU-Verbindung automatisch herunter. Ich sehe den Ordner danach nicht mehr.

Ich habe mir deshalb immer noch eine lokale Kopie gemacht, die ich abends durchgegangen bin. Die schönsten habe ich dann getwittert. Alle Bilder, die ich gemacht habe, gibt es noch einmal extra im System der NASA und ESA. Die sind frei verfügbar. Das sind aber so viele, dass es schwierig ist, da etwas auf gut Glück zu finden.

heise online: Muss man beim Fotografieren im All und in der Station irgend etwas anders machen als hier?

Alexander Gerst: Nicht wirklich. Ich musste mich etwas daran gewöhnen, was gute Belichtungswerte sind. Tagsüber haben wir immer mit Standard-ISO 200 fotografiert, die Blende macht man relativ weit auf, weil die Fenster leider zerkratzt sind und die optische Qualität der Cupola nicht so toll ist. Deswegen Blende 5 und die Zeit wird automatisch angepasst, bis man eine schön blaue Erde hat. Wenn man stark hineinzoomt, muss man ein bisschen aufpassen, dass man nichts verwackelt. Mit dem 800er-Objektiv muss man die Erde wirklich komplett verfolgen, also vorsichtig mitziehen, wenn die Erde vorbeizieht. Sonst wäre alles verwischt. Wenn man es gut kann, kann man die Kamera sogar fast komplett frei schweben lassen, so dass sie die Bewegung selbst mitmacht.

Nachtaufnahmen sind sehr viel anspruchsvoller. Da muss man in den Einstellungen sehr viel spielen. Auf dem Weltraumspaziergang ist es dagegen einfach. Die Kamera stellt man vorher ein. Ich habe mich für ein 10,5-mm-Weitwinkel entschieden, das hat tolle Bilder gemacht. Die Kamera ist dafür auf Automatisch gestellt. Reid (Wisemann, Anmerk. d. Red.) hat seine auf automatische Belichtungsreihe eingestellt, mit der er automatisch noch ein bisschen über- und unterbelichtet hat.

heise online: Das war dann auch mit einer Standardkamera möglich?

Alexander Gerst: Ja, das ist eine D2XS von Nikon. Die ist als eine der wenigen Kameras vakuumzertifiziert. Die NASA will die D4 jetzt auch zertifizieren. Beide haben kein eigenes Druckgehäuse und schweben dann im freien Weltraum. Ich hatte eben diese D2XS mit einem 10,5-mm-Objektiv, Reid hatte ein 28-mm-Objektiv. Da kann man nicht viel machen, außer auf den Knopf zu drücken. Man hört dann auch nicht, ob es ausgelöst wurde, und spürt nur ein bisschen, ob der Auslöser geht und sich der Spiegel bewegt. Manchmal drückt man einfach so auf den Knopf und sieht auch den Ausschnitt nicht. Es gibt zwar ein Sucher, der so konstruiert ist, dass man aus der Distanz reinschauen kann. Aber meistens hält man nur die Kamera und drückt oft drauf. Ich habe auf die Weise 160 Bilder gemacht, davon sind vielleicht 20 etwas geworden. Ein typisches Verhältnis da oben.

heise online: Eine Frage noch zum Abschluss: Was wird eigentlich auf der Raumstation gesprochen, Englisch oder Russisch?

Alexander Gerst: Runglish! (Lacht) Auf dem amerikanischen Teil der Raumstation hat man ja eher die amerikanischen Kollegen, da sprechen wir Englisch. Der ESA-Teil gehört ja zum US-geführten Segment, genau wie der Teil von JAXA (Japan). Wenn ich aber ins russische Segment schwebe, dann war mir immer wichtig, dass ich mich da auf Russisch unterhalten kann, auch um mein Russisch zu üben. Außerdem finde ich, wenn man zu Gast ist, gehört sich das zumindest ein bisschen. Aber die Kosmonauten haben immer versucht, mit uns Englisch zu reden, weil sie ihr Englisch üben wollten. Letztlich haben wir also ein Mischmasch geredet, mit viel Spaß dabei.

heise online: Vielen Dank für das Gespräch.

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