Allein gegen Netscape und Microsoft

Interview mit Opera-Chef Jon S. von Tetzchner

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Viele Software-Häuser haben versucht, Browser-Alternativen zu entwickeln - die meisten sind längst vergessen. Ausgerechnet ein kleines norwegisches Unternehmen bietet Microsoft und Netscape mit wachsendem Erfolg Paroli: Opera 5.11 kann den Platzhirschen durchaus das Wasser reichen.

c't: Herr Tetzchner, wie kamen Sie auf die Idee, Opera Software zu gründen?

Tetzchner: Wir waren ein Forscherteam, das bei Telenor Research (Forschungsabteilung der Norwegischen Telekom) in Oslo ein Dokumentenformat namens ODA entwickelte. Da der Standard sich aber nicht durchsetzte, suchten wir nach einer neuen Aufgabe.

Opera-CEO Jon S. von Tetzchner sieht Opera als attraktive Konkurrenz zu den Mammut-Browsern von Microsoft und Netscape.

Wir sahen damals ein Potenzial im Web, obwohl es noch kaum existierte. Wir hängten einen der weltweit ersten 400 Web-Server ans Netz, den ersten in Norwegen. Zunächst haben wir Intranets für Telenor entwickelt. Da uns die damaligen Browser nicht gefielen, entschlossen wir uns, einen eigenen zu schreiben.

Nach einem halben Jahr hatten wir einen Prototypen fertig. Ende 1994 fragten wir unseren Arbeitgeber dann, was wir damit tun sollten. Da Telenor keine Verwendung dafür hatte, erhielten wir - die beiden Programmierer - die Rechte am Produkt und gründeten Opera Software.

c't: Wie hat sich Opera als Firma entwickelt? Wo kam das Geld her?

Tetzchner: Am Anfang gab es nur uns beide. Wir haben das notwendige Mindestkapital für eine Firmengründung aufgebracht und dann einfach angefangen. Seitdem haben wir das Unternehmen Stein für Stein aufgebaut; unsere Mitarbeiterzahl ist jährlich um 100 Prozent gewachsen. Bis letztes Jahr haben wir auch keine Finanzmittel von außen aufgenommen.

c't: Wie groß ist die Firma jetzt und wie viele Menschen arbeiten in der Entwicklung?

Tetzchner: Wir sind rund 100 Leute. Mehr als die Hälfte sind Programmierer, arbeiten in der Qualitätssicherung oder in Bereichen, die mit der Entwicklung zu tun haben.

c't: Opera unterstützt sehr viele Betriebssysteme. Unter welchem wird entwickelt?

Tetzchner: Wir machen das ‘Cross Platform’, also unter mehreren. Wir schreiben in C++. In den ersten Monaten entwickelten wir noch auf einer Unix-Maschine, dann wechselten wir schnell zu Windows. 1997/98 beschlossen wir, Opera für verschiedene Plattformen anzubieten. Derzeit können wir den gleichen Browser-Kern für sechs Betriebssysteme liefern.

c't: Trotzdem dauert es eine ganze Weile, bis jede Plattform ihre finale Version erhält.

Tetzchner: Die Bedürfnisse der verschiedenen Plattformen unterscheiden sich deutlich. Für Linux und Mac OS müssen wir das gesamte User-Interface oberhalb des Browser-Kernels implementieren, das macht viel Arbeit. In anderen Fällen, beispielsweise für integrierte Geräte (‘Embedded Devices’), liefern wir eher eine Art Komponente: Opera stellt die Seiten dar und die Firma, mit der wir zusammenarbeiten, baut ihr User-Interface darüber. Hier ist der Arbeitsaufwand wesentlich geringer.

c't: Sie sitzen in Oslo, nicht gerade der Programmierhauptstadt der Welt. Ist es hart, hier Entwickler zu finden?

Tetzchner: Es hat durchaus Vorteile, nicht im Silicon Valley zu arbeiten. Das Gute an Kalifornien ist sicherlich, in der Nähe der Kunden zu sitzen. Aber in Norwegen profitieren wir von geringeren Kosten. Im Vergleich zum Valley ist das allerdings an jedem Ort der Welt so.

Wir haben hier in Norwegen einige sehr talentierte Leute gefunden, außerdem recht viele international. Ein Drittel unserer Mitarbeiter stammt nicht aus Norwegen. Einige finden es hier zwar etwas kalt, aber sie arbeiten trotzdem gerne bei der Firma.

c't: Verglichen mit den großen Anstrengungen, die beispielsweise Microsoft in die Entwicklung seines Internet Explorers steckt, wirkt ihr Team sehr klein. Auch Netscape hat bei seinem Mozilla-Projekt mehr Zulieferer. Können Sie da denn mithalten?

Tetzchner: Wir haben die Firma mit zwei Mann gestartet, 1996 waren wir vier, 1997 dann acht und 1998 sechzehn. Schon damals lieferten wir qualitativ hochwertige Produkte aus. Wir konnten also schon mit wenigen Mitarbeitern mitspielen. Nun haben wir mehr Entwickler - das sollte uns helfen. Die in den letzten Jahren dazugekommenen Leute sind sehr gut gewesen; damit halten wir einen hohen Standard.

c't: Was ist eigentlich so schwer daran, einen guten Browser zu schreiben?

Tetzchner: Viele Firmen haben versucht, einen eigenen Browser zu entwickeln und aus gutem Grund wieder damit aufgehört. Das schließt Unternehmen wie IBM, Apple, Symantec oder Oracle ein - um nur ein paar zu nennen, die bis zur Produktauslieferung gekommen sind. Andere Firmen steckten viel Zeit in die Browser-Produktion, schafften es aber nie bis zur Marktreife.

Ein Browser muss schrecklich viele Standards einhalten; allein das ist schon komplex genug. Hat man die implementiert, muss man sein Produkt auch noch so anpassen, dass es mit den Seiten da draußen funktioniert, weil sich 95 Prozent der Sites nicht an die Standards halten. Mosaic versuchte als Erster, nett zu Web-Autoren zu sein und deshalb zu erraten, was der Seitenersteller wirklich wollte. Netscape und Microsoft machten genauso weiter. Mit diesem Problem wird sich jeder, der in den Browser-Markt will, sehr schwer tun.

c't: Was machen Sie jetzt besser? Opera 5 zeigt deutlich mehr Seiten ‘richtig’ an als die Vorversionen. Wie weit kann man in diesem Prozess gehen, so lange die Webmaster ihre Sites noch immer an spezifischen Browsern ausrichten?

Tetzchner: Grundsätzlich wollen wir die Seiten so weit wie möglich genauso anzeigen, wie sie vorgesehen waren. Den Standards entsprechende Seiten zeigt Opera korrekt an; die übrigen soll der Browser trotzdem vernünftig darstellen. Wir missachten die Standards sehr ungern. Manchmal mussten wir, aber zum Glück nicht häufig. Grundsätzlich lautet die Parole, so viele Seiten wie möglich problemlos zu verarbeiten. Diesem Ziel kommen wir immer näher. Wir hoffen, dass uns die technische Weiterentwicklung dabei hilft. Der Einsatz von Technologien wie XHTML und CSS wird den Prozess beschleunigen.

c't: Derzeit bauen die meisten Web-Entwickler noch immer zwei Versionen ihrer Seiten: eine für Netscape, eine für den Internet Explorer. Kaum jemand orientiert sich an den Standards. Wird sich das ändern?

Tetzchner: Ich hoffe es, aber sicher bin ich mir nicht. In den kommenden Jahren werden viele neue Internet-Geräte ohne Windows auf den Markt kommen - allenfalls mit Windows CE. Viele werden auch Linux, EPOC, BeOS oder QNX einsetzen - die meisten benutzen daher keinen Microsoft-Browser. Das ändert die Lage. Für den Browser in einem EPOC-Gerät liegt die Bildschirmauflösung beispielsweise deutlich unter 800 x 600 Pixel.

Allein dieser Aspekt wird die Leute nachdenklich machen. Es gibt dann mehrere Möglichkeiten: Entweder sie erstellen weiterhin Seiten für eine begrenzte Anzahl von Browsern und fügen einfach für jede neue Situation eine neue Seite hinzu: eine Netscape-Seite, eine Microsoft-Seite und eine dritte für Internet-Geräte. Oder sie erkennen, dass das zu weit geht und erstellen lieber eine flexible Seite, die überall gut funktioniert. Neue Technologien wie CSS bieten dafür Mechanismen: Beispielsweise kann man mehrere Style Sheets entwickeln und je nach Zielgerät die passende Stilvorlage verwenden.

c't: Seit Opera 5 gibt es eine kostenlose Version, die sich teilweise über Werbung finanziert. Wirft das schon Geld ab? Der Banner-Markt läuft derzeit ja eher schlecht.

Tetzchner: Das steigert definitiv unsere Einnahmen; für Werber ist es ein wirklich gutes Produkt. Zudem sind seit Version 5 auch die Verkaufszahlen des Browsers angestiegen - obwohl man Opera jetzt kostenlos nutzen kann. Vorher dachten die Leute vermutlich, der Download lohnt sich nicht, weil der Browser ja Geld kostet. Nun sagen sie sich: Wenn er kostenlos ist, will ich ihn auch ausprobieren. Sie testen und mögen ihn, und wer sich nicht an den Anzeigen stört, der bleibt dabei. Andere zahlen 39 Dollar, um die Banner los zu werden. Da jetzt so viel mehr Leute den Browser testen als vorher, gibt es jetzt wesentlich mehr aktive Anwender, ob sie nun zahlen oder nicht.

c't: Wie funktioniert das Banner-System? Es scheint auf IP-Adressen zu reagieren; so bekommen Nutzer aus Deutschland auch deutschsprachige Banner.

Tetzchner: Wenn man in den Voreinstellungen angibt, welche Art von Werbung man will, werden diese freiwilligen Angaben an den Ad-Server geschickt. Sonst kennt er nur die IP-Adresse des Surfers. Wir haben überlegt, das herauszulassen - aber grundsätzlich ist das sicherer als bei einer normalen Website, da der Werbe-Server dort zusätzlich weiß, welche Seite man gerade besucht.

c't: Ist Opera als Firma derzeit profitabel? Oder benötigen Sie Finanzmittel von außen?

Tetzchner: Wir haben durchaus einige profitable Jahre hinter uns, sonst wären wir nicht so weit gekommen, wie wir heute sind. Im Jahr 2000 haben wir uns dann aber entschieden, etwas mehr Druck zu erzeugen und Investoren aufgenommen. Ich muss zugeben, dass wir 1999 und 2000 in den roten Zahlen waren. Wenn man sich aber die Steigerungen bei der Mitarbeiterzahl und der Kosten ansieht, ist das nur logisch. Wir haben aber nie Kredite aufgenommen. Finanziell geht es uns gut.

c't: Womit verdienen Sie Geld?

Tetzchner: Da gibt es den Verkauf der Software und zu einem gewissen Anteil auch die Bannerwerbung. Wir setzen unseren Browser für Windows und Linux ab, demnächst auch für Macintosh. Dann verkaufen wir ihn an die Hersteller von Embedded Devices. Hier gab es signifikante Abschlüsse mit Unternehmen wie Ericsson (Opera wird beispielsweise in einem Bluetooth-fähigen Webpad stecken), Psion und AMD - nur um einige Namen zu nennen. Die kaufen viele Lizenzen, um Opera in ihre Geräte zu integrieren.

c't: Wie überzeugen Sie Kunden, für Opera zu bezahlen, wenn Ihre Konkurrenten ihre Produkte kostenlos vertreiben?

Tetzchner: Es gibt da mehrere Möglichkeiten. Momentan finden die Nutzer Opera sehr häufig etwas fortschrittlicher. Deshalb müssen wir das bestmöglichste Produkt herstellen, damit die Leute es herunterladen. Natürlich kennen die Nutzer Internet Explorer und Netscape, da ist Opera schon ein Umstieg. Als Nächstes zielen wir darauf ab, für den Anwender der erste Browser zu sein. So gibt es jetzt Funktionen wie auswechselbare Skins (seit Opera 5.1) und andere Anpassungsmöglichkeiten.

c't: Auch Microsoft und Netscape bieten Firmen solche kostenlosen Kits an.

Der Unterschied liegt aber darin, dass wir nicht mit ISPs und Inhalte-Anbietern konkurrieren. Will beispielsweise ein Portal einen Browser für seine Kunden, könnte es den Internet Explorer nehmen. Bei genauerer Betrachtung ist Microsoft aber der größte Konkurrent, denn das Unternehmen bietet nicht nur Software, sondern auch viele Dienstleistungen wie Flugtickets an und führt einen der größten Internet-Provider sowie ein Portal. Das beunruhigt mehr und mehr Firmen, was uns wiederum Türen öffnet. Der MSN Explorer hat einigen die Augen geöffnet, erst recht wenn er auch noch in Windows integriert wird.

c't: Sie sagen, Ihr Produkt sei der ‘fastest Browser on Earth’. Wie das?

Tetzchner: Wir reizen das Betriebssystem so weit wie möglich aus und tunen Opera auf die optimale Geschwindigkeit. Daraus ergeben sich nicht selten Probleme, die es dann zu beseitigen gilt - beispielsweise bei den Socket-Implementierungen, aber auch mit nicht standardkonformen Web-Servern. So sind nicht nur die Seiten ein Problem, sondern auch die Web-Server, die die Protokolle nicht einhalten.

c't: Wie sieht derzeit Ihre Bindung an BeOS aus? Wie steht’s mit dem OS/2-Support?

Tetzchner: Wir haben uns zu Be bekannt, und zwar besonders in ihrem ‘BeIA’-Ansatz für Embedded Devices. Ob es neue Versionen von Opera für BeOS geben wird, weiß ich nicht. Wenn Be neue Produkte ausliefert, wird es auch neue Versionen von Opera geben. Bei OS/2 hoffen wir demnächst etwas auszuliefern, aber es läuft zugegebenermaßen zäh. Intern haben wir schon funktionierende Versionen. Es muss geschäftlich Sinn machen - eine nennenswerte Anzahl von Leuten muss sich dafür interessieren.

c't: Sie haben Håkon Wium Lie, einen der Mitentwickler des World Wide Web am CERN in Genf, als Chief Technology Officer in ihrem Team. Er arbeitet noch immer viel beim World Wide Web Consortium (W3C) mit. Hilft das der Firma?

Tetzchner: Er kam zu uns, weil wir so großen Wert auf die Web-Standards legen. Es nützt uns, dass Håkon sehr aktiv beim W3C ist. Er hat eine sehr gute Reputation - wenn er spricht, hören die Leute in der WWW-Gemeinde zu.

c't: Opera sollte von Anfang an möglichst klein und schnell zu laden sein. Wie schafft man das?

Tetzchner: Es gibt viele Bibliotheken wie MFC, die einem unter Windows den Job leichter machen sollen. Wir nutzen die aber nicht, sondern programmieren auf dem niedrigsten möglichen Level, um die richtige Größe und hohe Geschwindigkeit zu erreichen. Das ist reine Handarbeit.

c't: Die Updates folgen derzeit recht schnell aufeinander. Wird das so bleiben?

Tetzchner: Ja. Da wir jetzt mehr Entwickler haben, können wir schneller arbeiten. Wir werden weiterhin häufig neue Versionen bereitstellen, um den bestmöglichen Browser zu liefern. Nicht nur für Windows, sondern auch unter Linux und Mac OS. (ghi)

Jon S. von Tetzchner (33) ist CEO der Opera Software AS in Oslo, Norwegen. Der Skandinavier gründete die Firma im Sommer 1995 mit Geir Ivarsøy, der vorher mit ihm als Forscher bei der norwegischen Telekom Telenor gearbeitet hatte.

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